Der Teufel, die Burst und der Todestraum: 3 Mythen der Gitarrenwelt

Nicht erst seit dem Internetzeitalter machen zweifelhafte Anekdoten über populäre Künstler die Runde und entwickeln in einer Art kultureller stiller Post ihr Eigenleben. Selbst wenn viele Legenden auf einem Fünkchen (Halb-)Wahrheit beruhen mögen, sind einige der besten Mythen, die unserem Kollektivbewusstsein entspringen, nicht viel mehr als – naja, ziemlicher Bullshit.

Was natürlich nicht bedeutet, dass es keinen Spaß machen würde sie weiterzuerzählen, oder zu versuchen herauszufinden, welche wahre Geschichte eigentlich dahinter steckt.

In der Gitarrenwelt sind im Laufe der Jahre einige Legenden über ein paar der größten Namen unserer Zeit entstanden. Für jeden plausiblen Mythos der die Runde macht, gibt es direkt mehrere, die so offensichtlich fragwürdig sind, dass es fast schon beeindruckend ist, dass die Leser nicht einfach nur ungläubig die Augen rollen.

In diesem Sinne haben wir uns vorgenommen, uns drei der größten und verblüffendsten Legenden der Gitarrenwelt anzunehmen, mit Schwerpunkt auf den Blues. Wenn ihr Fans von Robert Johnson, Stevie Ray Vaughan, Satan oder einsiedlerischen, milliardenschweren Les Paul-Sammlern seid, ist das hier euer Artikel.


Robert Johnson hat seine Seele dem Teufel verkauft

Jeder Rock 'n' Roller oder Blueser der was auf sich hält, kennt die Legende von Robert Johnson an der Kreuzung.

Sie diente als Inspiration für unzählige zeitlose Kunstwerke – und wurde schon öfter erzählt, als die Lieblingslagerfeuergeschichte eures Vaters. Für die Uneingeweihten aber hier nochmal die Story:

Robert Johnson, ein ambitionierter aber sehr schüchterner Bluesmann, wurde vom mittelmäßigen Blueser im Mississippi Delta zum besten Fingerpicker und Sänger des Lands, nachdem er für kurze Zeit die Stadt verlassen hatte. Seine Zeitgenossen waren über diese Verwandlung äußerst erstaunt und schworen, dass es dafür nur eine vernünftige Erklärung geben könnte: Robert Johnson muss an der Kreuzung in Clarksdale, Mississippi seine Seele dem Teufel verkauft haben.

Robert Johnson

Während so eine Geschichte einen in unserer modernen Zeit wahrscheinlich nicht viel mehr als Gelächter oder eine Einweisung zum Psychiater einbringen würde, damals im frühen bis mittleren 20. Jahrhundert war es eine effektive Vermarktungsstrategie für einen angehenden, mysteriösen Bluessänger.

Zum einen war Religiosität und die Angst vor dem Teufel im Amerika der 1930er Jahre noch allgegenwärtig und Blues von manchen als "Musik des Teufels" angesehen. Davon ausgehend macht es natürlich nur Sinn, dass die wahrhaftig talentierten Musiker der Zeit ihre Seele im Tausch gegen ihr Können dem Teufel gaben – statt die Anstrengung von stundenlangem Üben auf sich zu nehmen.

Geschichtlich betrachtet, war Robert Johnson anscheinend nicht alleine an dieser Kreuzung, um seine Seele zu verkaufen – und wenn die Legenden wahr wären, auch nicht der erste.

Der Kreuzungsweg-Mythos als Marketingstrategie in der Musik und im Blues hat ihre Wurzeln bei Tommy Johnson (keine Verwandtschaft), dessen bekannteste Darstellung wohl aus dem Film O Brother, Where Art Thou? (2000) stammt, wo er vom Bluesmusiker Chris Thomas King gespielt wurde. Viele wussten nicht, dass Tommy Johnson wirklich existierte und dachten der Charakter müsste auf Robert Johnson basieren, da der Mythos so stark mit ihm verbunden wird.

Fairerweise sei gesagt, dass das ein verständlicher Fehler ist. In der Popkultur wird Robert Johnson als der Urvater des Mythos angesehen, und das größtenteils auch zurecht: er trug mehr als jeder andere mit absoluter Absicht durch Songs wie "Crossroad Blues" und "Me and The Devil Blues" dazu bei, den Mythos zu verbreiten und erzählte sogar seinen Mitstreitern, dass dies der Grund seiner dramatischen Verbesserung gewesen wäre.

Über die Jahre wuchs die Geschichte größer und breiter als jede wirkliche Wahrheit über ihn – was aber im gleichen Maß auf den Mangel an wirklich glaubwürdigen, dokumentierten Infos über Robert Johnson zurückgeführt werden kann, wie auf die Macht des Kreuzungs-Mythos.

Robert Johnson

In vielerlei Hinsicht ist Robert Johnson mittlerweile selber mehr Mythos als Mensch. Selbst Robert "Mack" McCormick – führender Nachforscher über Johnsons Leben – gab dies kurz vor seinem Tod zu. Vieles was wir über Robert Johnson wissen, abgesehen von den paar wenigen Erzählungen von Familienmitgliedern und Mitmusikern, ist im wesentlichen ein Sammelsurium an Geschichten und Märchen.

Das geht schon damit los, dass es zu seinen Lebzeiten nicht nur einen Robert Johnson gab und dass manche von ihnen sogar auch Delta-Bluesmusiker gewesen sein sollen. Daraus folgte, dass Anekdoten über verschiedene Robert Johnsons im Mythos zusammentrafen, was McCormicks anfängliche Forschungen ergaben. Ihm zufolge ist es sogar fragwürdig, ob Johnson, Pionier des "27 Club", überhaupt tatsächlich 1938 im Alter von 27 Jahren gestorben war.

McCormick begründet seine Zweifel mit dem in Umlauf gebrachten Todeszertifikat, das Syphilis als Todesursache benennt (dem Mythos zufolge wurde er vergiftet). Berichte von Mitmusikern Johnsons besagen aus erster Hand, dass er noch im Jahr 1941 gespielt haben soll.

Interessanterweise wäre er dieser Theorie zufolge möglicherweise noch am Leben gewesen, als Alan Lomax runter ins Mississippi Delta reiste, um Aufnahmen mit Johnson zu machen, nur um stattdessen einen anderen jungen Bluessänger namens McKinley "Muddy Waters" Morganfield zu entdecken und aufzunehmen.

Eine der faszinierenderen Wendungen aus McCormicks unveröffentlichter Forschung, ist, dass es auch Musiker gegeben haben soll, die unter dem Namen "Robert Johnson" unverhohlen seine Songs coverten, weit nach 1941 und bevor seinem weltweiten explosionsartigen Ruhm als musikalische und kulturelle Figur in den frühen '60ern.

Wenn wir dann noch bedenken, dass wir die Aufnahmen Robert Johnsons den größten Teil eines Jahrhunderts möglicherweise mit falscher Geschwindigkeit und Tonhöhe gehört haben, müssen wir uns wirklich die Frage stellen, wie viel wir über den Mann eigentlich wirklich wissen.

Die tatsächliche Wahrheit hinter der Entwicklung von Robert Johnsons Talent hatte dann wohl letztendlich doch weniger mit dem Verkauf seiner Seele an den Teufel zu tun, sondern damit, dass er die Stadt verließ, unentwegt übte und in Isaiah "Ike" Zimmerman seinen musikalischen Mentor fand. Durch Familienanekdoten ist bekannt, dass Ike Robert unter seine Fittiche nahm und ihm über ein paar Jahre hinweg, so viel er konnte auf der Gitarre und der Mundharmonika beibrachte.

Viele der Jams mit Zimmerman sollen nachts auf örtlichen Friedhöfen stattgefunden haben, um Zimmermans Familie nicht zu wecken. Etliche Fans von Johnson haben spekuliert, dass der "Teufel", den er in seinen Songs besang möglicherweise eine Metapher für Zimmerman war.

Robert Johnson - "Robert Johnson's Cross Road Blues"

Beano und der mysteriöse Burst-Sammler

Von Robert Johnson kommen wir jetzt zu einer Geschichte, in der Johnsons größter und erfolgreichster Fan eine Rolle spielt – zusammen mit seiner gestohlenen Gitarre. Wir reden natürlich über niemand anderen als Eric Clapton und seine ikonische Sunburst Gibson Les Paul Standard, besser bekannt als "Beano".

Unsere treuen Leser werden sich vielleicht an unseren letzten Ausflug in die Geschichte des Diebstahls von Beano in "Berühmte Gitarren, die gestohlen wurden und bis heute nicht wieder aufgetaucht sind" erinnern. Um alle auf einen Stand zu bringen: Eric Claptons '60er Les Paul Sunburst, die er in seiner John Mayall & The Bluesbreakers-Ära bekam, wurde 1966, kurz vor dem Debüt von Cream, gestohlen und seitdem nicht mehr gesehen.

Eric Clapton mit "Beano"

Ob man Fan ist oder nicht, Claptons Beano half unbestreitbar dabei, die Sunburst Les Paul in den Herzen vieler Musikerinnen und Musiker als definitive "Bluesgitarre" der '60er und aller Zeiten zu zementieren. Das alles trotz der Tatsache, dass Clapton das Instrument nur ungefähr ein Jahr besaß, bevor es gestohlen wurde – und dem Fakt, dass er es spielte, bevor er weltweiten Erfolg mit Cream hatte. Alleine vom Sound und der Ästhetik her, ist es eine der berühmtesten Gitarren der Zeit. Dazu noch der mysteriöse Faktor des Diebstahls, und die Gitarre wurde auf ein mythisches Level gehoben.

Über die Jahre hinweg haben viele Gitarrennerds, Burst-Enthusiasten und Clapton-Fans auf der ganzen Welt spekuliert, wo Beano verblieben sein könnte. Wie wir im letzten Artikel erwähnt haben, hatte der renommierte Gitarrist und Gitarrensüchtige Joe Bonamassa das letzte offizielle Wort zur berühmten Sunburst, als er, eher kryptisch, erwähnte, dass er die Gitarre zwar nicht selber gesehen habe, sie aber "in einer Sammlung an der Ostküste von Amerika ist. Das ist alles, was ich euch sagen kann — und alles was ich sagen werden."

Auch wenn die Aussage von 2016 stammt, gab es nach unserem Artikel einen kleinen Aufruhr unter einigen unserer Leser, die Beano zurück bei Clapton sehen wollten. Manche wurden so emotional, dass sie sogar Joe selber als den machiavellistischen mysteriösen Besitzer vermuteten.

Zu Bonamassas Gunsten können wir mit Sicherheit sagen, dass er nicht selber der geheime Besitzer von Beano ist. Joe hat seinen Kommentar mittlerweile zwar erläutert — er bereut, ihn überhaupt gemacht zu haben — seine Vermutung auf den Standort lässt aber diejenigen, die sich mit dem Sammeln von Gitarren auskennen Anhaltspunkten darüber, wer der Besitzer sein könnte. Einige unserer Leser fallen in diese Kategorie und hatten eine solide Vermutung, wer es möglicherweise sein könnte...

Das führt uns zu Dirk Ziff führt: New Yorker Milliardär, Verlagserbe, Investor und Les Paul Burst-Sammler. Niemand außer Dirk kennt die Wahrheit, aber er wurde in der Online-Gitarrencommunity schon häufig als der Sammler vermutet, in dessen Bestand sich die legendäre Burst befindet. Diese Theorie wird von Dirks Geheimniskrämerei über seine umfassende Les Paul-Sammlung befeuert.

Perry Margouleff posiert mit Dirk Ziffs privater Sammlung

Zunächst wird gesagt, dass Dirk Ziff alleine hunderte Les Paul Bursts von '58-'60 in seiner Sammlung hat und sie eine Zeitlang massenhaft aufkaufte, so dass grob geschätzt wird, dass er 10 bis 20 Prozent aller originalen Burst Les Pauls, die je hergestellt wurden, besitzt.

Außerdem wurde berichtet, dass Ziffs Sammlung in New York Bursts beinhaltet, die zum Spielen und zur Ausstellung dienen, aber auch welche, die nicht gespielt und offen gezeigt werden dürfen. Diese Gitarren sollen einem einmaligen Besucher zufolge, der in dieser Story aus der Nashville Scene von 1997 zitiert wird, in einem "Tresor, den man nur betreten darf, wenn man eine der Filzoveralls am Eingang anzieht" verschlossen sein.

Ziff hatte schon vorher berühmte gestohlene Bursts in seiner Sammlung. Auch wenn wir in keinster Weise behaupten wollen, dass Ziff etwas mit dem Diebstahl zu tun hatte, tauchte die '59 Burst vom Lynyrd Skynyrd-Gitarristen Ed King in Ziffs Sammlung auf. Die Nashville Scene schrieb 1997:

The Beauty of the 'Burst - Yasuhiko Iwanade

Im März besuchte er [King] eine Gitarrenausstellung in Dallas – die letzte Reise, die ihm sein Arzt erlaubte. Er stolperte dabei über einen Stand, der das Buch The Beauty of the 'Burst [das nur auf Japanisch herausgegeben wurde] bewarb. Nachdem er die ersten 15 Seiten durchblättert hatte, erkannte er seine Gitarre an einem markanten roten Fleck nahe des Pickup-Umschalters. Zuerst konnte er es nicht glauben, aber am nächsten Tag kehrte er dann zurück und kaufte das Buch. "Ich hatte die Seriennummer nicht parat, also verbrachte ich das Wochenende damit, mir nur das Foto anzugucken und zu sagen: 'es gibt keine andere Gitarre, die so aussieht'. Ich wusste einfach, dass es meine sein musste. ...

King kehrte nach Nashville zurück und glich die Seriennummer der Gitarre aus dem Buch mit der aus einer alten Inventarliste ab. Leider konnte ihm die New Jersey State Police nicht helfen, da die Verjährungsfrist des gestohlenen Instruments schon überschritten war. Er entschied sich also, seinen Fokus auf Perry Margouleff zu legen, den Sammler aus dem Gitarrenbuch.

"Bevor er den nächsten Schritt ging, rief King einen Gitarrenexperten in Florida an, der ihm erzählte, dass Margouleff als Chef-Gitarrenbeschaffer für Dirk Ziff arbeitet. [Sharon] Brock [Kings Freundin] setzte sich an ihren Computer um mehr über den Milliardär herauszufinden, und erfuhr so, dass er leidenschaftlicher Gitarrist und Gitarrensammler ist. ... Mit diesem Wissen ausgerüstet rief King Margouleff an, der sagte, dass er die Gitarre 1988 von Voltage Guitars in Hollywood für 9.500 $ erworben und sie dann an einen Freund gehandelt hätte. "Ist dieser Freund vielleicht Dirk Ziff?", fragte King. Magouleff bestätigte seinen Verdacht und bot ihm an, dabei zu helfen die Gitarre zurückzubekommen; er nahm jedoch keine weiteren Anrufe von King entgegen.

Um es kurz zu halten: nach einem persönlichen Brief an Ziff darüber, wie viel ihm die Gitarre bedeutete und einem Versicherungsstreit über das rechtmäßige Eigentum der Gitarre, gab Ziff die Burst letztendlich fairerweise an King zurück.

Es wird gemutmaßt, dass Ziff seine Sammlung nach diesem Vorfall verborgener hielt und seine Burst-Fotos aus zukünftigen Auflagen von The Beauty of the 'Burst entfernen ließ. Dementsprechend schwierig ist es auch, Fotos von Ziffs Sammlung nach der Ära der Auseinandersetzung mit King zu finden.

Der Vorfall zeigt, dass wenn Sammler rare Gitarren en masse kaufen die Möglichkeit besteht, dass gestohlene Instrumente ihren Weg in die Sammlungen finden, besonders im Zeitalter vor dem Internet.

John Mayall Bluesbreakers mit Eric Clapton - "Little Girl" (1966)

Nochmal ganz deutlich: wir wollen zwar nicht unterstellen, dass Dirk Ziff der momentane Besitzer von Beano ist, aber waren trotzdem interessiert daran, ihn persönlich zu fragen.

Deshalb haben wir versucht, Kontakt mit Ziff aufzunehmen, um mehr Hintergründe zu seiner Sammlung zu bekommen und ihn zu ein paar seiner gemunkelten Gitarren, so wie Beano, zu fragen. Mehrere Bitten um eine Stellungsnahme wurden zwar nicht beantwortet, aber schon die Interaktionen bei unserem Versuch ihn zu erreichen waren erinnerungswürdig.

Nachdem wir eine Nummer kontaktierten, die öffentlichen Unterlagen zufolge persönlich auf Ziff registriert ist, erzählte uns der anonyme Gesprächspartner, dass wir "die falsche Nummer" hätten.

Nach einer darauf folgenden SMS, in der ich mich für den fehlgeleiteten Anruf entschuldigte und erklärte, dass die Nummer öffentlich auf Ziff registriert ist, erhielten wir zwei Rückrufe, von denen der erste direkt wieder aufgelegt wurde. Beim zweiten wurde gefragt, wer wir seien, und was wir wollten. Die letzten Worte, die wir von dieser Person hörten, waren ein abruptes und energisches "...ich verspreche Ihnen nichts".

"Nichts" war alles in allem, was unser Kontakt versprach und dann schließlich auch alles, was uns als Kommentar zu dem Artikel erreichte. Für mich haben die Anrufe nur noch mehr Fragen geöffnet, statt sie zu beantworten. Was wirklich mit Beano passiert ist und in welcher Sammlung "an der Ostküste Amerikas" sie ein Zuhause gefunden hat, wird wohl nur die Zeit zeigen können.

Falls Dirk Ziff oder unserer mysteriöser Telefonatspartner jemals diesen Artikel lesen sollten, hoffen wir nur, dass sie uns dabei helfen werden, dieses Gerücht zu Grabe zu tragen. So oder so hoffen wir, dass Ziff irgendwann mal das Schweigen über seine epische Les Paul-Sammlung bricht.


Stevie Ray Vaughan sah seinen eigenen Tod voraus

Unsere letzte Gitarrenlegende ist einer der abgedrehteren Mythen die im Umlauf sind, gleichzeitig aber auch einer der unbekannteren. Sie dreht sich um den Heiligen des Blues und der amerikanischen Gitarre, Stevie Ray Vaughan, und die letzten Tage seines Lebens.

Der Legende nach hatte Stevie einen Tag vor seinem Tod einen Albtraum in dem er seine eigene Beerdigung besuchte. Erschrocken von dem Traum, erzählte er Berichten zufolge seinen Bandkollegen und der Crew am Abend ihrer letzten gemeinsamen Show davon.

Stevie Ray Vaughan

So Filmreif wie dieser Mythos klingt, wurde er doch in Gitarrenmagazinen wie Guitar World, auf Entertainmentseiten wie UpRoxx und selbst in Biografien wie Soul to Soul erzählt. Über die Jahre der Wiederholung wurde die Geschichte mittlerweile fast als konkreter Fakt akzeptiert, und zunächst wirkt sie auch plausibel.

Trotz allem ist es wirklich schwer sie zu glauben.

Wenn versucht wird tiefergehend über die Legende zu reden, folgt meist eine Erläuterung eines Bühnenunfalls, bei dem "Stevie Ray einen Monat vor seinem Tod beinahe gestorben wäre", was den Traum inspiriert haben soll. Es ist besonders diese Geschichte, die häufig falsch erzählt wird.

Nein, Stevie wäre in dem Unfall nicht fast gestorben. Einige seiner Gitarren wurden schwer beschädigt, darunter auch seine berühmte Number One Stratocaster, aber er selber wurde weder verletzt, noch war er während des Vorfalls im Garten State Arts Center am 7. Juli 1990 in New Jersey jemals körperlich in Gefahr. Stevie war zwar in dem Moment darüber besorgt, ob sein Gitarrentech René Martinez im Unfall verletzt wurde, auch ihm war aber nichts passiert.

Die Geschichte entwickelte sich durch einige zusammenhängende Kommentare und Behauptungen von Leuten, die in den Tagen vor seinem Tod in seiner Umgebung waren. Es ist besonders schwer, die Quelle der Albtraum-Story genau zuzuordnen, zudem hat keines seiner Bandmitglieder jemals offiziell diese Behauptungen bestätigt. Dennoch gibt es vom Rockfotographen Robert M. Knight eine detaillierte Beschreibung einer der letzten Konversationen mit Stevie, an einem seiner letzten Tage, die der Legende sehr ähnlich ist:

Stevie und ich hingen nur so rum. Wir redeten über Leben und Tod und Synchronizität. Ich sagte: "Oh, wusstest du, dass Otis Redding hier gestorben ist?" [Reddings Flugzeug stürzte in Madison ab]. Vaughan sagte, dass er und Redding den gleichen Manager hätten. Es war eine gespenstische, verdrießliche Unterhaltung...

Stevie und ich fingen an über Leben und Tod zu reden und er sagte: "Weißt du, ich glaube ich werde nicht mehr viel länger leben." Ich frage warum er so etwas sagen würde und er antwortete: "Naja, hör zu, als ich in der Schweiz war hatte ich auf der Straße eine Überdosis. Ich kotzte Blut. Im Grunde war ich tot, wurde ins Krankenhaus gebracht und wurde wieder lebendig."

Er sagte, dass das der Moment war, wo er wusste, dass er clean werden muss. Er sagte, dass er nicht wüsste, wie viel Zeit ihm noch bliebe. Er wollte jungen Leuten helfen zu verstehen, dass sie nicht Teil dieser Party sein müssten.

Wir redeten weiter über Leben und Tod und er sagte, dass Dr. John ihm gesagt hätte, dass er sterben würde. Ich sagte: "Was?" und er sagte: "Dr. John hat mir gesagt, dass ich nicht mehr lang zu leben habe."

Im Gegensatz dazu sagen seine Mitmusiker, wie unter anderen Chris Layton, dass Stevie an seinem letzten Tag tatsächlich gute Laune gehabt haben soll und dass er seine schweren Gefühle keinem seiner Bandmitglieder anvertraut habe, wenn er denn welche hatte. Während Layton zwar bemerkt, dass Stevie an seinem Todestag seiner Band gegenüber besonders gefühlsselig gewesen sei, weißt er die Ansicht, dass Stevie in seinen letzten Stunden so sicher von seinem Tod redete recht spöttisch von sich. Seine Antwort zu den Kommentaren und der Anekdote von Robert M. Knight:

Nein, davon habe ich nie gehört. Ich habe gehört, dass Leute Sachen sagen wie: "Ich war bei der Show und Stevie stand nicht mal mehr auf der Bühne, er schwebte zwei Fuß darüber in der Luft. Und er hatte einen lila Heiligenschein um sich", wahrscheinlich irgendwas mit Jimi Hendrix' Purple Haze. Weißt du, der Verstand ist eine komische Sache, denn in den eigenen Köpfen, durch Emotionen und weiß Gott was noch für Faktoren, zaubern sich die Leute allen möglichen Kram her.

Ich werde nicht sagen, dass Robert sich das alles ausgedacht hat. Ich habe nur nie irgendwas davon gehört. Ich kann nicht bestätigen, was jemand anderes zu wissen glaubt.

An diesem Punkt zerfällt dieses Stück Folklore für den eher skeptischen Fan. Wenn Stevie in seinen letzten Tagen wirklich so aufgewühlt vom Tod war, dass er ihn bis in seine Träume verfolgte, hätten seine Band und Mitmusiker dann nichts davon mitbekommen? Schließlich erzählte Stevie der Legende nach seinen Bandkollegen von seinem Todestraum... Und Knight zufolge, erzählte Dr. John SRV, dass er bald sterben würde.

Stevie Ray Vaughan & Double Trouble - "Pride And Joy" (Live at Montreux, 1982)

Was diese Art von übernatürlichem Mythos schwer zu glauben macht, ist dieser Teil von Knights persönlicher Anekdote:

Ich knipste also die Show und er kommt für die Zugabe raus, es ist "Voodoo Chile", und während ich Fotos schieße, werden meine beiden Arme zu Eisblöcken und meine Kamera fühlt sich an wie gefroren. Es war kein kalter Abend. Ich knipste noch zwei oder drei Minuten, aber konnte nicht aushalten, was mit meinen Händen passierte und ging in der Mitte des Songs zum Backstage.

Backstage sagte, ich glaube es war Alex Hodges: "Robert, was machst du? Stevie will, dass du die Zugabe fotografierst." Ich erzählte ihm, dass etwas mit meinen Armen nicht stimme. Es war nur noch eine Minute oder so übrig.

Stevie kam von der Bühne, ging zu mir und fragte: "Warum bist du gegangen?"

Ich krempelte die Ärmel hoch und sagte: "Stevie, guck auf meine Arme." Ich hatte Gänsehaut als wäre mir kalt. Stevie sagte: "Sieh dir meine an" und krempelte seine Ärmel hoch, er hatte genau das gleiche.

Vielleicht ist all das ja wirklich passiert und Knights Erinnerung ist akkurat, aber selbst für mich, als riesiger und leicht begeisterungsfähiger Stevie-Fan, ist das etwas schwer zu glauben. Ein Teil von Knights Geschichte könnte aber wahr sein, im Angesicht von dokumentierten Kommentaren, die Stevie machte nachdem er clean wurde.

Es gibt Zitate von Stevie aus seinem letzten Jahr, in denen er darüber redet, dass er glaubt auf auf "ausgeborgter Zeit" zu leben und jeder nüchterne Tag für ihn eine zweite Chance wäre. Insgesamt gesehen, wirkt es aber doch wahrscheinlich, dass Knight zur Zeit seiner Kommentare selber etwas Mythenbildung betrieb.


Über den Autor: Casey Hopkins ist ein Autor und Songwriter/Gitarrist bei The Advertisers. Neben Musik und Artikeln für Reverb war Casey Gitarrenverkäufer, Monteur und hat einen Abschluss in Geschichte. Folgt @CaseyHopkinsGuitar auf Instagram um auf dem Laufenden zu bleiben.

comments powered by Disqus

Reverb Gives

Mit deinen Käufen unterstützt du Programme zur Förderung Jugendlicher, damit sie das Equipment erhalten, das sie zum Musizieren brauchen.

Ups, sieht aus, als hättest du etwas vergessen. Bitte prüfe die rot hervorgehobenen Felder.