Vor sechzig Jahren stellte Fender seine zweite elektrische Bass-Gitarre vor. Der Jazz Bass, der im März 1960 in Produktion ging, war ein etwas gehobeneres Modell, das in der Produktreihe des Unternehmens über dem früheren Precision Bass stand. "Dies ist Fenders jüngster Zuwachs auf dem Gebiet der E-Bässe und repräsentiert die Standards, an denen sich andere Modelle messen werden", heißt es in der Pressemitteilung, in der unter den Merkmalen des Jazz-Basses auch eine "neue" Art der Klangregelung aufgeführt ist: "Tandem-Tone- und Volumeregler für jeden Tonabnehmer ermöglichen Mischungen für ein breites Spektrum an Basssounds".

Dies steht beispielhaft dafür, wie Fender damals regelmäßig bereits vorhandene Ideen aufgriff und sie für den eigenen Gebrauch adaptierte. Die "Tandem-Regler" dieser frühen Jazz Bässe — heute würden wir sie wohl als Stack-Regler bezeichnen — tauchten z.B. schon seit mindestens Mitte der 50er Jahre bei mehreren Danelectro Modellen auf. Dano nannte sie "television type" Bedienelemente, da sie ihren Ursprung in den Fernsehern und Radios dieser Zeit hatten.
Auch ein verstärkter Bass war 1951, als Fender sein erstes Model — den Precision — auf den Markt brachte, keine neue Idee. Schon dreißig Jahre vorher, in den 20er Jahren, hatte Lloyd Loar, ein Ingenieur bei Gibson, mit einem verschlankten elektrischen Kontrabass experimentiert.
Im folgenden Jahrzehnt hatte Rickenbacker einen stabförmigen E-Bass im Sortiment ("durch unseren neuen klappbaren, verstellbaren Ständer aufrecht oder in Spielposition gehalten"), ebenso wie Regal ("gut geeignet für alle bundierte Gruppen sowie Orchester") und Vega ("Bassisten haben nach einem elektrischen Bass gesucht, um ihre Position zu verbessern und dem Orchester ein größeres Bassfundament zu geben").
Keiner dieser Versuche war kommerziell erfolgreich, wobei die damalige Verstärkungsqualität auch keine große Hilfe war. Es schien so, als ob die Hersteller wüssten, dass Bassisten ein lauteres, klanglich ansprechendes Instrument wollten — aber ihnen nicht gelingen wollte, die richtige Lösung zu finden.
Everett Hull, der in New York City als Bassist arbeitete, ging das Problem aus einem praktischen Blickwinkel an und dachte sich, dass man den vorhandenen Kontrabass nehmen und verstärken könnte. In den späten 40er Jahren produzierte Hull ein Verstärkungssystem für den akustischen Kontrabass mit einem Mikrofon im Innern des Stachels des Basses. Dieser "amplified peg" gab der Firma ihren Namen Ampeg. Diese Lösung, Kontrabässe zu verstärken brachte ihr mittelmäßigen Erfolg, mit ihren Verstärkern sollte es dann deutlich mehr werden.

Auch die Idee eines bundierten Basses war nicht neu. Mehrsaitige Bassinstrumente mit Bünden, wie die Basslaute und die Theorbe, lassen sich in die 1600er Jahre zurückverfolgen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte Gibson aber den Mando-Bass, ein viersaitiges Instrument mit Bünden, das ab den frühen 1910er Jahren etwa 20 Jahre lang das größte Modell in der Mandolinenserie der Firma wurde.
Ein Gibson-Katalog aus den 20er Jahren zeigte Eleanor Camp, die sitzend den akustischen Mando-Bass mit einem Plektrum spielte. Sie hielt das Instrument im Gitarrenstil angewinkelt über ihren Körper dank der Unterstützung einer "verstellbaren, ausziehbaren Bodenstütze", einer Metallstange, die aus der Unterseite des Instruments herausragte und auf dem Boden ruhte.
Gibson beschrieb den Mando-Bass mit Bünden als "ungewöhnlich leicht zu spielen". Verschwiegen wurde dabei allerdings, dass dieses 150-Dollar-Instrument wenig Chancen hatte, seinen Klang durch die Band und in das Publikum zu projizieren. Der Bass war kein großer Erfolg, wurde aber überraschend lange hergestellt — Leo Fender wusste von einer lokalen Band, die in den 40er Jahren einen Mando-Bass verwendete.
Es gab sogar eine elektrische Bassgitarre, die vor Fenders Precision das Licht der Welt erblickte. Paul Tutmarc, ein hawaiianischer Gitarrist und Lehrer mit Sitz in Seattle, gründete in den 30er Jahren eine Firma namens Audiovox zur Herstellung elektrischer Instrumente, darunter auch eine E-Bassgitarre.

Seine Modell 736 Bass Fiddle wurde erstmals 1936 zum Verkauf angeboten. Sie hatte einen vereinfachten, gitarrenförmigen Korpus aus Nussbaumholz, einen einzelnen Tonabnehmer und Bedienungsknopf auf einem Schlagbrett aus Perlmutt, einen Hals mit 16 Bünden und ein Kabel, das aus einer Buchse an der Oberseite des Korpus hing. Es handelte sich um einen bemerkenswerten frühen Entwurf einer elektrischen Bassgitarre, und Paul Tutmarc sollte als ein Mann mit bewundernswerter Weitsicht, wenn auch wenig kommerziellem Glück, in Erinnerung bleiben.
Tutmarcs Sohn Bud brachte später eine ähnliche E-Bassgitarre, die Serenader, über die Musikvertriebsgesellschaft L.D. Heater aus Portland, Oregon, auf den Markt. Ein undatierter Flyer von Heater — Bud behauptete, das Instrument sei 1948 auf den Markt gekommen — beschrieb die Serenader für 139,50 Dollar als "designt, um das Problem der Sperrigkeit eines normal großen Kontrabass zu lösen".
Nichts von all dem schmälert aber die Bedeutung und Wichtigkeit von Fenders Einführung der elektrischen Solidbody Precision Bassgitarre im Jahr 1951. Die Bass Fiddle und Serenader Bässe waren zwar die ersten , hatten aber weder Einfluss auf den Markt noch auf die Musik. Im Gegensatz dazu wurden die E-Bassgitarren von Fender zum Industriestandard.
Ende der 50er Jahre wurden sich Musikerinnen und Musiker allerdings nur langsam des Potenzials von Bassgitarren bewusst und die meisten Gitarrenfirmen betrachteten die Instrumente trotz zaghafter Schritte von Kay, Gibson, Danelectro und Rickenbacker noch immer mit Vorsicht. Ein großer Hersteller wie Harmony, der normalerweise nie lange zögerte, wenn es darum ging Marktchancen zu erkennen und und zu nutzen, bot erst 1962 ein Bassgitarrenmodell an. Auch Fender gelangte erst 1960 und mit der Einführung des Jazz Bass zur Einsicht, dass der Markt ein zweites Modell in seiner Basslinie stützen würde.
In der frühen Fender Geschichte finden sich noch weitere Beispiele für die Neigung des Unternehmens, sich umzuschauen, das Geschehen zu absorbieren und das Gefundene in die eigenen Produkte zu übernehmen. Fenders ursprüngliche Solidbody-Gitarrenentwürfe, die Tele und die Strat, übernahmen einige Ideen von einer einmaligen Boutique-Gitarre, die Paul Bigsby einige Jahre zuvor für Merle Travis gebaut hatte.
Laut Travis lieh Leo diese Gitarre aus, gab sie eine Woche später zurück und bat Travis, eine "fast ähnliche" Gitarre auszuprobieren, die Leo angefertigt hatte. "Ich sagte ihm, dass ich sie toll finde", erinnerte sich Travis. Der Marketingchef von Fender, Don Randall, schrieb 1950 in einem Brief über Travis "Er spielt den Großvater unserer spanischen Gitarren, gebaut von Paul Bigsby — das Modell, das Leo kopiert hat."
Dale Hyatt, der eine Zeit lang Leos Radiogeschäft leitete und bald ein wichtiger Teil von Fenders Verkaufsteam wurde, bezeichnete Leo als einen echten Denker. "Sein Glaube war", erinnerte sich Hyatt, "dass er alles nehmen, was irgendjemand anders machte, und es besser machen konnte — und dabei Geld zu verdienen. Das spürte er wirklich. Egal, was es war, Leo dachte, dass er alles, was er zu dieser Zeit in seinem Laden hatte, besser machen könnte, wenn er sich selber daran setzen würde."
Es waren nicht nur die Gitarren und Bässe, die Einflüsse von außen offenbarten. Als Leo und Ray Massie die ersten K&F und Fender Verstärker entwickelten, schauten sie die Schaltungen in Handbüchern nach, die RCA zur Werbung für seine Röhren produzierte — so wie es fast jeder andere frühe Verstärkerhersteller in den Vereinigten Staaten tat. Und als Fender 1961 die erste eigenständige Reverb Unit produzierte, wurde das Gerät von Hammonds etabliertem Federhall-System adaptiert.

Tatsächlich haben sich Leo Fender und seine Kollegen wahrscheinlich, so wie jedes andere Team von Produktentwicklern von früher bis heute, gefragt, ob es eigentlich unmöglich ist, etwas völlig Neues und Originelles zu schaffen. Alles vermeintlich "neue" stützt sich in der Regel auf das, was schon einmal da war, wie unscheinbar oder subtil der Einfluss auch sein mag.
Diese Überlegungen kommen auf jeden kreativen Mensch zu. Der französische Künstler Eugène Delacroix hat es vor rund 200 Jahren gut ausgedrückt: "Was geniale Menschen bewegt, oder besser gesagt, was ihre Arbeit inspiriert, sind nicht neue Ideen", schrieb er in seinem Journal, "sondern ihre Besessenheit von der Idee, dass das bereits Gesagte immer noch nicht genug ist".
Über den Autor: Tony Bacon schreibt über Musikinstrumente, Musikerinnen, Musiker und Musik. Er ist Mitbegründer von Backbeat UK und Jawbone Press. Zu seinen Büchern gehören 60 Years Of Fender, The Bass Book und The Ultimate Guitar Book. Tony lebt in Bristol, England. Weitere Informationen unter tonybacon.co.uk.