Aretha Franklin, die "Queen of Soul" und eine der größten Sängerinnen aller Zeiten, ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Nachdem bei ihr 2010 Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert und behandelt wurde, hatte sie immer wieder gesundheitliche Probleme, die so stark wurden, dass sie 2017 ihren Rücktritt aus dem Showgeschäft bekanntgab. Franklin starb heute im Kreis ihrer Freunde und Familie in ihrer Heimatstadt Detroit.
Die begnadete Sängerin, Interpretin, Musikerin und Songwriterin inspirierte nicht nur andere Legenden wie ihre Altersgenossen Otis Redding oder Ray Charles, sondern lieferte auch das Modell, nach dem sich Generationen junger Sängerinnen und Sänger formten.
In ihrer berühmten Interpretation von Reddings "Respect" machte Aretha seinen Beziehungsstreit zu einer bekräftigenden Hymne und sich selbst so zur Berühmtheit. Redding stellte, nachdem er ihre Version hörte, fest: "Das Mädchen hat diesen Song von mir genommen. Das ist nicht mehr mein Song. Ab jetzt gehört er ihr".
Ähnlich verneigte sich Ray Charles vor Franklin, der erklärte, dass ihre Aufnahme von "That Lucky Old Sun" seine eigene bekanntere Version inspirierte.
Als Kind spielte Aretha Gospel-Piano und sang in der New Bethel Baptist Church ihres Vaters in Detroit. Reverend C.L. Franklin war ein Star-Pfarrer, ein überregional bekannter Gospel-Leader, dessen Glaubenskreis unter anderem Mahallia Jackson, Clara Ward, Nat King Cole und Martin Luther King Jr. angehörten. Er wurde von manchen "der Mann mit der Millionen-Dollar-Stimme" genannt und seine Predigten aufgenommen, breit veröffentlicht und in Radiosendungen im ganzen Land gespielt.
Aretha Franklins erstes Album bestand aus Gospelsongs, die in der New Bethel Kirche live aufgenommen wurden als sie gerade mal 14 Jahre alt war. Vier Jahre später holte Produzent und Talentscout John Hammond, der unter anderem Bessie Smith aufnahm und Billie Holiday entdeckte, die 18-jährige Aretha zu Columbia Records.
Im Lauf ihres 6-Jahre-Vertrags mit Columbia wurden ihre Fähigkeiten allerdings in übermäßig glatten Popalben eingeschränkt. Erst durch den Wechsel zu Atlantic Records und ihre Aufnahmen aus dem Muscle Shoals Studio von 1967 wurde sie darin bekräftigt, so gefühlvoll und leidenschaftlich wie sie kann zu singen, begleitet von der damals jungen und mittlerweile legendären Hausband des Studios.
"I Never Loved a Man the Way I Love You", erste Single und Namensgeber ihres Debüts auf Atlantic, wurde speziell für Franklin geschrieben und war ihr erster R&B Hit, die zweite Single "Respect" katapultierte sie zum Ruhm. Das Album wartete aber auch mit starken Versionen von Ray Charles und Sam Cooke Klassikern auf, sowie mit einer Handvoll fantastischer Songs, die Franklin mitverfasste, wie zum Beispiel "Dr. Feelgood" oder "Baby, Baby, Baby", den sie mit ihrer Schwester und Backgroundsängerin Carolyn schrieb.
Von diesem Moment an war Franklin auf der ganzen Welt bekannt und beliebt. Sie landete von 1967 bis 1968 zehn Top 10 Hits, sieben weitere folgten im Lauf ihrer Karriere, gewann 18 Grammy-Awards und verkaufte mehr als 75 Millionen Alben. "I Say a Little Prayer", "Chain of Fools" und "(You Make Me Feel Like) A Natural Woman" sind nur einige ihrer unsterblichen Hits dieser Ära.
David Remnick schrieb im New Yorker, dass Martin Luther King "C.L. Franklin einmal anvertraute: 'Frank, ich werde keine 40 Jahre alt werden'. Bei der Beerdigung von Dr. King im April 1968 wurde Aretha gebeten, 'Precious Lord' von Thomas Dorsey zu singen. Sie war jetzt eine zentrale Stimme, sowohl in der schwarzen Community, ihren Vater in den Schatten stellend, als auch in der Musikwelt. Sie überquerte Grenzen."
Inmitten dieser öffentlichen Tragödie und gleichzeitiger Anerkennung drohte Arethas Privatleben zu kippen. Ihre Ehe mit ihrem Manager Ted White, den viele als fordernd und gewalttätig kannten, näherte sich dem Ende. Sie trank viel und begann Shows abzusagen und Aufnahmesessions zu verpassen. 1969 sagte sie unvermittelt eine komplette Tour ab und zog sich in die Kirche ihres Vaters zurück.
In einem Muster, das sich über große Strecken ihres Lebens wiederholen würde, kehrte sie schon bald in die Öffentlichkeit zurück, ohne ihre Abwesenheit anzusprechen. Die frühen 70er Jahre stellten für sie dann eine ebenso kreative Zeit wie die späten 60er dar.
Mit Young, Gifted, and Black von 1972 hatte sich Arethas Sound auf breitere Genres und Einflüsse ausgeweitet. Das Album bescherte ihr den Grammy für die "Best Female Vocal Performance".
Zu dieser Zeit nahm sie auch zwei Livealben auf, die die zwei Seiten ihrer musikalischen Persönlichkeit präsentierten. Auf Aretha Live at Fillmore West spielte sie sich zusammen mit einer Backingband, mit dabei Drummer Bernard Purdie und Organist Billy Preston, durch ihre Hits, Beatles-Cover und andere Rocksongs. Alle drei Shows, die zu diesem Livealbum wurden, kann man sich online ansehen, mit dabei auch Aretha an einem Rhodes mit einer Version von "Bridge Over Troubled Water".
Mit Amazing Grace kehrte Franklin zur Kirche zurück und führte den Southern California Community Choir. Es wurde Arethas meistverkauftes Album und das erfolgreichste Gospelalbum aller Zeiten.
Eine Dokumentation über die Enstehung von Amazing Grace, gedreht mit Franklins Erlaubnis von Sydney Pollack wurde auf Eis gelegt. Zunächst, weil Pollack die Aufnahmen so schoss, dass es ein Ding der Unmöglichkeit war den Ton mit den Bildern zu synchronisieren. Nachdem digitale Technik soweit war, dass der Film vollendet werden könnte, blockte Franklin dann gerichtlich die Veröffentlichung mit Bezug auf ihr Bildnis- und Persönlichkeitsrecht.
Während sie in den 80er Jahren zwar nicht an ihre früheren Höhepunkte herankam, hatte Franklin weiterhin kommerziellen Erfolg, beispielsweise mit dem Platinalbum Who's Zoomin' Who? von 1985 und "I Knew You Were Waiting For Me", einem Nummer 1-Hit Duett mit George Michael.
Berühmt für ihren Gesang, wird das Songwriting von Franklin oft vernachlässigt, obwohl "Think", "Call Me", "Ain't No Way", "Day Dreaming" und das schon erwähnte "Baby, Baby, Baby" nur ein paar der Songs sind, die Aretha entweder alleine, mit Ted White oder ihrer Schwester Carolyn schrieb. Ihr Klavierspiel war ebenso tief im Gospel verwurzelt wie ihre Stimme.
"Man kann mein Piano mein Markenzeichen nennen, oder eines meiner Markenzeichen", sagte Franklin mal dem Rolling Stone.
In Respect: The Life of Aretha Franklin, der unautorisierten Biografie von David Katz, erklärt Franklins Bruder und späterer Manager Cecil Franklin, warum sie auf all ihren Atlantic Alben als Produzent genannt werden sollte, aber bis Amazing Grace diesen Titel nie erhielt.
"Jeder wusste, dass sie das wichtigste Element dieser Alben war. Aber wenn man sich die Alben anguckt, sieht man die Namen Jerry Wexler, Tommy Dowd und Arif Mardin als Produzenten," sagt Cecil. "Aretha hatte aber die großen Visionen, wie die Songs klingen sollten. Aretha hatte die Arrangements - sowohl Instrumental aus auch Gesang - im Kopf. Sie brachte die Harmonien, sie brachte die Grooves, sie hatte den musikalischen Vibe, der ihre Alben rausstechen ließ."
Nachdem Bill Clinton sie 1992 einlud bei seiner Amtseinführung zu singen, begann für Aretha eine neue Ära, in der sie häufig für Präsidenten auftrat und so ihre Rolle als nationales Kulturgut zementierte. Sie wurde von Clinton mit der National Medal of Arts und von George W. Bush mit der Presidential Medal of Honor ausgezeichnet und trat bei vielen Schlüsselmomenten der Präsidentschaft von Barack Obama auf.
In der nationalen Szene präsent zu bleiben stellte sich als wichtig heraus, da Franklin nicht international auf Tour ging. 1984 entwickelte sie eine starke Angst vor Flügen und verweigerte alle Verkehrsmittel außer den Bus. Manche Freunde und Familienmitglieder schoben diese Angst auf ihre Unfähigkeit die Kontrolle abzugeben. In der zweiten Hälfte ihrer Karriere war Franklins Privatleben nach vielen Darstellungen durch ihren Kontrollzwang zerfahren.
Katz nennt einige Beispiele in seiner Biographie von 1995 — das Beiseiteschieben der Karriere ihrer Schwester, Wutanfälle wenn andere weibliche Stars auf ihren Labels gesignt wurden, Streitereien mit der Familie. Katz schrieb schon vorher an Arethas Autobiografie, bei der sie sich weigerte auf solche Kontroversen einzugehen. Nachdem das neue Buch erschien, stritt sie Katz' Ausführungen ab.
Ausstaffiert im Nerz, eine mit Perlen versehene Handtasche tragend — oft mit dem Geld gefüllt, das sie sich im Voraus ihrer Auftritte auszahlen ließ — blieb sie eine Instanz auf den Bühnen Nordamerikas und den Fernsehern der ganzen Welt, die Verkörperung von Talent und Diventum. Ihr letztes Album A Brand New Me verband archivierte Gesangsaufnahmen mit Arrangements des Royal Philharmonic Orchestra und erschien im November 2017.
Wie Billy Preston schon Katz in Respect erzählte: "Sie kann in ihre Divarolle schlüpfen und die Welt ausmachen. Aber in jeder Nacht, in der sich die Lady ans Klavier setzt und ihren Körper und ihre Seele in einen hammermäßigen Song steckt, macht sie dir echt Angst. Und dann weißt du — schwörst du — dass sie immer noch die beste verdammte Sängerin ist, die dieses abgefuckte Land je hervorgebracht hat."