Fender Goes High-End: Die Geschichte der Jazzmaster

Die Jazzmaster war, trotz des Namens und der ursprünglichen Pläne, die Fender für das Instrument hatte, nie eine ernsthafte Jazzgitarre. Zum Zeitpunkt dieses Artikels ist es fast 60 Jahre her, dass die Firma sie als neues Modell auf den Markt brachte. Bei jedem anderen Hersteller würde die Jazzmaster nach ihren eigenen Stärken und Schwächen beurteilt werden, als Fender-Gitarre war sie aber zu einem Leben im Schatten von Strat und Tele verdammt. Unvermeidlich wurde sie deshalb von vielen als Nebenschauplatz angesehen, eine Gitarre, die darum kämpfte, mit der Vielseitigkeit dieser beiden ikonischen Modelle zu konkurrieren. Dabei hat sie ihren individuellen Charme und eine ganz eigene Anziehungskraft.

1966 Fender Jazzmaster

Fender war etwas mehr als zehn Jahre alt, als Ende 1958 die Jazzmaster eingeführt wurde. Das junge, ehrgeizige Unternehmen hatte eine starke elektrische Solidbody-Linie aufgebaut: die ursprünglichen Esquire und Telecaster, die relativ neue Stratocaster sowie die Schülermodelle Duo-Sonic und Musicmaster. Die Musicmaster war davon mit 119,50 $ die günstigste, die Strat mit Vibrato für 275,50 $ die teuerste Option.

Trotz des wachsenden Erfolgs von Fender müssen Leo Fender, Don Randall, Forrest White, Freddie Tavares und der Rest des Teams neidisch auf den Marktführer Gibson geschaut haben, dessen Palette an elektrischen Modellen von der Les Paul Junior für 120,– $ bis zur Super 400CES mit Natural-Finish für schwindelerregende 700,– $ reichte. Offensichtlich gab es da draußen einige Gitarristen, die das Geld und die Motivation hatten, teure E-Gitarren zu kaufen. Die Modelle am oberen Ende von Gibsons Bestand waren luxuriöse Hollowbodys, die für die hohe Riege der Jazzgitarristen bestimmt waren und auch hauptsächlich von ihnen gespielt wurden.

Fenders Team entschied sich, ein neues Solidbody-Instrument zu bauen, um diese betuchten Musiker anzuziehen. Das Ergebnis war die Fender Jazzmaster, die für 329,50 $ als Top-Modell des Unternehmens auf den Markt kam. Fender konnte nicht widerstehen, sie als "Amerikas beste E-Gitarre.... unerreicht in Leistung und Design" zu betiteln. Tavares, der wie üblich für einen Teil des Designs mitverantwortlich war, sagte später, dass der Gedanke dahinter war, die Stratocaster zu übertreffen.

Jazzmaster '58-59 Katalog
Jazzmaster Anzeige, 1965

Die Jazzmaster hatte ein markantes Korpusdesign, mit einem ausgeprägteren Versatz als dem der Stratocaster. Anfang 1958 meldete Fender ein Gebrauchsmuster für den Offset-Korpus an, das einige Jahre später erteilt wurde. Das Patent wurde ausgearbeitet, bevor die endgültigen Features der Jazzmaster fertiggestellt waren, und befasste sich mit den Vorteilen, die Fender bei dem Design für sitzende Gitarristen sah, was die Idee unterstreicht, dass die Firma das Modell in den Händen von Jazzern und anderen Gitarristen, die oft im Sitzen spielen, sah.

Fender Offset Patent, 1958

Das Patent beschreibt, dass bei einem normalen Korpus "Aussparungen oder Vertiefungen direkt gegenüberliegend" eingerückt sind. Solche Korpusse, so das Patent, bewirken, dass sich ein sitzender Gitarrist "beim Spielen relativ unwohl fühlt und zu Unbehagen und Schwierigkeiten beim Erreichen der richtigen und gewünschten Zupf- oder Picking-Position führt". Das Patent führt auf, dass das neue Design, bei dem die Einbuchtung der Bass-Seite "zwischen drei und sechs Zoll näher" am Kopf als die der gegenüberliegenden Seite liegt, mit "einer neuartigen Kombination aus Aussparungen und abgeschrägten Abschnitten" aufwartet, "wodurch ein leichteres Spielen mit minimalem Unbehagen für den Gitarristen gefördert wird". 1958 beantragte Fender noch ein Design-Patent für den Gesamtlook der Jazzmaster, das im folgenden Jahr erteilt wurde.

Abseits der Körperform gab es auf der Jazzmaster noch mehr Fender-Premieren: Sie hatte ein separates Palisander-Griffbrett, das auf den üblichen Ahornhals geklebt war und der Zielgruppe des Modells ein angenehm konventionelles Aussehen und Gefühl vermitteln sollte. Das schwebende Vibrato-System der Gitarre war ebenfalls neu und hatte eine ausgefuchste "Lock-off"-Funktion, die entwickelt wurde, um Stimmungsprobleme zu vermeiden, falls eine Saite reißen sollte. Es unterschied sich deutlich vom Strat-Vibrato, bei dem der Steg vom Saitenhalter getrennt war, und war Gegenstand eines weiteren Patents, das 1958 angemeldet und Anfang 1961 erteilt wurde. Es erreichte jedoch nicht annähernd den Erfolg des Strat-Vibratos, und ohne etwas Zuwendung können die Originalmodelle schnarrende Biester sein.

Die Jazzmaster kam auch mit zwei neuen Pickups. Sie basierten auf Strat-Pickups mit sechs Alnico-Polstücken innerhalb der Spule, aber die Spule selbst war breiter und flacher, wodurch ein glatter, dickerer Sound erzeugt wurde - immer noch ziemlich schneidend am Steg, aber passend jazzig am Hals. Die Bedienelemente waren für die damalige Zeit aufwendig gestaltet, so dass Gitarristen, ob Jazzer oder nicht, einen Rhythmus- und einen Lead-Sound einrichten und dann mit einem kleinen Schiebeschalter zwischen den beiden wählen konnten. Das System kam allerdings jedem, der einfache Lautstärke- und Klangregler gewohnt war, zu kompliziert vor - mit anderen Worten, mehr oder weniger jeder Gitarrist.

1959 Fender Jazzmaster

Die Idee von zwei Schaltkreisen wurde von einem Layout übernommen, das Forrest White bereits in den 40er Jahren entworfen hatte, bevor er zu Fender kam. Er sah den bahnbrechenden E-Gitarristen Alvino Rey bei einem Auftritt in Ohio, wie er damit kämpfte, von Rhythmus zu Lead-Sound zu wechseln. Später besuchte Rey die Fender-Fabrik, und White sagte ihm, sie könnten eine Lösung haben. "Also kramte Leo die Jazzmaster raus", erzählte mir White, "und diese Gitarre war die erste, bei der man zwischen Rhythmus und Lead wechseln konnte. Leo versuchte, einen jazzigeren Sound zu bekommen als den hohen, durchdringenden Telecaster-Sound."

Tatsächlich fanden Jazzgitarristen wenig Anklang für diese neuen, eher ungeschickten Solidbody-Gitarre, und Mainstream-Fender-Fans blieben weitgehend bei ihren Strats und Teles. Bob Bogle von The Ventures spielte Anfang der 60er Jahre eine Weile eine Jazzmaster und ein paar Surfer, darunter The Surfaris mit "Wipe Out", schienen es zu mögen, dass man mit den Presets von "Snap" zu "Smooth" wechseln konnte. Der versierte amerikanische Instrumentalist Roy Lanham favorisierte auch für eine Weile eine Jazzmaster, aber Joe Pass und der weniger bekannte Eddie Duran waren zu dieser Zeit die einzigen vollwertigen Jazzer, die der neuen Fender nachgaben, wobei sich beide nur als kurze Flirts erweisen sollten. Jazzer blieben bei ihren Hollowbody E-Gitarren und Fender musste sich mit dem, was wie der erste Fehltritt der Firma aussah, abfinden.

Roy Lanham - "Lover Come Back To Me"

Der Offset-Korpus der Jazzmasters beeinflusste das Aussehen einiger weiterer Fender-Modelle, darunter der Jazz Bass (1960), die VI (1961), die Jaguar (1962) und die Electric XII (1965). Die Jazzmaster selbst durchlief einige kosmetische Veränderungen. Ihr Schlagbrett war zunächst einer von Fenders goldfarbenen Aluminiumtypen, allgemein als anodisiert bekannt, aber 1959 wichen die neun-schraubigen Metall-Pickguards welchen in Tortoise oder weißem Kunstoff mit 13 Schrauben. 1965, im gleichen Jahr, in dem sich die Strat die breitere Kopfplatte der Jazzmaster auslieh, bekam die Jazzmaster ein Griffbrett mit Binding verpasst und im folgenden Jahr ersetzten blockförmige Griffbrettmarkierungen die ursprünglichen Punkte.

Die schnittige Offsetform des Jazzmasters schien besonders gut mit einer der Custom-Farben von Fender zu harmonieren, die dem eh schon coolen Look einen schimmernden Farbtupfer verliehen. Die Strahlkraft von Fiesta-Rot, Lake Placid Blue Metallic, Teal Green, Shoreline Gold Metallic und dem Rest passten gut zur Jazzmaster – und kosteten nicht viel: 1963 zum Beispiel, erhöhte ein Farb-Finish den Listenpreis einer regulären Sunburst für 349,50 $ um nur 17,47 $. Bei Betrachtung aus heutiger Sicht und heutigen Preisen könnte man das also durchaus als eine gute Investition bezeichnen.

In den 70er Jahren schränkte das neue CBS-Management von Fender die bestehenden Serien ein und bot nur wenige neue Modelle an. Die Jazzmaster - mittlerweile mit einem schwarzen Schlagbrett - verschwand aus dem Katalog und wurde 1980 aus der Produktion genommen, um dann auch die nächsten sechs Jahre erstmal nicht zurückzukehren.

1978 Fender Jazzmaster

Wachsende Zweifel des Vorstands in Kalifornien an diesem Entschluss fielen mit einer neuen Popularität unter aufstrebenden Gitarristen für die Jazzmaster und andere Fender, die von einigen als zweitrangige Modelle angesehen wurden, zusammen. Der neue Run war zum Teil auf die Punk-Ästhetik (zumindest theoretisch) wenig Geld zu haben zurückzuführen: Jazzmaster waren auf dem Secondhand-Markt relativ unbeliebt und so eher billig, verglichen mit den steigenden Preisen von dem, was nun als "Vintage"-Strats und Teles bezeichnet wurde.

Einer der Besten der neuen Generation war Tom Verlaine, der in der New Yorker Band Television eine Jazzmaster spielte und seine Vielseitigkeit auf dem 1977er Marquee Moon Album zeigte. In Großbritannien musste man nicht lange suchen, um auf Robert Smith von The Cure und Elvis Costello mit The Attractions zu stoßen, die beide eine Jazzmaster als Gitarre der Wahl bevorzugten.

Seitdem ging der Ruf der Jazzmaster auf und ab, Neuerscheinungen sind gekommen und verschwunden, Verbesserungen wurden vorgenommen und Gitarristen entdecken weiterhin ihre besondere Anziehungskraft. Sonic Youth, Dinosaur Jr., My Bloody Valentine und andere haben in den 90er Jahren ein Revival ausgelöst, das bis heute andauert und die Jazzmaster zu einer der beliebtesten Gitarren in einigen Indie-Kreisen macht.

Fender hat den Offset-Titel vor einigen Jahren als Familienname für ihre schrägen Modelle wiederbelebt, und der Look hat andere Hersteller inspiriert, dieses 60 Jahre alte Design neu aufzugreifen. Dazu Justin Norvell von Fender: "Der große aktuelle Trend, der Jahre brauchte um an die Oberfläche zu gelangen, ist die allgemeine Akzeptanz der Jazzmaster, nicht als schrulliger Ausreißer, sondern als legitime Plattform."


Über den Autor: Tony Bacon schreibt über Musikinstrumente, Musiker und Musik. Er ist Mitbegründer von Backbeat UK und Jawbone Press. Zu seinen Büchern gehören The Fender Electric Guitar Book, The Bass Book und Electric Guitars: Design & Invention. Seine neueste Veröffentlichung ist eine neue Auflage von Electric Guitars: The Illustrated Encyclopedia. Tony lebt in Bristol, England. Mehr Infos unter tonybacon.co.uk.

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