Seit es Rockmusik gibt, sind Gitarristen auf der Suche nach mehr.
Die Suche nach lauteren, aggressiveren Gitarrensounds begann Mitte der 1960er Jahre in Großbritannien. Gitarristen wie Pete Townshend von The Who, Jimi Hendrix und Tony Iommi von Black Sabbath verwendeten ein bisschen Technologie und viel Attitüde, um mit knorrigen, verzerrten Sounds die erste Welle des Hard Rock einzuleiten.
Mithilfe der ersten hoch-Wattigen Amps, massiven Speaker-Stacks und Effektpedalen starteten diese britischen Rocker die frühe Phase des Hard Rocks und lösten einen Tsunami der High-Gain-Verstärkerfertigung aus, der bis heute nicht abgeebbt ist.
Dies ist die Geschichte der Entwicklung der High-Gain-Verstärker, die den Sound dieser Hard Rock- und Heavy Metal-Bands prägten.
1960er
Die Geschichte der High-Gain-Amps beginnt mit Jim Marshall.
Jim leitete die Entwicklung des JTM-45, dem Erstling und ersten Meisterwerk von Marshall Amplification aus dem Jahr 1962. Er gilt als der erste Plexi, ein Begriff, der sich auf frühe Marshall-Verstärker mit Plexiglas-Frontplatten bezieht. Der JTM-45 definierte nahezu im Alleingang den Sound des Hard Rock der 60er Jahre und beeinflusste vieles von dem, was in den 70ern folgte.
Der Grund dafür war simpel: Während Fender in den 1950er Jahren den Weg für den frühen Rock'n'Roll geebnet und Vox der British Invasion den charakteristisches Jangle-Sound gegeben hatte, brachte der von Jim Marshall (zusammen mit dem Servicetechniker Ken Bran und dem Praktikanten Dudley Craven) entwickelte Schaltkreis die Röhrenverzerrung auf das nächste Level.
Die Musiker der Zeit waren fast direkt angeheizt, die Lautstärke und Verzerrung der Designs von Marshall ans Limit zu bringen-
Pete Townshends Leidenschaft für die Leistung des JTM-45 führte zur Entwicklung des ersten Marshall Stacks, und schließlich bat er Jim Marshall darum, ihm einen 8x12-Speaker für einen in Auftrag gegebenen 100-Watt-Verstärker zu bauen. Jimi Hendrix überbrückte die Eingänge seines Plexi und schob in zusätzlich mit einem Dallas Arbiter Fuzz Face an, um den Verstärker noch weiter zu pushen.
Die klassischsten und begehrtesten Modelle von Marshall würden nach heutigem Standard wahrscheinlich nicht als High-Gain eingestuft werden. Das legendäre Marshall-Stack wurde aber zum Bühnenbild der Wahl für die Pioniere des Hard Rock - von Hendrix und Zeppelin bis hin zu Deep Purple und Blue Cheer, deren Leigh Stevens vier bis sechs Full-Stacks gleichzeitig auf der Bühne antrieb.
Im Laufe der 60er Jahre optimierte Marshall seine Plexi-Modelle weiter, was zum ersten Verstärker der JMP-Linie führte. 1968 brachte Marshall den JMP 100 Superlead auf den Markt, der von vielen als das ideale Gerät für den endgültigen Plexi-Sound angesehen wird. Von Jimi Hendrix bis Eddie Van Halen wurde er Verstärker der Wahl vieler Helden.
1970er
Marshall erreichte in den 1970er Jahren neue Höhen des Erfolgs und beeinflusste weiterhin die Entwicklung des britischen Hard Rock. Das Flaggschiff der JMP-Serie, der JMP 2203, wurde die treibende Kraft hinter der "New Wave of British Heavy Metal". Diese aggressiv abgestimmten Verstärker wurden direkt zu Favoriten von Glenn Tipton und K.K. Downing von Judas Priest, Dave Murray von Iron Maiden und Rudolf Schenker von den Scorpions.
Aber mit dem Ruhm kam auch die Konkurrenz. Der britische Baumeister Laney gewann massiv an Popularität, nachdem Tony Iommi seinen LA100BL auf Black Sabbaths Paranoid eingesetzt hatte. Iommi schob seinen Laney mit einem Dallas Rangemaster Treblebooster noch härter an, was Laney dazu inspirierte, den Treblebooster später direkt in seine eigenen Schaltkreise zu integrieren.
Über den großen Teich eröffneten derweil zwei große Namen in Kalifornien ihre Läden.
1970 gründete der ehemalige Vizepräsident von Fender, Don Randall, seine eigene Verstärkerfirma in Irvine, Kalifornien: Randall Amplifiers. Während es einige Zeit dauerte, bis Randall-Amps in der Welt der Heavy Music an Bedeutung gewann, erwiesen sich der 667 und das 120 Watt Kirk Hammett Signature-Modell aufgrund ihrer kreischenden Verzerrung und der Fülle an Features als äußerst erfolgreich. Dimebag Darrell war für den größten Teil seiner Karriere stolzer Randalls-User.
Weiter oben, im Norden Kaliforniens, gründete Randall Smith in der Bay Area Mesa/Boogie und entwickelte in den 70er Jahren einen einzigartigen Ansatz für High-Gain-Verstärkung.
Wie schon bei Marshall Amplification lassen sich die Anfänge von Mesa/Boogie auf Smiths Geschäft zurückführen, bei dem er in seiner Werkstatt Fender-Verstärker modifizierte. Aber während Marshall mit 45-Watt-Verstärkern groß begann und schnell zu den weltweit ersten 100-Watt-Verstärkern und 4x12-Stacks überging, waren Smiths erste herausragende High-Gain-Modelle in der kleinformatigen Fender Princeton-Combo untergebracht.
Der Legende nach begann Smiths erstes originelles Design fast schon als eine Art Scherz. Als Barry Melton von Country Joe and the Fish seinen Fender Princeton in Smiths Werkstatt brachte, hat der Ingenieur ihn mit einer kompletten Fender Bassman-Schaltung und einem 1x12-Lautsprecher ausgestattet. Dies mutierte den winzigen 12-Watt-Verstärker zu einem riesigen Sound.
Das "Boogie" im Namen von Mesa/Boogie hat einen ähnlich zufälligen Ursprung. Carlos Santana soll "This thing really boogies" gerufen haben nachdem er den modifizierten Princeton angespielt hatte - angeblich das gleiche Modell, das für Country Joe gebaut wurde. Mesa/Boogie machte sich so schon früh einen Namen mit kleinformatigen Komboverstärkern mit viel Gain und brachte 1971 sein Mark I-Modell auf den Markt.
1978 warf Mesa/Boogie dann mit dem Feature- und einflussreichen Mark II (später als Mark IIA bezeichnet) den Amp-Markt über den Haufen.
Smith strukturierte die Schaltung neu, um mehr Definition und mehr Gain zu bieten, und platzierte die Vorverstärkung nach der Klangregelung. Der Mark II stellte auch eine Reihe von Funktionen vor, die für moderne Gitarristen selbstverständlich sind: Kanalumschaltung, unabhängiger Lautstärkeregler für den Lead-Kanal und Push-Pull-Potis zur Verstärkung von Gain oder Treble auf beiden Kanälen.
Allerdings wurde das Modell auch von Problemen wie der verrauschten Reverb-Schaltung und dem "poppenden" Lärm beim Kanalwechsel geplagt.
1980er
Die Popularität der Marshall JMP-Linie konnte erst so richtig steigen, als der Vertriebsvertrag des Herstellers mit Rose-Morris 1981 wurde. Der 1966 abgeschlossene Deal führte zu einem Preisanstieg der englischen Exporte um 55% und schränkte so die globale Reichweite des Unternehmens stark ein.
Nach Ablauf des Vetrags machte Marshall aus dem JMP2203 den äußerst erfolgreichen JCM800. Marshall brachte mehrere Varianten des JCM800 heraus, so den 50 Watt 2204 und schließlich das Zweikanalmodell 2210, das mit einem deutlich anderen, stark verzerrten Sound daherkam.
Bis heute sind der JMP2203 und der JCM800 2203 die überdauerendsten Modelle von Marshall und definieren den charakteristischen Sound von Gitarristen, die von Randy Rhoads über Zakk Wylde bis hin zu Slash reichen.
Zurück in Kalifornien arbeitete Mesa/Boogie hart daran, seine Mark-Linie zu verbessern. 1983 perfektionierte Mesa die Mark II-Serie mit dem heute begehrtesten Modell: dem Mark II C+. Der Mark II C+ verfügt über eine doppelte kaskadierende Verstärkungsstufe, die dem stark übersättigten "Liquid Lead"-Modus des Verstärkers ihren Sound verlieh, eine zuverlässige Kanalumschaltung und eine Fülle von Sounds, die von warm und sauber bis stark verzerrt reichen.
Auf dem Markt ist der Mark II C+ nach wie vor gefragt. Er erschien nur in sehr begrenzter Auflage, wurde aber schnell legendär durch Metallicas James Hetfield, einem frühen Fan des Verstärkers. Der Mark II C+ sorgte für die charakteristischsten Gitarrensounds auf Metallicas Master of Puppets und And Justice for All Alben.
In den 1980er Jahren kam noch ein weiterer Verstärkerbauer auf, der mit der Modifikation von Fender-Verstärkern begann. Michael Soldano kam allerdings spät genug ins Bild, dass er seinen Kunden auch anbieten konnte, die Mark II-Serie von Mesa/Boogie zu modifizieren.
Der modifizierte Mark II entwickelte sich dann schnell zum Soldano SLO-100 und bot einen ganz anderen High-Gain-Ton als die damaligen Marshall und Mesa Verstärker. Soldano machte den SLO-100 vielseitig einsetzbar mit Kanalumschaltfunktionen, die den Verstärkern seiner Zeit voraus waren.
Mit der offiziellen Veröffentlichung des SLO-100 im Jahr 1987 zog Soldano sofort ein Who's Who von Rockgitarristen aus dem In- und Ausland an. Zu den ersten Kunden gehörten Eric Clapton, Mark Knopfler von Dire Straits, Warren DeMartini von Ratt und Vivian Campbell von Dio. Soldanos sind nach wie vor bei Gitarristen verschiedenster Stile beliebt, darunter Matt Bellamy von Muse und Warren Haynes von Gov't Mule.
In den 1980er Jahren wurden auch einige Favoriten der Metalwelt eingeführt. 1984 eröffneten Hughes & Kettner ihr Geschäft in Deutschland. Das Triamp MK II EL-34 Design brachte sie in den Bereich der Marshall-Sounds. 1984 war auch das Jahr, in dem eine weitere deutsche Firma ihren ersten Verstärker auf den Markt brachte: Engl kam in diesem Jahr mit dem digital programmierbaren E101 Digitalamp Röhrenverstärker auf den Markt und startete einen Trend, der die Amp-Welt in kurzer Zeit erfassen würde.
1990er
Die 90er Jahre begannen mit zwei wichtigen Amps von Mesa/Boogie. Mesa/Boogie veröffentlichte sein am längsten produziertes Modell, den Mark IV, der noch mal mehr Features, wie zwei unabhängige Rhythmuskanäle, einen Lead-Kanal und eine Effektschleife besaß, sowie, serienmäßig bei der Mark-Serie, einen grafischen EQ enthielt. Seine druckvolle Gain-Response erlangte die Gunst von Dream Theaters John Petrucci und Metal-Gitarristen wie Mark Morton und Willie Adler von Lamb of God.
Im Jahr 1992 stellte das Unternehmen dann die Dual Rectifier-Serie vor. Diese Verstärker verfügen über zwei Stufen der Gleichrichtung (ein Prozess der Umwandlung der externen AC-Leistung in DC-Leistung innerhalb des Schaltkreises), wobei sich die siliziumbasierte Transistor-Gleichrichterschaltung gut für High-Gain-Musikstile eignet, die tighten, fokussierten Bass erfordern. Noch im selben Jahr veröffentlichte Mesa/Boogie auch das Triple Rectifier-Modell.
Der Dual und Triple Rec lieferten einige der bekanntesten Sounds der 90er und frühen 2000er Jahre. Sie waren in den späten 90er Jahren auf der Bühne und in Videos von Nu-Metal-Bands wie Korn und Limp Bizkit, Radio-Rockgrößen wie Disturbed oder Tool und Death-Metal-Acts wie Gojira anzutreffen.
Die 90er Jahre wurden dann die Zeit, in der sich die High-Gain-Optionen vervielfacht haben.
Von seinem mit Variac betriebenen aufgerissenen 100-Watt-Marshall Plexi kommend, brachte Eddie Van Halen 1992 seinen ersten Signaturverstärker heraus: den Peavey 5150. Mit sechs Vorverstärkerröhren und einem Quartett von 6L6 Endstufenröhren ermöglichte der "cold Bias" des 5150 den Anwendern High-Gain bei hoher Lautstärke und erreichte ein neues Level an Klarheit bei starker Verzerrung.
Der 5150 wurde in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren schnell zu einem Favoriten einflussreicher Death-Metal-Bands wie In Flames, Arch Enemy und Dimmu Borgir. Van Halen hat seinen Deal mit Peavey 2004 beendet und die 5150-Linie wurde in Peavey 6505, 6505+ und 6534+ umbenannt, wobei jeder nachfolgende Verstärker den Gain nochmal etwas höher steigerte.
1992 war das Jahr, in dem einige wichtige kleinere Hersteller in den Kampf zogen. Bogner debütierte 1992 mit dem Ecstasy, nachdem der Ingenieur Reinhold Bogner nach seinem Umzug von Deutschland nach LA einige Jahre damit verbracht hatte, Fender Dual Showman-Modelle zu modifizieren. Bogner-Verstärker wurden Teil von Alice in Chains Gitarrist Jerry Cantrells Amp-Cocktail auf dem Smash-Hit der Band, Dirt (neben einem Mesa/Boogie Dual Rectifier und einem Rockman).
Ein anderer Deutscher, Peter Diezel, gründete Diezel Amplification. 1992 brachte Diezel seinen vierkanaligen VH4 auf den Markt, gefolgt vom 160 Watt starken, dreikanaligen Herbert. Die Diezel-Amps verfügen über ein straffes und druckvolles Klangprofil, das sich perfekt für Palm-Mutes und Tremolo-Picking eignet, sowie eine Mid-Cut/Lautstärke-Boost-Kombination und wurden so oft von Gitarristen bevorzugt, die intensives Down-Tuning betreiben. Sie wurden zum Schlüssel vom artikuliertem Metalcore-Stil von Killswitch Engage oder auch den radiofreundlichen Riffs von Staind.
2000er
Und dann kamen wieder die Briten. Während Jim Marshall in den 1960er Jahren als echter Pionier der Röhrenverstärkung im Vordergrund stand, kam in den 2000er Jahren eine neue Brut aus Großbritannien.
Orange Music Electronic Company war in den 80er und 90er Jahren von der Bildfläche verschwunden. Als das Unternehmen jedoch 2004 mit seinen Rockerverb-Verstärkern neu auf den Markt kam, gewann es schnell an Popularität bei Stoner-Rock-Gitarristen und Black Sabbath-begeisterten old school-Metal-Puristen.
Der Rockerverb, von Orange selbst als ihr erster High-Gain-Verstärker deklariert, besitzt eine charakteristische Mischung aus Klarheit und Durchsetzungsfähigkeit mit weltbewegenden Sounds, die perfekt für Doom Metal geeignet sind. Er wurde von Gitarristen aus einem breiten Spektrum harter, aggressiver Musik fast sofort freudig aufgenommen.
Orange weigerte sich, sich auf den Lorbeeren auszuruhen und baute mit einer Reihe von Verstärkern auf dem Erfolg des Rockerverb auf. Der Thunderverb verfügt über einen Attenuator, um viel Gain bei geringer Lautstärke zu erreichen. So entstand 2006 auch der Tiny Terror, ein feuerspeiender, handtaschengroßes Topteil zu einem sympathischen Preis. Sein Erfolg führte zu Modellen mit mehr Verzerrung, darunter die Modelle Dark Terror und Jim Root Signature Terror.
Blackstar Amplification wurde 2007 im britischen Northampton gegründet und gewann kurz darauf auch eine Anhängerschaft in den Staaten. Mit der Beschäftigung mehrer ehemaliger Marshall-Mitarbeiter nahm das Unternehmen die Fackel der klassischen EL34-Verzerrung von Marshall mit seinen Artisan-, Series One- und HT- Topteil und Combo-Serien auf.
Die HT Metal Serie hat sich als besonders beliebt erwiesen, da sie Verstärker mit hohem Gain für die kleine Brieftasche bietet, die speziell auf extreme Musikstile ausgerichtet sind. Metal- und Hardcore-Musiker aus der ganzen Welt nutzen die Verstärker, darunter Gus G (Firewind und Ozzy Osbourne) und Kurt Viehdorfer von Opeth.
2010er
Kein Versehen: Die Gitarren-Community hat sich nur langsam an digitale Technologien gewöhnt. Und das, obwohl einige der einflussreichsten Metal-Künstler wie Meshuggah oder Fear Factory den Line 6 Vetta II einsetzten, um sowohl live als auch im Studio überwältigend klare und artikulierte High-Gain-Sounds zu erzielen.
Diese Einstellung hat sich in letzter Zeit aber zu ändern begonnen, dank der Fraktal Axe-FX und Kemper Profiler Modeling-Amps. Während Röhrenpuristen vielleicht noch spotten, bringen beide Unternehmen ein solides Argument für digitale Modeling-Technologie mit vielseitigen Systemen , die Gitarristen Zugang zu unzähligen hochwertigen Amp- und Pedalsounds geben, ohne dass sie eine teure, platzraubende Sammlung aufbauen müssen.
Fractals Axe-FX II hat sich als besonders beliebt für das Metal-Genre Djent erwiesen, fand aber im gesamten Metal-Bereich eine Anhängerschaft, obwohl sein Preis mehrere der zuvor genannten Verstärker in den Schatten stellt. Zu den Anhängern gehören neue populäre Bands wie Animals as Leaders und Peripherie, sowie Größen wie Deftones und Between the Buried and Me.
Die digitale Technologie ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass sowohl der Axe-FX II als auch der Profiler erstaunliche Emulationen von Röhrensounds anbieten können, die Studio- und Live-Musikern helfen, eine Vielzahl der begehrten High-Gain Sounds der letzten Jahrzehnte abzudecken.