Man könnte annehmen, dass Humbucker und Mini-Humbucker sich eigentlich nur in ihrer physischen Größe unterscheiden. Dieser Irrglaube ist tatsächlich unter vielen Gitarristen verbreitet, was wohl zumindest teilweise auf den Ausdruck "Mini-Humbucker" zurückgeht. Der impliziert schließlich Größe als entscheidendes Charakteristikum dieses Pickups. Die Wahrheit, die man am besten mit dem Gehörsinn erfährt, wird dabei jedoch verschleiert.
Ohne Frage ist das 1978er Livedokument Live And Dangerous von Thin Lizzy die beste, authentischste Demonstration der spezifischen Klangunterschiede zwischen Humbucker und Mini-Humbucker. Der Rock'n'Roll-Klassiker zeigt Phil Lynott und Kollegen am Höhepunkt ihres Könnens. Nebenbei liefert er zudem die brauchbarste Gegenüberstellung des Klangs einer PAF-gerüsteten Gibson Les Paul Standard mit dem Sound ihrer kleinen Schwester Les Paul Deluxe, die mit Mini-Humbucker ausgestattet ist.
Wenn du den Album-Opener "Jailbreak" auflegst, hörst du, wie die Thin Lizzy-Gitarristen Scott Gorham (im Mix rechts) und Brian Robertson (im Mix links) durch das monströse Eröffnungsriff des Songs schmettern. Man merkt sofort, dass Gorhams LP Deluxe insgesamt spürbar heller als Robertsons Standard klingt, die das schwere, muskulöse Grunzen vorführt, das wir gemeinhin mit der Kombi aus Les Paul und Marshall verbinden.
In harschem Gegensatz dazu klingt Gorhams Sound fast wie Single Coil. Er besitzt weniger Bassgehalt und mächtige, gesättigte Höhen und mittlere Frequenzen. Zusammen kreieren diese kontrastierenden Klänge eine der mitreißendsten und dynamischsten Zwei-Gitarren-Attacken der gesamten Hardrock-Geschichte.
Warum klingt der Mini-Humbucker so anders?
Woran liegt dieser Klangunterschied? Nun ja, wie sich zeigt, ist Größe bei magnetischen Pickups wirklich wichtig. Der Mini-Humbucker teilt mit seinem ikonischen Seth Lover-designten Gegenstück PAF fast sämtliche Eigenschaften - außer der Größe. Aufgrund der kleineren physischen Fläche gibt es wichtige Auswirkungen auf den Farbton: Der Mini nimmt ein kürzeres Stück der vibrierenden Gitarrensaite auf, was direkt mit weniger tieffrequenten Inhalten, etwas geringerem Output und einem klareren Klang mit einer Fülle an Obertonfunkeln korreliert.
Der Mini verfügt außerdem über weniger Eisengehalt im Kern (aufgrund der Größe), was ebenfalls zu diesen Eigenschaften beiträgt. Fans dieses etwas vernachlässigten Signalwandlers lieben ihn für seine Klarheit und sein Klirren sowie für seine Tendenz, die Schwingung selbst bei stärkster Verzerrung beizubehalten. Ein guter Mini kann auch unvergleichlich malmen und singen, wenn er herausgefordert wird.
Wie bereits erwähnt, ist der Grundaufbau eines Mini-Humbuckers im Wesentlichen der eines normalen Humbuckers, nur miniaturisiert. Unter jeder Spule befindet sich ein Stabmagnet mit den bekannten verstellbaren Polstücken, die wir von PAF-Tonabnehmern kennen, der jeweils aus einer magnetischen Legierung auf Eisenbasis besteht (der technische Begriff für diese Art von Metalllegierung ist "eisenhaltig").
Die andere Spule im Tonabnehmer enthält ebenfalls einen vergleichbaren Eisenstabmagnet, jedoch ohne die einstellbaren Polstücke. Der einzige Unterschied bei einem Standard-PAF-Design besteht darin, dass anstelle eines zweiten, nicht verstellbaren Stabmagneten in der Regel mehrere Metallstücke in Reihe angeordnet sind.
Kleiner geschichtlicher Abriss des Mini-Humbuckers
Viele wissen nicht, dass das Mini-Humbucker-Design bei Epiphone entstand. Gibson erhielt die Rechte und Technologien, als deren Mutterfirma CMI Epiphone 1957 aufkaufte.
Der Mini-Humbucker war der Standard-Pickup des ursprünglichen Epiphone Sheraton-Modells. Dieses Merkmal hebt das Sheraton von Gibsons ES-335 ab, die mit Full-Size-Humbuckern ausgestattet war, da beide Gitarren gleichzeitig in einem gemeinsamen Gibson/Epiphone-Projekt entwickelt wurden.
Rockgitarristen weltweit stießen 1968 erstmals auf den Mini-Humbucker, als Gibson ihn als Standard-Pickup des neuen Les Paul Deluxe-Modells vorstellte. Interessanterweise war der einzige Grund für die Nutzung bei der LP Deluxe Gibsons Riesenvorrat an Minis, die aus Epiphone-Lagerbeständen rührten. Man brauchte schlicht eine Verwendung dafür. Die Lösung: Sie wurden in Les Paul-Korpusse installiert, die ursprünglich auf P90er ausgelegt waren. Die resultierende Lücke schloss man mit einem spezialgefertigten Adapterring.
Bei seiner Vorstellung wie auch noch während der ersten Serie der betreffenden Les Paul Deluxe hielt man den Mini-Humbucker im Vergleich zu Gibsons normalgroßem Humbucker für minderwertig. Thin Lizzys Gorham, einer der berühmtesten Benutzer des Pickups, landete nur deswegen bei einer mit Mini ausgestatteten Deluxe, weil die Band nicht das Geld für eine teurere Les Paul Standard mit PAF hatte.
Der Mini findet Anklang
Später hat sich der Mini-Humbucker sukzessive den Respekt zahlreicher Musiker verdient. Heute hat er eine überzeugte Gefolgschaft unter jenen Gitarristen, die auf eher ungewöhnliche Klangfarben stehen. Berühmte Musiker wie Gorham und Pete Townshend haben seinen Ruf als legitimes Klangwerkzeug mit kultigem Pickup-Design gefestigt. (Unterdessen wurden die verschiedenen Mini-Humbucker in Firebirds von Johnny Winter und Konsorten benutzt. Und ein besonders heißer Firebird-Mini-Humbucker befindet sich in der verehrten Bridge-Position von Neil Youngs Haupt-Les Paul.) Er hat auch im Zuge des Boutique-Pickup-Booms der letzten zehn Jahre eine kleine Renaissance erlebt.
Gefeierte Gitarrenbauer wie Jason Lollar, Lindy Fralin und Curtis Novak haben in jüngerer Zeit viel für seinen Status getan, während größere Hersteller wie Seymour Duncan und Dimarzio auch diverse Fließbandmodelle damit anbieten. Auch Lieferanten für günstige Gitarrenteile wie Guitarfetish produzieren Mini-Humbucker-Modelle in verschiedenen interessanten Varianten. Das Erbe des Mini-Humbuckers ist imposanter denn je, womit sichergestellt ist, dass diese Pickups und die entsprechenden Gitarren uns noch eine lange Zeit begleiten werden.