Wann haben Gitarristen zum ersten Mal Fuzz, Wah und andere transistorbasierte Effekte benutzt?

Im Sommer haben wir den Artikel „Wann haben Gitarristen zum ersten Mal Tremolo, Hall und andere frühe Effekte verwendet?" veröffentlicht. Er untersuchte vier klassische Effekte, die zuerst durch sperrige elektromechanische Mittel erzeugt wurden, die aber das Verlangen unter Gitarristen anfachten, den natürlichen Klang des Instruments zu verändern. Heute beschäftigen wir uns mit einigen der stärker manipulierten Sounds, die durch die Transistorrevolution der 60er Jahre möglich wurden.

Unser erster Artikel erschien im Juli kurz nach dem Tod des Toningenieurs und Erfinders Glen Snoddy-beginnen wir also mit seinem bemerkenswertesten Beitrag zum Klang der modernen Musik: der Fuzz Box.


Fuzz

Fuzz ist wohl einer der schärfsten und dynamischsten Effekte, die dem E-Gitarristen zur Verfügung stehen, aber er hat seine Wurzeln in einem Bassgitarren-Track, der Anfang der 60er Jahre für einen kommerziellen Country-Künstler aufgenommen wurde. Bei der Aufnahme von Grady Martins Bass-Part für Marty Robbins Hit "Don't Worry" (1961) war Ingenieur Glen Snoddy aus Nashville völlig fasziniert von dem verzerrten Sound, der einsetzte, als der Röhren-Vorverstärker in einem der Mixerkanäle aussetzte. Er und der Kunde waren sich einig, dass der resultierende "Fuzz Bass" Track es wert war, behalten zu werden, weshalb Snoddy sich bald an den Nachbau des Sounds in einer eigenständigen Box machte. Seine Schaltungskreation entwickelte sich einige Jahre später zum Maestro Fuzz-Tone-Pedal, und der Rest ist Geschichte.

Maestro Fuzz-Tone FZ-1A

Rockhistoriker streiten sich nach wie vor über das erste Fuzz-Gitarrensolo, das manchmal Big Jim Sullivans Gitarrenspur auf dem 64er P.J. Proby-Hit „Hold Me" im UK zugeschrieben wird. Sie wurde über eine Spezialanfertigung von Roger Mayer aufgenommen. Andere verweisen auf ein von Snoddy gefertigtes Pedal, das Nokie Edwards von The Ventures verwendete, um 1962 „The 2,000 Pound Bee" einzuspielen. Der erste große Erfolg für das kommerzielle Fuzz-Pedal, das Maestro Fuzz-Tone, war „(I Can't Get No) Satisfaction" von den Rolling Stones, in Großbritannien im Juni 1965 veröffentlicht und zwei Monate später in den USA. Durch die Kreuzung der explodierenden Popularität der Stones mit dem infektiösen neuen Sound des Fuzz kam es zu einer klanglichen Revolution.

Die Fuzz-Tone-Schaltung selbst ist extrem einfach und besteht nur aus drei Transistoren und einer Handvoll von Widerständen und Kondensatoren, aber ihr Sound gilt oft als einer der ausdrucksvollsten im Rock. Ein Großteil der Magie der frühen Einheiten von Maestro und anderen Herstellern kommt von den Germanium-Transistoren, auf denen sie basierten. Sie machen einen üppigen, satten Klang und ein taktiles, etwas komprimiertes Spielgefühl möglich. Ihre Abweichungen waren jedoch so stark, dass keine zwei Fuzz-Boxen seinerzeit jemals völlig gleich klangen. Einige klangen einfach dumpf und uninspirierend und andere vollkommen erhaben (Silizium-Transistoren begannen in den späten 60ern, Germanium zu ersetzen).

In der zweiten Hälfte der mittleren 60er produzierte jeder Gitarrenequipment-Hersteller von Rang und Namen eine eigene Fuzz Box-oder setzte zumindest sein eigenes Label drauf. Weitere Klassiker kamen in der Gestalt von Arbiters Fuzz Face, dem Vox Tone Bender, Baldwins Buzzaround, dem Marshall Supa Fuzz und anderen daher.

The Ventures - „The 2,000 Pound Bee"

Treble Booster

Nimm dir eine der ersten Fuzz Boxes, hack einen oder zwei Transistoren ab und stell den EQ so ein, dass hohe Frequenzen betont werden. Schon hast du im Prinzip deinen eigenen Treble Booster. Ursprünglich entwickelt, um genau das zu tun, was vorne draufsteht-in einer Zeit, in der Treble der Schlüssel war, durch den Mix zu brechen (schau dir die hellschaltenden Geräte mit ihrem Top Boost und ihren brillanten Kanälen von damals an)-, wurden Treble Booster schnell für ihre Fähigkeit populär, einen Röhrenverstärker, der kurz vorm Breakup steht, in saftigen Overdrive hineinzutreiben, und zwar unabhängig von der EQ-Einstellung. Diese einfachen Designs sind seither die Favoriten vieler Gitarristen.

Dallas Rangemaster Treble Booster

Der Dallas Rangemaster Treble Booster ist der Großvater des Genres. Er ist weniger „Pedal" als eine Amp-Top Box, die einen Eingang fürs Gitarrenkabel und ein festverdrahtetes Anschlusskabel hinten zum Verstärker besitzt. Darüber hinaus hast du einen An/Aus-Schiebeschalter-keinen Tretschalter-und eine Gain-Level-Kontrolle („Set" genannt), das war's. Die Schaltung enthält insgesamt nur neun Komponenten und für Originale werden auf dem Gebrauchtmarkt des öfteren mehr als 2.000 US-Dollar verlangt.

Das Ding einen Treble Booster zu nennen, kann etwas irreführend sein: Die Rangemaster-Schaltung macht deine Gitarre nicht so viel heller, da sie die höheren Frequenzen mehr als die niedrigeren verstärkt. Das Gerät erschien 1965 und sein erster berühmter Gebrauch wird üblicherweise mit Eric Claptons Verwendung der Box auf einigen Stücken auf John Mayalls 66er-Album Blues Breakers With Eric Claptonzusammengebracht-obwohl es extrem schwierig ist, mit absoluter Sicherheit zu sagen ist, welche Tracks den Treble Booster verwenden, wenn überhaupt. Es scheint ebenso viele Hinweise darauf zu geben, dass er das Gerät auf dem dem sogenannten Beano-Album nicht benutzte (bzw. wenig Beweise dafür, dass er es tat, auch wenn viele Fans leidenschaftlich „Das klingt exakt wie ein Rangemaster!" rufen), aber Clapton könnte es später für Liveshows oder auf ein paar Cream-Songs verwendet haben, oder ... wer weiß wo.

Was auch immer stimmen mag, der Treble Booster als ein Effektgenre wurde in den späten 60ern und in den 70ern extrem populär, und die Dallas-Einheit und andere wurden von Leuten wie Jimmy Page, Tony Iommi, Ritchie Blackmore, Rory Gallagher, Brian May und vielen anderen benutzt.

„Steppin' Out", bei dem Clapton den Rangemaster verwendet hat (oder auch nicht).

Wah-Wah

Ohne die überzeugungskraft eines Studio-Gitarristen und Entwicklers aus Los Angeles wäre das Wah-Wah-Pedal vielleicht auf dem Abfallhaufen der Musikgeschichte gelandet, als ein Neuheitseffekt, der für kurze Zeit auf mikrofonverstärkte Trompeten, Posaunen und andere Blechblasinstrumente angewandt wurde. Stattdessen hat es sich dank Del Casher als einer der ausdrucksvollsten Effekte, die jemals zwischen Gitarre und Verstärker verbaut wurden, durchgesetzt.

Thomas Organ Cry Baby Model 95

Im Jahr 1966 war Casher ein heißbegehrter Gitarrist für Sessions in der L.A.-Musik-, TV- und Filmszene, als Thomas Organ auf seine Produktivität aufmerksam wurde. Das Unternehmen aus L.A. hatte sich gerade mit den Briten von JMI zusammengetan, um Vox-Equipment in den USA zu vertreiben und eigene Ausgaben der zahlreichen Vox-Amps und weiterem Zubehör herzustellen. Während er sich einerseits mit Thomas Organ für die Produktentwicklung zusammensetzte, andererseits im Vox Amplifonic Orchestra auftrat, bemerkte Casher, dass ein schneller Dreher des Tone-Reglers bei den neuen, transistorbestückten Vox-Verstärkern, die von allen Musikern der Promotiontruppe verwendet wurden, ein bestimmtes "Wah" hervorbrachte. Er war fasziniert. Als drehbare Version des MRB-Schalters (für „Mid Range Boost"), den der legendäre JMI-Ingenieur Dick Denney für Vox' britische Transistor-Amps entwickelt hatte, war das etwas ganz anderes als ein traditioneller Tone-Regler-es betonte gleichzeitig verschiedene Kerben im mittleren Bereich der Frequenzbänder der Gitarre durch einen einfachen EQ-Filter, anstatt lediglich hohe Frequenzen zu beschneiden-und gab Casher eine Idee.

Nach einigem überreden stimmte Cashers Chef bei Thomas Organ zu, die Ingenieure Brad Plunkett und Les Kushner unter Rücksprache mit Casher zu beauftragen, die Schaltung hinter dem Regler in ein eigenständiges Pedal mit Rocker-Pedal zu verwandeln, und das Wah-Wah war geboren. Das einzige ungelöste Problem war, dass Thomas Organ-CEO Joe Banaron die Geräte auf Hornisten ausrichten wollte, da Orchester mehrere Hornisten und nur einen Gitarristen haben (daher rührt auch das frühe Sponsoring des Trompeters Clyde McCoy, dessen Foto und Name auf den Unterseiten früher Produktionseinheiten auftauchte). Um Banaron vom Gegenteil zu überzeugen, produzierte Casher eine zehn Songs umfassende Wah-Wah-Gitarren-Demo-LP, die er Ende 1966 in seinem eigenen Garagenstudio aufnahm. Das Promoalbum erschien zu Beginn des Folgejahres, Casher bekam recht, und der Vox Wah-Wah ging im Februar '67 in Produktion. Das Thomas Organ Cry Baby war ab 1968 in den USA erhältlich.

Del Cashers Crybaby-Demoaufnahme von 1967

Jeder der Tracks auf Cashers Demo-LP von Anfang '67 funktioniert als „erstes Beispiel" für eine aufgenommene Wah-Wah-Gitarre, obwohl andere Early Adopters dicht und schnell nachfolgten. Casher hatte zuvor mit Frank Zappa und den Prunes aufgenommen, und Zappa selbst wurde bald zu einem Hauptvertreter des Wah-Wah, ebenso wie Jimi Hendrix und Eric Clapton in Großbritannien, beide beständige Beispiele für klassischen Wah-Wah-Gebrauch.


Octave Divider

Dieser relativ einfache, frühe transistorbasierte Effekt ist möglicherweise einer der verrücktesten, der dem Gitarristen der späten 60er bei richtiger Verwendung zur Verfügung stand-und womöglich ist er noch abgefahrener, wenn er falsch verwendet wird-, indem er eine Note um eine Oktave höher als das Original erzeugt, oft mit einem dunstigen Fuzz drübergeschmiert, um die trippigen, blechigen, leicht dissonanten Gitarrensoli zu ermöglichen, die Psychedelic Rock mitdefinierten.

Roger Mayer Octavia

Der ursprüngliche Octavia-Effekt wurde um '67 von Roger Mayer erfunden und nur als ein paar Custom-Unikate gebaut, die vor allem von Jimi Hendrix auf „Purple Haze" und anderen Songs verwendet wurden. Mayer entwickelte Hendrix' Oktavteiler mit Fuzz aus seinen Experimenten mit der Verdoppelung der Frequenz eines Gitarrensignals heraus, um die Illusion einer Note zu erzeugen, die eine Oktave höher ist als das Original. Allerdings zielte er mit seiner Erfindung nie auf den kommerziellen Markt, was anderen (vor allem Tycobrahe) die Tür für eigene Octavia-Modelle öffnete. Mayer stellte später seine eigene kommerzielle Octavia-Version vor, als er in den 90ern zum Gitarrenpedal zurückkehrte, nachdem er sich in den 70ern infolge von Hendrix' Tod mit der Entwicklung und dem Bau von Studioelektronik beschäftigt hatte.

Innerhalb der Box ist die Schaltung, die den bahnbrechenden Oktavteiler-Klang ermöglicht, nicht viel komplizierter als die der oben diskutierten frühen Fuzzboxen und Treble Boosters. Sie umfasst lediglich drei Transistoren, einen Impedanz-Zwischenstufen-Transformator und diverse Widerstände und Kondensatoren. Ihr Funktionsprinzip hingegen ist ziemlich Hightech. Wie mir Mayer vor einigen Jahren erklärte, „verdoppelt sie die Anzahl der Bilder des Tons. Und das lässt sie anscheinend nach der doppelten Frequenz klingen, obwohl das gar nicht der Fall ist. Weil das Signal doppelt so häufig hoch- und runtergeht, nimmt es das Ohr als gedoppelte Frequenz wahr, obwohl du die Verhältnisse aneinander angepasst hast." Mayer ergänzte in anderen Worten: „Es ist, als ob man etwas vor einen Spiegel hält. Du siehst es doppelt, aber es ist nach wie vor nur ein Gegenstand da." Schön und gut.

Es braucht meist etwas übung, einen Oktavteiler richtig einzusetzen. Traditionelle Interpretationen verfolgen nur einzelne Noten und sie bevorzugen sauberes, direktes Picking, relativ wenige Bögen und Krümmungen sowie ein Signal, das nicht mit Obertönen überladen ist. Die besten Ergebnisse erzielst du meist mit einem Gitarrenhals-Pickup und einem Single-Coil-Pickup daran, der um den 12. Bund oder darüber gespielt wird. Machst du es aber richtig, ist es ein überraschend effektiver und ansteckender Sound.

Jimi Hendrix - „Who Knows"
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