Als ein junger anstrebender Gitarrist namens Roger Linn zum ersten Mal mit seinem Prototyp einer Drum Machine zu protzigen Rockstar-Partys in Los Angeles ging, war er noch so früh im Schaffensprozess, dass er das Gerät in einem Karton präsentieren musste.
Dieser behelfsmäßige Kasten wäre sicher ein seltsames Stück Musikgeschichte geworden, könnte Linn sich nur erinnern, was daraus geworden ist. Der Linn LM-1 Drum Computer war aber auch ein wahres Geschenk der Kreativität für ein weiteres junges, erfinderisches Genie namens Prince Rogers Nelson.
Als Grundstein des Soul-Funk-Rock-Cosmic-Sounds von Prince garantierte der LM-1, dass sich seine Musik von der seiner Zeitgenossen abheben würde. Diese Geheimwaffe war allerdings nicht billig; als Linn sie 1979 einführte, kostete sie 5.000 Dollar. Nur 525 wurden jemals hergestellt, und gebrauchte LM-1s waren damals fast unmöglich zu finden, was bedeutet, dass er für sein Modell wahrscheinlich das heutige Äquivalent von 17.600 $ (plus Steuern) bezahlt hat. Selbst heute kommen die seltenen Originalmodelle auf Reverb zu Preisen zwischen 4.000 und 10.000 Dollar.


Doch angesichts der Hits, die "the Artist" den Slidern, Knöpfen, Reglern und Chips des Geräts entlockt hat, gilt sein LM-1 als eine der wohl besten Gear-Investitionen der Geschichte der Popmusik. Und während der LM-1 seine Karriere anschob, trieb Prince wiederum die moderne Drummaschine ins Rampenlicht. Andere Künstler — darunter Peter Gabriel, Stevie Wonder und Michael Jackson — machten mit dem Gerät großartige Musik; die 1981er Human League Smash-Single "Don't You Want Me" brachte zahllose Musikfans dazu, sich zu fragen: "Was ist das für ein Sound?"
Prince hat den LM-1 jedoch so stark in seine Musik integriert, dass es unmöglich ist, sich seine beliebtesten Songs ohne ihn vorzustellen. Wo andere genauso gerne andere Drum-Simulatoren benutzten, spielte Prince seine LM-1 wie ein besessener, als würde er ein echtes Drumkit montieren und zerlegen. "Drumcomputer-Liebhaber betrachten Prince als eine Art Hendrix des LM-1", schrieb der Guardian 2009, eine durchaus treffende Bezeichnung.
Wie hat Prince den erste Sample-basierten Drumcomputer der Popmusik in eine "Magic Box" verwandelt? Obwohl Prince für das Geheimhalten seiner Studiotechniken berüchtigt war, hinterließ er Hinweise darauf, wie er den LM-1 bearbeitete, um seinen eigenen perkussiven Kosmos zu schaffen.
"Echte Trommeln unter den Fingerspitzen." So bewarb Roger Linn den LM-1 in der Produktbroschüre. Allerdings macht es einen großen Unterschied, über wessen Fingerspitzen wir hier sprechen, und Prince begnügte sich nicht damit, ein paar der 46 Tasten zu berühren und es dabei zu belassen. Für ihn hätte das Motto genauso gut lauten können: "Echte Trommeln mit deinem Fingerabdruck". Prince hinterließ seine Spuren an der ganzen Maschine, indem er sie auf eine Art und Weise durch die Mangel nahm, die von Roger Linn nie beabsichtigt war, die er aber bis heute bewundert.

"Prince's Hits haben durch den kreativen Einsatz des LM-1 einen gewaltigen Eindruck hinterlassen", sagte Linn mir in einem Reverb-Interview von 2017. "Ich habe ein paar Mal versucht, Prince zu kontaktieren, aber habe nie von ihm zurückgehört. Er war sehr wichtig für meinen Erfolg."
Im Gegensatz zu anderen Künstlern, die lediglich einen einfachen Beat programmierten und ihn so wiederholen ließen, wie er ist, manipulierte Prince die Preset-Sounds des LM-1, trommelte aggressive Pattern und Fills mit den Fingern ein und benutzte — wie ihr weiter unten genauer erfahren werdet — die individuellen Outputs und den Stereo-Kanalausgang des Geräts, um die One-Shots und Patterns durch Effekte zu leiten.
"Er hat nicht nur einen Stock Beat ausgewählt und Play gedrückt, sondern das Gerät auf ungewöhnliche und kreative Weise genutzt, vom Verstimmen der Drums, bis sie nicht mehr wie Drums klangen, über die ungewöhnlichen Beats, die er programmierte, bis hin zur Art und Weise, wie er sie im Mix eingesetzt hat", sagte Linn.
Nicht einmal Linn weiß genau, wie Prince das angestellt hat, und selbst die, die ihm am nächsten standen, scheinen lückenhafte Erinnerungen zu haben. Online hat dies hat zu wilden Spekulationen von Fans und modernen Produzenten geführt, die immer noch hoffen, die Geheimnisse von Prince und seinem LM-1 zu lüften. Wir haben hier eine Art Wegweiser zu einigen seiner charakteristischen Sounds und Songs rekonstruiert, in der Hoffnung, genug Infos gesammelt zu haben, um sein Reich der Purple-Percussion nachzuempfinden.
So viel wissen wir: Prince war kein Gearnerd. Als bemerkenswerter Gitarrist benutzte er in seiner Karriere weniger als ein Dutzend Effektpedale, mehr als die Hälfte davon waren von Boss. Trotz Gerüchten, die in Foren diskutiert wurden, gibt es keine Beweise dafür, dass Prince unter die Haube seines LM-1 ging, um Hardwareänderungen vorzunehmen, zumindest nicht zum Zeitpunkt seiner berühmtesten Aufnahmen der 80er Jahre.
Ein weiteres lästiges Forumsthema, das angesprochen werden muss: Prince besaß und benutzte manchmal die nächste Ausführung, die LM-2 LinnDrum, mit der Musiker dank EPROM-Chips neue Sounds tauschen konnten. Doch selbst mit einigen fortgeschritteneren Features erlaubte die LinnDrum nicht die gleiche Feinabstimmung aller Schläge, noch hatte sie den besonderen internen Sequencer-Swing, den Prince bevorzugte. "Er hat die LinnDrum ausprobiert, als sie herauskam, aber er mochte sie nicht", sagte Prince-Engineer Susan Rogers 2017 zu TapeOp.

So begann Prince also mit dem gleichen Fundament wie jeder andere LM-1-Besitzer, einer Bibliothek mit einem Dutzend stimmbarer Sounds: zwei Congas, zwei Toms, Snare, Bass, Hi-Hat, Cowbell, Claps, Rimshot, Tamburin und Cabasa (aber leider keine Becken). Die 8-Bit-Samples von echten akustischen Drums und Percussion-Instrumenten wurden von Linns Freund, dem Schlagzeuger Art Wood gespielt (was Wood gewissermaßen zu einem Stammmitglied der Rythmusgruppe von Prince machte).
Aber da er mit einem Fuß fest in der Gitarren-Welt verankert war, mischte Prince seine Effektpedale mit dem Linn auf eine Art und Weise, wie es sein Erfinder nie gedacht hätte. Was Prince so besonders machte, war, was er mit diesen Klängen gemacht hat, nachdem sie das Metallgehäuse des LM-1 verlassen hatten.
Von denjenigen, die Prince im Studio am nächsten standen, bietet Rogers — Princes Ton-Ingenieurin des Vertrauens, die fünf Jahre lang praktisch an seiner Seite blieb, angefangen bei den Purple Rain-Sessions bis ins Jahr 1988 — den besten Einblick in die Art und Weise, wie er den LM-1 gesteuert hat. Neben ihrer integralen Rolle am Mischpult, ist sie außerdem übrigens verdammt klug: Rogers hat mittlerweile einen Doktortitel in Psychologie und ist anerkannte Forscherin in Musikkognition und Psychoakustik.
Als Teil ihres ersten Jobs für Prince installierte sie eine API-Konsole in seinem Homestudio im Erdgeschoss seines Ranch-Hauses (natürlich lila gestrichen) im vorörtlichen Minneapolis. Wie auch Prince und Linn war sie damals erst in ihren Zwanzigern, erst 27 Jahre alt.
In einem Interview mit iZotope von 2016 erinnerte sich Rogers daran, warum der LM-1 der Go-to-Drummer von Prince wurde:
"Prince mochte ihn, weil es auf der Rückseite individuelle Ausgänge für jeden einzelnen Sound gab, und er einen Stimmknopf für jeden einzelnen Sound hatte. Du kannst jede Trommel so wie du willst individuell stimmen."
Und dann kam Prince, der Gitarrengott.
"Er mochte es, einen Percussion-Mix, der aus dem Ausgang dieser kleinen Fader kommt, durch seine Boss-Effektpedale zu leiten. Also könnten zum Beispiel die Hi-Hat, Becken, Cabasa und Claps alle durch ein Boss-Pedal laufen, mit dem wir Verzerrung hinzufügen konnten. Wir hatten das Heavy Metal-Pedal, das braune. Er hatte das orange Distortion-Pedal und das Delay, das blaue."
Natürlich ist es einfacher, sich Farben als Namen zu merken. Basierend auf Rogers' Beschreibungen, Fotos von Prince's Pedalboard und dem bisschen, das Prince über seine Ausrüstung preisgab, sind dies wahrscheinlich die Pedale, mit denen Prince den LM-1 bearbeitet hat:
- Boss HM-2 Heavy Metal (braun)
- Boss DS-2 Turbo Overdrive (orange)
- Boss DD-3 Digital Delay ("das blaue", blaue Schrift, weißes Pedal)
- Boss VB-2 Vibrato (mittelblau)
- Boss BF-2 Flanger (lila)
- Boss OC-2 Octaver (von dem bekannt ist, dass er ihn benutzte)
"Wir namen sein Boss-Pedalboard von seinem Gitarren-Rig, schlossen es einfach an den Ausgang der Drum Machine an und konnten so Claps, oder meistens Snare oder Toms und Hi-Hat und was immer wir wollten durch diese Mischung aus Heavy Metal-Pedal und Flanger und Chorus und Delay und Distortion schicken", sagte Rogers 2016 der Red Bull Music Academy. "Das Pedalboard richtig einzustellen — auf den Sound für die Percussion — war einer der Tricks, die er erfunden hat und die andere in seiner Arbeit kopiert haben."
Prince besaß auch ein Dunlop Cry Baby Wah-Wah und einen Rotovibe, ersteres benutzte er gelegentlich um seinen LM-1 herauszuheben (siehe unten).
Angesichts des prominenten Platzes des LM-1 im endgültigen Mix — die einzige Begleitung sind für den größten Teil des Songs Gesang und Keyboard — ist "When Doves Cry" einer der leichter zu dekonstruierenden Songs. Viel wurde über den ausgehöhlten Sound im Intro des Songs geredet, der sich bei Prince-Fans sogar einen eigenen Spitznamen verdient hat: den "doorknock", der Türklopfer.
Linn erzählte The Current 2017: "Das war nur eine Aufnahme einer so genannten Cross-Stick-Snare-Drum, einem Snare-Drum-Stick, bei dem man die Spitze auf den Trommelkopf hält und den Stick gegen den Rand der Trommel schlägt. Er benutzte einfach diesen normalen Sound, aber entschied sich dazu, ihn etwa eine Oktave oder noch mehr runterzustimmen, um das, was als 'klopfender' Klang bekannt wurde, zu erhalten."
Während es LinnDrum-Fans gibt, die meinen, dass das Klopfen von der LM-2 (der tatsächlich einen ähnlichen Klang enthält) stammen muss, redete Linn in diesem Interview über den LM-1. "Er tat dasselbe mit dem Tamburin. Er verwandelte es in dieses lose klirrende Ding, das überhaupt nicht wie ein Tamburin klang. Diese Sounds wurden zu charakteristischen Klängen auf seinen Platten, also haben sie anschließend natürlich viele Leute gestohlen", sagte Linn.

Mit Bonuspunkten für seine violette Lackierung wurde der Boss BF-2 Flanger zu einem Lieblings-Pedal für Prince, um den Klang des LM-1 zu verändern. Achtet bei "Doves" auf das schmalbandige, enge Flanging, das auf die Tom-Akzente gelegt ist. Eben so unverwechselbar wie subtil, ist es schwierig herauszufinden, welche Trommel genau die Textur triggert. Dieser Flanger kann auch auf den Drums von "If I was Your Girlfriend" gehört werden.
Man sollte auch beachten, dass der Gitarrenfreakout im Intro von "Doves" großzügig den Boss OC-2 Octaver einsetzt. Angesichts der rasanten Geschwindigkeit, mit der Prince im Studio arbeitete, ist es möglich, dass er einfach das nahm, was eh schon herumlag und so der Kickdrum des LM-1 einen Hauch vom OC-2 verpasste. Tiefe Oktaven sind außerdem auch in seinem Gesang zu hören.
Ein weiterer Prince-Trick, der vielleicht seinen Weg in diesen Song gefunden hat, war der britische AMS RMX16 Digital Reverb. Prince liebte es, die Kickdrum durch sein Reverse-Tube-Preset laufen zu lassen, und der AMS-Patch wurde definitiv bei einem anderen Prince-Hit ohne Bass, "Kiss", verwendet (hier gibt es allerdings einige Diskussionen darüber, ob der LM-1 oder ein Linn 9000 verwendet wurde).
Der Song "1999" aus dem gleichnamigen Album von 1982 wurde mit seiner Band The Revolution und deren Drummer Bobby Z eingespielt, wobei LM-1 Drum-Fills (achtet auf konsistentes Attack, Kaskade und Beat-Sequenz) Verse und Refrain ausfüllen. Hört genauer hin und ihr werdet bemerken, wie das Cry Baby dem Linn und den Live-Drums Wah-Stabs verpasst. An manchen Stellen könnt ihr ein andickendes Delay hören; Prince liebte kurze Delaysettings von etwa 150 ms, die vermutlich von einem Boss DD-3 stammen.
Auf "The Ballad of Dorothy Parker" mag es auf den ersten Blick so klingen, als ob Prince den LM-1 einfach sein Ding machen lässt, befreit von jeglichen Effekten. Wie bei "When Doves Cry" verankert ein einfacher Loop den Rhythmus und der Song erinnert atemberaubend an die reduzierte"Family Affair"-Ära von Sly Stone. Unter dem minimalistischen Beat legt Prince aber Verzerrung (wahrscheinlich das Heavy Metal oder das Boss DS-2) auf die Tom-Akzente und verdoppelt das Attack der Kickdrum-Hits mit leiernden Synthesizer-Akkorden. Auf "Darling Nikki" könnt ihr außerdem auch ein treibendes, Double-Kick Pattern hören, das er per Hand eingehämmert hat.
Prince und sein LM-1 bildeten eine bemerkenswerte Verbindung von computergestützter Technologie und kreativem Meisterwerk. Wenn man an Synchronizität glaubt, ist es durchaus möglich, dass er und Linn sich auf einigen unsichtbaren Ebenen verbunden haben: zwei Gitarristen in ihren Zwanzigern, beide Genies und kreativen Köpfe, die sich mit den Möglichkeiten zur Veränderung der Rolle des Rhythmus in der Popmusik beschäftigt haben.
Falls dieser spirituelle Ansatz etwas an den Haaren herbeigezogen klingt, bedenkt diese letzten Worte von Linn und dem Purple One, die sich mit so viel Seele überkreuzen wie Kick und Snare in einem transzendenten Rhythmus:
Prinz in einem seltenen Guitar Player-Interview: "Du musst deine spirituelle Basis respektieren. Du musst das Instrument respektieren. Das Volumen und der Ton eines Instruments sind so wichtig."
Linn, der sich an einen Zeitschriftenartikel erinnert, den er vor Jahren gesehen hat: "Es zeigte ein Bild aus seinem Paisley Park Studio in Minneapolis von seinem ersten LM-1 Drum Computer, und es stand eine Lampe darauf. Es war wie ein Schrein."

Auf einer etwas praktischeren, wenn auch nicht weniger erstaunlichen Ebene, war Prince' präzise Anpassung einzelner Drumsounds ein Vorbote unserer Zeit der zeitgenössischen Pop-Rhythmusproduktion.
Die heutigen Produzenten mit ihren DAWs machen sich nichts daraus, an jeder ihrer Kicks, Snares und Claps zu basteln und einzelne Drum-Tracks zu verschieben, bis sie genau so klingen, wie sie es wünschen. Prince brachte die gleiche anspruchsvolle klangliche Perfektion mit den relativ groben Instrumenten seiner Zeit zum Tragen und brachte die Drumsounds, die er in seinem Kopf hörte, nur mit den eigenen Pitch-Reglern des LM-1 und seinem Boss-Pedalboard aufs Band.
Vielleicht war es nur der persönliche Geschmack des Purple Ones, vielleicht war es eine Vorahnung, aber die Kreation von Pop-Rhythmen folgte in seinen Fußstapfen.