Der Begriff des Class A-Verstärkers wurde 1989 mit dem Aufstieg der Firma Matchless Amplifiers als einem der ersten Fabrikanten der aufkommenden "Boutique"-Szene ein heißes Thema der Gitarrenwelt. Matchless, damals wie heute die erste Wahl vieler tourender Profis, vermarkteten ihre Amps so entschieden als Class A, dass es für Firmengründer Mark Sampson und Rick Perrotta fast schon so etwas wie eine Religion wurde.
Sampson, der frühere Chefdesigner bei Matchless, sagte mir ein paar Jahre nachdem er die Firma verließ über Class A Amps: "Ich finde sie sind die besten Gitarrenverstärker. Sie haben die beste Obertonfülle."

Matchless waren dabei nicht die Ersten, die den Lobgesang auf Class A-Amps anstimmten. Randall Smith begann 1983 seine Mesa/Boogie-Amps ab dem Mark IIC+ Modell mit Simul-Class-Switching auszustatten, die ermöglichten, zwischen Class A, Class AB oder einer Mischung aus beiden zu wechseln. Auch unzählige andere Amps davor wurden augenscheinlich nach Class A-Format gebaut und nur nicht als solche vermarktet.
In der Zwischenzeit haben Hersteller wie TopHat, 65 Amps, Morgan, Carr, Orange, Budda, Victoria und Dr. Z Amps in ihr Line-Up aufgenommen, die als "Class A" beworben werden (obwohl viele dieser Firmen auch Amps der "anderen Klasse" bauen). Und natürlich haben auch Vox, deren Verstärker der goldenen Ära oft als Ursprung und Inbegriff der Class A-Amps genannt werden, sie auch weiterhin gebaut.
Immer im Kopf behalten sollte man allerdings, dass die Einstufung als "Class A" zwar nach "das Beste" klingen mag, dies aber nichts mit der eigentlichen Bedeutung des Ausdrucks zu tun hat. Und bei allem Respekt für Sampsons "es sind die Besten"-Kommentare sollte bemerkt werden, dass unzählige Gitarrenlegenden — und die Klassiker, die sie aufgenommen haben — da etwas einzuwenden hätten.
Was "Class A" wirklich bedeutet
Oberflächlich scheint "Class A" das "beste vom Besten" zu implizieren, wie "Güteklasse A" oder "erste Klasse". Niemand würde sich schließlich mit Klasse B zufrieden geben wollen, oder? So funktioniert die "Class"-Geschichte bei Verstärkern jedoch nicht. Um es nochmal zu verdeutlichen, während ihr wahrscheinlich wirklich keinen Class B-Sound haben wollt (Class B weißt hohe Übernahmeverzerrung auf — keine gute Sache), benutzen viele der besten Gitarristinnen und Gitarristen der Welt seit Jahren "Class AB"-Verstärkerdesigns, die zu den beständigsten Klassikern gehören.
Kurze Randnotiz: Bevor wir uns in die Definitionen stürzen, beachtet dass euer durch den Amp laufendes Gitarrensignal entweder "single-ended" ist, es also durch nur einen Weg und eine einzelne Ausgangsröhre läuft, oder es in zwei gegenphasige Stränge aufgeteilt wird. In dieser zweiten Konfiguration , "push-pull" genannt, werden diese Stränge von einer der zwei Ausgangsröhren (oder einem von zwei Paaren, bei größeren Amps mit vier Ausgangsröhren) verstärkt. Eine Röhre "drückt" die "Gipfel" der einen Wellenform, während die andere die "Täler" in der anderen, gegenphasigen Form "zieht". Die zwei werden im Ausgangsübertrager kombiniert und so ein verstärktes Signal an die Lautsprecher gegeben.
Class A ist nach Definition dann ein "single-ended"-Verstärker, dessen eine Ausgangsröhre jederzeit auf 100% läuft, oder ein "push-pull"-Modell, dessen zwei Ausgangsröhren in keinem Teil der Wellenform völlig abschalten. Dieser Zustand wird durch eine Kombination aus Röhrenbias und der Spannung, mit dem sie laufen (oft "heiße" Biaseinstellung genannt) erreicht. Daraus folgt zwar weniger Effizienz, also weniger Lautstärke, aber auch weniger Übernahmeverzerrung, sowie andere klangliche Eigenschaften (unten mehr dazu).
Bei Class B-Verstärkern arbeitet jede Röhre nur während des halben Wellenformzyklus und schaltet prinzipiell auf der anderen Hälfte ab. Daraus folgt zwar eine sehr effiziente — also laute — Verstärkung, da die Ausgangsröhren die Arbeit untereinander aufteilen, klanglich eignen sich diese Verstärker aber durch die fiese Verzerrung, die in der Übergangsphase zwischen dem An- und Abschalten der Röhren entsteht, nicht für Gitarren.
Class AB hingegen verbindet Eigenschaften von Class A und Class B zu einem Verstärker mit ordentlicher Lautstärke, der aber durch eine nahtlosere Arbeitsteilung der Röhren zwischen Hügel und Tal der Wellenform Übernahmeverzerrung vermeidet. Bei gleichen restlichen Aspekten sind Class AB-Verstärker generell leistungsstärker als Class A-Amps, darüber hinaus klingen sie meist etwas tighter und kraftvoller, oft sind auch die Bässe solider.
Wir sehen also, dass "Class A" kein Adjektiv oder Wertigkeitssiegel ist, sondern ganz einfach ein Begriff, der die Art der Endstufe des Verstärkers identifiziert. Wissenswert ist auch, dass die Klassenbezeichnungen noch über A, AB und B hinaus zu Class C und Class D gehen, deren spezifische Arbeitsweise wir hier aber nicht besprechen müssen.
Bürger zweiter Klasse?
Bezüglich beachtlicher Class AB-Verstärker, wie wär's mit dem Fender Tweed Bassman, Pro, Super undTwin, außerdem dem Blackface Bassman, Deluxe Reverb, Twin Reverb, Super Reverb und allem dazischen? Oder den MarshallJTM45, Plexi und JCM800 Modellen, Hiwatts legendären Stacks, oder den beiden ursprünglichen Modellen der Mesa/Boogie Mark-Serie, dem Mark I und Mark II, oder demSoldano SLO oderBogner Shiva und noch sehr vielen mehr? Keine schlechte Liste, oder?
Anders gesagt: wenn Jimi Hendrix, Eric Clapton, Jimmy Page, Pete Townshend, Stevie Ray Vaughan, Joe Bonamssa und zahllose andere beim großen Teil ihrer angesehensten Arbeit Class AB-Amps benutzt haben, fällt das "Class A sind die Besten"-Argument dann doch etwas auseinander, oder? Die Unterscheidung zwischen Class A und Class AB kann euch aber trotzdem eine Menge über den Klangcharakter eines Amps verraten und beide Klassen haben ihre eigenen Fans und Anwendungsbereiche.
Zur Verwirrung trägt allerdings auch noch bei, dass viele Amps die als "Class A" bezeichnet werden streng genommen eigentlich nicht Class A sind. Dies lässt sich aber leicht erklären.
Was Hersteller wirklich meine, wenn sie "Class A" sagen
Anstatt wenn ein Hersteller den Begriff "Class A" in seinem Werbematerial benutzt anzunehmen, dass dieser Gitarrenamp genau der Class A-Definition entspricht, bedenkt folgendes: es ist sehr schwer herauszufinden, ob ein vermeintlicher Class A-Amp auch tatsächlich nach den strikten Definitionen von Class A arbeitet, ohne ihn auf die Werkbank zu hieven und sehr sorgfältig mit entsprechenden Messgeräten durch die komplette Reichweite seiner Funktion zu überprüfen. Was Hersteller stattdessen meistens mit Class A meinen, ist dass der Amp mit Kathodenbias und ohne negative Rückkopplung läuft.
Kathodenbias bedeutet, dass der Endstufenröhrenbias durch große Leistungswiderstände, die permanent mit den Kathoden der Röhren verbunden sind geregelt wird. Keine negative Rückkopplung bedeutet, dass es keine Rückführung vom Ausgang der Stufe zurück zum Eingang des Phasenwenders gibt, eine Technik die zwar in vielen Class AB-Designs verwendet wird um den Amp tighter und sauber laufen zu lassen, die aber auch einen Teil der harmonischen Obertöne unterdrückt.
Diese zwei Techniken werden in vielen Verstärkern angewandt, die vielleicht bei genauerer Untersuchung als Class A durchgehen. Für sich genommen sorgen sie aber schon für die Klangeigenschaften, auf die sich sowohl viele Hersteller als auch Gitarristen und Gitarristinnen beziehen, wenn sie von Class A-Amps sprechen: ein hohes Maß an harmonischer Obertönsfülle und ein sanfter Beginn der Verzerrung, wenn der Amp von clean in die Sättigung geht.
Class AB-Verstärker hingegen klingen relativ tight und kraftvoll, mit einem knackigen, glockenartigeren Cleansound und Verzerrung, die etwas kantiger und schneidender ist, dabei in einem gut designten Amp aber immer noch sanfter, als die fiese Übernahmeverzerrung eines Class B-Amps, dank der Mischung der Eigenschaften von Class A und B.
Und was nützt das?
Eine begründete Frage. Oder, anders ausgedrückt: "was bringt mir mein Verständnis darüber, was in einem vermeintlichen Class A-Amp passiert, dafür einen besseren Gitarrensound zu bekommen?"
Für sich alleine genommen tut es das nicht. Aber es kann euch ein paar Wegweiser auf der Suche nach "dem Sound" geben:
Ein Amp der als Class A geführt wird, ist nicht unbedingt besser als ein anderer Verstärker seiner Größe — es beschreibt nur die Gestaltung der Endstufe.
Ein als Class A bezeichneter Amp (was genau genommen nur Kathodenbias und keine negative Rückkopplung bedeutet) ist wahrscheinlich in Richtung Vox AC30 und ähnlicher Amps anzusiedeln.
Wer nach großem Twin Reverb-Twang, britischem Crunch oder schmetternden Metalsounds sucht, wird wahrscheinlich eher bei einem Class AB-Amp fündig.
Zum Schluss sei noch gesagt, dass viele alte klassische Amps wie Fenders Tweed Deluxe, Gibsons GA-40 Les Paul Amp und das Supro Model 1624T (auch als Model 24 bekannt) Kathodenbias und keine negative Rückkopplung hatten. Heutige Hersteller würden sie wahrscheinlich als "Class A" bezeichnen, aber damals wurden sie nie so beworben, einfach weil... es niemanden interessierte. Wenn sie gut klingen, klingen sie gut. Und das ist am Ende alles, was wir wissen müssen.




