Kreuzbestäubung. Ein Begriff aus der Botanik, der aber mindestens genauso gut in die Musikwelt passt.
Es gab eine Zeit, in der Musikgenres klar abgesteckt waren und sich, wenn überhaupt, nur selten vermischt haben. Doch das ist lange her. Nehmen wir uns den Rock 'n' Roll als Beispiel: Er entstand Mitte der 50er-Jahre aus einer Kreuzung vieler verschiedener Musikstile wie Blues, Swing, Rhythm and Blues, Country und sogar Gospel. Etwa zur gleichen Zeit fand auch in der Welt des Instrumentenbaus eine Kreuzung statt—in der Gretsch-Fabrik in Brooklyn, New York.
Das einen kompletten Häuserblock einnehmende Gretsch Building war zwar ein riesiges zehnstöckiges Gebäude, aber die Fred Gretsch Manufacturing Company benötigte in den 1950er-Jahren nur anderthalb dieser Etagen selber. Der Rest des Gebäudes wurde an andere Unternehmen vermietet, wodurch das Immobiliengeschäft zur sicheren Einnahmequelle der Familie Gretsch wurde.
Im siebten Stock dieses Gebäudes, wo Gretsch-Gitarren und Schlagzeuge hergestellt wurden, hatte Gretschs Chef-Gitarrendesigner und Markenbotschafter Jimmie Webster eine geniale Idee, wie sich die Gretsch-Gitarren in Aussehen und Glamour-Faktor von der eher konservativ designten Konkurrenz unterscheiden könnten.
Trommelwirbel für den neuen Gitarren-Look
Nachdem Gretsch beobachtet hatte, wie Fender und Gibson einen frühen Vorsprung im Wettstreit um den Markt der neuen Solidbody-E-Gitarren erlangten, reagierte das Unternehmen im Herbst 1953 mit der Einführung der Duo Jet. "Duo" für die beiden Single-Coil DeArmond Dynasonic Tonabnehmer und "Jet", um an den Space Age-Trend der Zeit anzuknüpfen.
Mit ihrem stark gekammerten Mahagonikorpus und der aufgeleimten Decke sah die 13,5-Zoll Duo Jet mit einfachem Cutaway wie eine Solidbody-Gitarre aus, kann aber eher als Semi-Solidbody-Gitarre bezeichnet werden.
Der Legende nach sah Webster eines Nachmittags in der Schlagzeugabteilung der Gretsch-Fabrik einen Arbeiter glitzerndes Schlagzeugmaterial auf einen hölzernen Trommelkessel kleben und fragte ihn, ob man das Gleiche nicht auch mit einer Solidbody-Gitarrendecke machen könne. Sie probierten es aus, fanden das Ergebnis cool, und so wurde den frühen Duo Jets ein Stück glänzendes Jet Black Nitron Schlagzeug-Finish auf die leicht gewölbte Decke geklebt.
Aber nicht alle Jets in dieser ersten Charge von hundert Stück, die Ende 1953 hergestellt wurde, waren schwarz. Mindestens ein Exemplar verließ das Werk mit einer silbernen Glanzlackierung.
Die früheste dokumentierte Silver Jet
Während der Arbeit an diesem Artikel teilte Gretsch-Gitarrenexperte Ed Ball mir mit, dass die früheste dokumentierte Silver Jet — das erste bekannte Exemplar aus dem Jahr 1953 — aufgetaucht war. Ball war so nett, mich mit dem Besitzer, Nathan Fasold von Black Book Guitars in Portland, Oregon, in Kontakt zu bringen.
Fasold erzählte mir, dass er vor ein paar Jahren von der Enkelin des Besitzers kontaktiert wurde und vom Zustand und der Originalität der Gitarre begeistert war. Wie man auf den Fotos dieser äußerst seltenen Silver Jet, die Fasold hier zum ersten Mal mit der Öffentlichkeit teilt, sehen kann, ist sie eine absolute Zeitkapsel. Die Gitarre steht allerdings nicht zum Verkauf, sondern ist Teil des Archivs der Black Book Collection.

Wie andere 53er Jets hat auch die Silver Jet von Fasold das Gretsch "Script Logo" auf der Kopfplatte, einen fixierten Melita-Steg, ein schlichtes weißes Wedge-Schlagbrett und ein fehlendes Block-Inlay auf dem ersten Bund. Das Papieretikett im Elektronikfach bestätigt, dass die Seriennummer der Gitarre aus der ersten Charge von 1953 stammt.
Sie wurde außerdem als 6128 Duo Jet Modell gestempelt, anstatt mit der Modellnummer 6129 der Silver Jets. Bei den frühen Chargen war dies üblich, da Gretsch anscheinend noch nicht dazu gekommen war, den 6129-Stempel zu bestellen.
Unübertroffener Glanz im Scheinwerferlicht
Ein Preisverzeichnis aus dem Jahr 1954 listet die Silver Jet für 230 Dollar. Im Gretsch-Katalog von 1955 war der Preis auf 255 Dollar gestiegen und der "unvergleichliche Glanz im Scheinwerferlicht" der blitzenden Glitzerdecke angepriesen. Eine Werbung, deren Wahrheitsgehalt man ausnahmsweise mal nicht infrage stellen muss.
Obwohl Gretsch zusätzliche Sparkle-Farboptionen im Schlagzeug-Sortiment hatte—darunter Grün, Rot, Blau und Gold—entschied sich Webster, die neue Jet nur in Silver Sparkle anzubieten.


Joe Carducci, Gretsch Product Marketing Specialist im Ruhestand, sagte mir auf die Frage, warum Silver Sparkle die einzige Farboption für die frühen Jets war: "Ich bin mir nicht sicher, und wir werden die Antwort wahrscheinlich nie erfahren. Meine Theorie ist, dass Silber von allen verfügbaren Glitzerfarben die Zeit am besten repräsentierte. In den 1950er Jahren drehte sich alles um Chrom und das Space Age."
Humbucker, Double Cutaways und das Ende des Glitzerns
1958 folgte die zweite Generation der Silver Jets, als Gretsch von Dynasonics Singlecoil-Tonabnehmern auf Filter'Tron Humbucker umstieg.

Ebenfalls neu war die Space Control Bridge, ein Tonwahlschalter mit drei Positionen und Neo-Classic-Positionsmarker auf dem Ebenholzgriffbrett.
Als Reaktion auf das Doppel-Cutaway-Styling von Gibson wechselte Gretschs Jet-Serie 1961 vom Single- zum Double-Cutaway.
Ein Jahr später bekamen die Jets eine Burns-Vibrato-Einheit und mehr glitzernde Drum-Finishes, darunter Gold, Champagner, Tangerine und Burgundy. Mit diesen neuen Farben wurden nur wenige Modelle produziert, die heute sehr selten sind.
Im Jahr 1964 verschwand die Silver Jet aus der Jet-Produktpalette, da die Verkaufszahlen einbrachen. Es dauerte 25 Jahre, bis sie wieder auftauchte–aber das Warten hat sich gelohnt.
1989: Gretsch in neuem Glanz
Über weite Teile der 80er Jahre wurden keine Gretsch-Gitarren mehr produziert. Da das Interesse an Hollowbody-Gitarren gering war und die Verkaufszahlen in den Keller gingen, stellte die Baldwin Company (die 1967 Gretsch gekauft hatte) in den frühen 80ern die Gitarrenproduktion ein.
Fred W. Gretsch, der Urenkel des Gretsch-Gründers Friedrich Gretsch, kaufte 1984 zusammen mit seiner Frau und Geschäftspartnerin Dinah Familienunternehmen von Baldwin zurück. Zunächst hatte für sie die Wiederbelebung des bestehenden Gretsch-Schlagzeuggeschäfts Vorrang und es dauerte noch weitere fünf Jahre, bis eine neue Generation funkelnder und glänzender Gretsch-Gitarren auf den Markt kam.
Im Herbst 1989 wurden neun neue Gretsch-E-Gitarren aus der goldenen Ära der 50er und 60er Jahre vorgestellt, darunter die G6129 Silver Jet, die nach 25 Jahren mit einem Preis von 1.400 Dollar zurückkehrte. Diese neue Version war keine exakte Replik einer Silver Jet aus den späten 50er-Jahren (sie hatte z. B. die breitere Kopfplatte der Baldwin-Ära mit Hufeisen-Inlay und einen Adjusto-Matic-Steg), aber für Gretsch-Fans war sie nah genug dran.
Der Sound der Filter'Tron-Tonabnehmer aus dieser Ära wird als knurriger und weniger twangy beschrieben. Die Mahagoni-Korpusse hatten außerdem weniger Kammern, wodurch sie mehr Gewicht auf die Waage brachten als die Originalversion aus den 50ern und die Jets, die heute hergestellt werden. Anders gesagt, hatten sie ihren eigenen unverwechselbaren Sound und Vibe.
Die Verfeinerung des Erfolgsrezepts
Das nächste große Kapitel der Silver Jet-Saga sowie der Geschichte der Gretsch-Gitarren im Allgemeinen kam 2002, als Gretsch eine Allianz mit der Fender Musical Instruments Corporation ankündigte, die ab dann für die Herstellung und den weltweiten Vertrieb von Gretsch-Gitarren verantwortlich war. Fender wollte das aktuelle Lineup der Gretsch-Gitarren auf das nächste Level bringen und verfügte auch über die nötigen Ressourcen.
Mike Lewis, derzeit VP of Product Development bei Fenders Custom Shop, wurde 2002 Produktmanager für Gretsch-Gitarren. Lewis erzählt, dass er den Verfeinerungsprozess begann, indem er bei den Auftritten seiner Band sowohl aktuelle Gretsch-Gitarren als auch Vintage-Gretschs spielte und auf die Unterschiede achtete. Außerdem verfolgte er die Online-Foren von Gretsch, um zu lesen, was die Fans der Marke über das aktuelle Gretsch-Sortiment sagten.
"Wir hatten die Mittel, um das Geheimrezept zu entdecken", sagte Lewis. "Die Art, wie sie hergestellt wurden, die Art der Materialien, Tonabnehmer, Konstruktionsmethoden, die Dicke der Decken und die Dicke der Böden und Zargen. Ich glaube, dass wir im Laufe der sechs Monate, in denen die Übernahme der Gretsch-Produktlinie stattfand, so gut wie jede Spezifikation an jedem Modell geändert haben, nur um die genau richtige Konfiguration zu finden—und ich denke, dass uns das ziemlich gut gelungen ist. Sie bekamen alle gute Kritiken und die Leute schienen sie zu mögen."
Der Erfolg von Lewis und dem Fender-Team ist nicht von der Hand zu weisen. Die seit 2003 produzierten Silver Jets fangen Mojo, Aussehen, Spielgefühl und Sound der klassischen Jets aus den 50er-Jahren besser ein, als je zuvor.
Silver Jet Gitarrenhelden: Billy Zoom und Chris Cornell
Die optisch traditionellere schwarz-verchromte Duo Jet erlangte in den 50er und 60er Jahren dank Hank Garland, Cliff Gallup und George Harrison zunächst die größte Berühmtheit der Jet-Familie, doch das änderte sich in den späten 70er Jahren, als Billy Zoom sich eine funkelnde 55er Silver Jet umschnallte und die Welt mit seiner in LA ansässigen Punkband X bekanntmachte. Zu Ehren des ersten Superstars der funkelnden Jet brachte der Gretsch Custom Shop 2008 eine limitierte Billy Zoom Tribute Silver Jet heraus, die auf seiner ikonischen Vintage 55er Gitarre basiert.
Dank Chris Cornell von Soundgarden wurden funkelnde Jets auch ein integraler Bestandteil des rauen Seattle-Grunge-Sounds. In den 90er-Jahren hatte Gretsch die Farbpalette um Gold Sparkle erweitert und Cornell ist 1994 im berühmten "Black Hole Sun"-Video der Band mit einer solchen Gitarre zu sehen.
Heute noch so funkelnd wie 1989
Silver Jets und viele andere Farbvariationen der "Sparkle Jets" werden seit ihrer Wiedereinführung im Jahr 1989 mittlerweile mehr als 30 Jahren in Folge angeboten. Aktuell bietet Gretsch eine mit Bigsby ausgestattete Players Edition Jet an, die mit einer Silver oder Red Sparkle-Decke erhältlich ist.
2021 führte Gretsch als Hommage an den zu früh verstorbenen Chris Cornell und den einzigartigen Sound, den die 1989er Jets in die Grunge-Ära brachten, die neue Vintage Select Sparkle Jet Serie ein. Erhältlich in Silver oder Gold Sparkle, verfügen diese originalgetreuen Nachbauten der Modelle von 1989 über einen zeitlich korrekten, weniger gekammerten Mahagoni-Korpus, TV Jones Pickups, einen Adjusto-Matic-Steg und sogar die größere Kopfplatte der späten 80er Jahre mit Hufeisen-Inlay.

Gretsch-Gitarren haben seit mehr als 65 Jahren nicht nur durch ihr tolles Aussehen, sondern auch durch "That Great Gretsch Sound" eine hohe Anziehungskraft. Kein anderer Gitarrenhersteller hätte 1954 auch nur im Traum daran gedacht, ein Drum Sparkle Finish auf einer Gitarre anzubieten. Joe Carducci sagte dazu: "Nun, eine Silver Jet ist nichts für jeden. Sie ist ein gewagtes Statement, sie kann sehr prätentiös sein. Aber im gleichen Atemzug ist sie auch einfach prachtvoll."
Man kann vor der kreativen, kühnen Fantasie von Jimmie Webster und seinem Chef Fred Gretsch, Jr. nur den Hut ziehen. Sie wollten, dass ihre neuen E-Gitarren auffallen und in Musikgeschäften, auf der Bühne, im Fernsehen und in Filmen herausstechen — und sie sollten so gut klingen, wie sie aussahen. Mit der Gretsch Silver Jet und Sparkle Jet Serie gelang ihnen das in jeder Hinsicht.
