Lässt ein Röhrengleichrichter den Amp wirklich besser klingen?

Außerhalb von Tech-Foren und Amp-Werkstätten wird der geheimnisumwobene Gleichrichter selten als mehr als Marketingphrase verwendet, von Herstellern oder Händlern, die euch überzeugen wollen, dass ihr Amp besser klingt "weil er einen Röhrengleichrichter hat".

Egal wie viel von Fall zu Fall an dieser Behauptung dran sein mag, ihr könnt euch sicher sein, dass es in den meisten Fällen eine grobe Übertreibung ist, die einen Mangel an Verständnis dafür, was dieses essenzielle Teil der Stromversorgung jedes Amps tatsächlich macht.

Lasst uns einen Blick darauf werfen, was ein Gleichrichter wirklich ist, ein paar der verbreitetsten Arten anschauen und in Betracht ziehen, ob er den Sound eines Amps wirklich beeinflusst — und wenn ja, wie?

Das originale AC/DC

Einfach gesagt ist ein Gleichrichter die Komponente (oder das Netzwerk von Komponenten) innerhalb eines Röhrenverstärkers, die positive und negative Wechselstromlinien (AC) vom Stromwandler des Verstärkers in eine einzelne Gleichstromlinie (DC) wandelt, die es den Signal verstärkenden Röhren ermöglicht ihren Job zu machen.

Im Laufe dieser AC-zu-DC-Wandlung erhöht ein Gleichrichter meist das resultierende DC-Spannunglevel. Das Level wird auf dem Weg zu den großen Endstufenröhren sogar zwei Mal erhöht: bei einem Fender Deluxe Reverb, zum Beispiel, kommt der AC-Strom mit ungefähr 120V aus der Netzsteckdose in den Amp, wird vom Stromwandler auf ca. 330V AC gefahren und dann vom Gleichrichter in mehr als 400V DC gewandelt, um das Paar 6V6GT Ausgangsröhren anzutreiben.

Ein Gleichrichter wandelt also AC zu DC um, nichts mehr als das. Er befindet sich nicht im Signalweg, was also bedeutet, dass der Teil des Verstärkerschaltkreises, der euer Gitarrensignal leitet ihn zu keiner Zeit durchläuft.

Alternatives Signal
Signal teilweise "begradigt"

Auch wenn meist nur von Röhrengleichrichtern die Rede ist, hat jeder Röhrenamp einen Gleichrichter der einen oder anderen Art. Gleichrichter kommen in zwei Formaten: Röhre und Halbleiter. In der heutigen Retro- und Boutique-isierten Welt der klanglichen Mythen und Fehlinformationen, wo jegliches Gitarrenequipment mit einer glühenden Röhre automatisch als besser angesehen wird, ist es wichtig zu erkennen, dass Halbleitergleichrichter nicht unbedingt schlechter als Röhrengleichrichter sind — sie sind einfach nur anders.

Erwähnt werden sollte auch, dass ein Röhrenamp mit Halbleitergleichrichter immer noch berechtigt als "kompletter" Röhrenverstärker bezeichnet werden kann.

Außerdem gibt es bei ausschließlich röhrenbasierten Gleichrichtern auch noch viele verschieden Typen, die mit verschiedenen Betriebscharakteristiken aufwarten um so verschiedenen Verstärkerdesigns gerecht zu werden. Halbleitergleichrichter (heutzutage meist Silikondioden) variieren zwar, aber hauptsächlich nur darin, wie viele Dioden entsprechend der Größe und Leistung des Verstärkers gebraucht werden.

Eine Sache des Gefühls

Lasst uns nochmal zu der Aussage von oben zurückkehren: "Ein Gleichrichter wandelt also AC zu DC um, nichts mehr als das. Er befindet sich nicht im Signalweg". Daraus könnte man jetzt leicht schließen, dass die Art des Gleichrichters den Sound auf keine Weise beeinflussen würde, was aber nicht der zwingend so sein muss. Die verschiedenen Gleichrichterdesigns und Röhrentypen können sich deutlich auf das Spielgefühl eines Amps auswirken – und wie ja bestimmt viele von uns wissen, kann das "Feeling" unsere Wahrnehmung vom Sound stark beeinflussen.

Silikondioden und Brückengleichrichter

Sowohl Vor- als auch Endstufenröhren arbeiten bei verschiedenen Spannungspegeln anders, ein Gleichrichter der die 330V AC eures Wandlers zu 400V DC umwandelt lässt euren Amp also ein bisschen anders klingen als einer, der zu 350V DC wandelt. Neben dieser Frage der Leistung gibt es noch zwei weitere Faktoren, die euren Sound beeinflussen:

  1. Die Geschwindigkeit der AC zu DC Wandlung ist in den beiden Extremen deutlich spürbar: als tightes, reaktionsschnelles und deutliches Ansprechverhalten in einem Amp mit schnellem und effizientem Gleichrichter, oder als weicheres, nachgebendes Gefühl bei einem mit langsamerem Gleichrichter. Keins von beidem ist unbedingt "schlecht" oder "gut" – wie bei so vielen Soundfragen hängt es ganz davon ab, wonach ihr sucht.

  2. Die Geschwindigkeit, mit der der Gleichrichter sich von großen Wandlungsaufgaben erholt, auf Englisch "sag" genannt. Wenn ihr zum Beispiel bei einer aggressiven Passage mit aufgedrehtem Amp härter in die Saiten schlagt, lässt dies die Noten komprimiert und "aufblühend" anfühlen.

Diese Faktoren sorgen dann verbunden für den Eindruck von Attack, Kompression, Dynamik und Berührungsempfindlichkeit, den euch ein Röhrenamp gibt. Hier bemerkt man dann, ob bewusst oder unbewusst, wie der Gleichrichter arbeitet.

Heißt das aber, dass Amps mit Halbleitergleichrichter keinen "sag" haben oder komprimieren? Ganz und gar nicht, weil die Vor- und Endstufenröhren selber auch auch als Folge der Last wenn ihr hart und laut spielt komprimieren und aufblühen – bei manchen Amps mehr, bei manchen weniger – was auch wieder zum Spielgefühl der Verstärker beiträgt.

Und wer gewinnt?

All das soll nicht sagen, dass eine Art Gleichrichter als die anderen wäre – sie sind einfach unterschiedlich. Die "besser oder schlechter" Frage lässt sich erst im Zusammenhang mit der Musik die ihr spielt klären. In vielen Fällen werdet ihr mit beiden Varianten völlig zufrieden sein und für manche Genres ist der sonst so hoch angesehene Röhrengleichrichter wahrscheinlich sogar die schlechtere Wahl.

Über die Jahre hab ich oft Leute Sachen sagen hören, wie dass man "für einen guten Cleansound einen Röhrengleichrichter" bräuchte. Der Fender Twin Reverb, oft für den bestklingendsten Cleansound aller Zeiten gelobt, hat aber einen Halbleitergleichrichter. Genau so der Carr Rambler Combo, der Dioden verwendet und als großartiger cleaner Verstärker bei Clublautstärke bekannt ist.

Am anderen Ende des Spektrums sind es die Metal- und Shredgitarristen, die gezielt nach der schnellen, detaillierten Ansprache, dem tighten Bass und der Durchschlagskraft eines Halbleitergleichrichters suchen (hierbei sollte erwähnt werden, dass es schwieriger ist Verstärker mit 100 Watt oder mehr mit Röhrengleichrichtung auszustatten, auch wenn dies teilweise, wie beim Mesa Rectifier mit mehreren Gleichrichterröhren erreicht wird).

Vintage und moderne Klassiker mit Halbleitergleichrichter sind unter anderem der Marshall Plexi und diverse spätere Modelle, die auf seiner Grundlage basieren, 50- und 100-Watt Hiwatts, Soldanos SLO, der Bogner Ecstasy, die Mesa/Boogie Mark Series, der BE-100 von Friedman und viele, viele mehr, deren Sound unter dieser Art der Stromwandlung in keinster Weise leidet.

Auch wenn wir oben den Twin Reverb als Gegenbeispiel benutzt haben, sind Gleichrichterröhren in vielen klassischen Twang 'n' Roll Amps wie dem Fender Deluxe Reverb, dem Super Reverb und anderen zu finden. Oft werden solche Amps in Genres mit Vintage-Bezug, wie Rock 'n' Roll, Blues oder Roots Rock verwendet.

Viele härtere Rockarten wurden aber auch auf Ampklassikern mit Gleichrichterröhre gespielt, unter anderem dem Marshall JTM45 Topteil und dem Bluesbreaker Combo, dem Vox AC30 und Fenders Tweed Bassman und Tweed Deluxe. Es ist also fast schon wieder zwecklos, diese Komponente bestimmten Genres zuzuordnen (außer den Metal-Extremen, die äußerst häufig zum Halbleitergleichrichter greifen).

Röhrenarten

In einem Halbleitergleichrichter ist nicht viel zu sehen, die Art der Gleichrichterröhre hingegen kann euch ein paar Hinweise darauf geben, wie hart oder weich das Spielgefühl des Amps sein wird. Andere Faktoren spielen da zwar auch mit herein, aber die Unterschiede der Effizienz und Geschwindigkeit verschiedener Röhren können die Richtung angeben, wie viel "sag" und Kompression der entsprechende Amp haben wird.

Von weich zu hart geordnet sind hier jetzt einige der häufigeren Gleichrichterröhren, über die ihr stolpern werdet:

5Y3: taucht oft in amerikanischen Amps mit 20 Watt oder weniger, wie dem Tweed Deluxe, dem Princeton oder, anderen Artgenossen auf.

EZ81: Eine neunpolige britische Gleichrichterröhre, die auf den ersten Blick an eine EL84 Endstufenröhre erinnert. Zu finden im originalen Vox AC15 und anderen britischen Amps unter 20 Watt.

5R4: Diese große Röhre (nicht zu verwechseln mit der unten folgenden 5AR4) wird in modernen Designs kaum noch benutzt, liefert aber vielen vintage Amps mittleren "sag".

V.l.n.r.: eine antike 80, 5U4-GB, GZ34, 5Y3-GT, 6X4

5V4:1 die 5V4 ist kleiner als viele andere achtpolige Gleichrichterröhren und etwas solider als die 5Y3 und die 5R4. Heutzutage sieht man sie meist paarweise als Tauschoption für die einzelne GZ34 (siehe unten), die von Werk aus im Matchless DC30 verbaut wurde, wenn ein sanfteres Spielgefühl mit mehr "sag" gewünscht wird.

5U4G: eine relativ straffe Röhre, oft in mittelgroßen Fender Blackface und Silverface Amps zu finden.

GZ34 (oder 5AR4): Sehr ähnlich, wenn nicht sogar identisch. Die britische GZ34 war in den ersten Vox AC30 der frühen '60er verbaut, während die amerikanische 5AR4 der Standard in vielen großen Fender Amps war. Beide gehören zu den steifsten, effizientesten Gleichrichterröhren die in Gitarrenverstärkern verwendet werden, obwohl sie immer noch mehr "sag" als ein Halbleitergleichrichter haben.

Manchmal kann eine Gleichrichterröhre gegen eine andere getauscht werden, um das Spielgefühl des Amps zu optimieren, ihr solltet diesen Eingriff aber nie vornehmen, ohne vorher mit dem Hersteller des Amps und/oder qualifizierten Techniker/innen geredet zu haben. Falsch gewählte Gleichrichterröhren können zu schwerwiegenden, gefährlichen Schäden führen, besonders wenn dadurch höhere Spannungslevel in andere Teile des Amps geraten.

Das Fazit

Denkt daran, dass ihr euren Amp nicht nach der Art des Gleichrichters auswählen müsst und ihr wahrscheinlich viel mehr Erfolg haben wollt, indem ihr einfach die Verstärker in eurer Preisklasse wählt, eure Gitarre anschließt und sie ausführlich anspielt. Lasst eure Finger und eure Ohren entscheiden, ganz egal wie der Wechsel-zu-Gleichstromwandel funktioniert.

Zu wissen, was ein Gleichrichter ist und was er tut kann euch aber helfen, besser informiert zu sein und nicht auf Werbeversprechen hereinzufallen – und auch, zu verstehen warum sich ein bestimmter Amp so anfühlt, wie er es tut.

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