In den 60er Jahren wurde indische Musik im Westen immer beliebter, insbesondere die Sitar. George Harrison war mit dem großen indischen Instrument Ende 1965 auf "Norwegian Wood" vom Rubber Soul-Album als erster auf einer Pop-Produktion zu hören, ein paar Monate später spielte Brian Jones seine Sitar auf den Singles "Paint It, Black" und "Mother's Little Helper".
Die Sitar wurde so zum Trend, wobei George war von dem, was er da ausgelöst hatte, nicht sonderlich beeindruckt war. "Was mich an der Sitar stört, ist die Art und Weise, wie sie zum 'in thing' geworden ist. Das habe ich nie gewollt", erzählte er 1966 dem Music Maker. "Sie ist ein Teil des Zuges geworden, auf den zu viele aufspringen wollen, nur um als 'in' angesehen zu werden."
Nichtsdestotrotz war jetzt eine einfachere Lösung gefragt, mit der auch normalsterbliche Popmusiker an den begehrten Sound des Instruments gelangen konnten, das ernsthafte indische Meister wie Ravi Shankar ein Leben lang zu meistern versuchten.
Hier kam Vincent Gambella, besser bekannt als New Yorker Session-Musiker Vinnie Bell, ins Spiel. Schon in den frühen 60er Jahren hatte er Nat Daniel, der in den 40er Jahren in New Jersey Danelectro gründete, beim Design von Danos 12-saitiger E-GitarreBellzouki geholfen. Nun arbeiteten die beiden an einer elektrischen Sitar.
Der Schlüssel zu ihrer Erfindung war eine neue Art von Steg, der aus einer ansonsten relativ normalen E-Gitarre einen sitarähnlichen Klang erzeugen sollte. Der fast komplett flache Plastiksteg verlieh dem Instrument zwar einen summenden Klang, machte es aber auch äußerst schwierig zu intonieren.

In dem 1967 angemeldeten Patent von Vinnie und Nat schreiben sie, dass eine echte Sitar "beim Spielen der Melodie einen etwas summenden Klang erzeugt" und dass "das Summen aus der Verwendung eines relativ breiten Stegs resultiert, gegen den die Saiten beim Spielen des Instruments schlagen, was sich von der Funktion herkömmlicher [Gitarren-]Stege stark unterscheidet". Sie behaupteten, ihre neue Stegkonstruktion sei "robust, hochpräzise und, was am wichtigsten ist, leicht einstellbar".
Die Coral Sitar wurde 1967 für 295 Dollar auf den Markt gebracht. Im Jahr zuvor wurde Danelectro von MCA gekauft und Coral, benannt nach einer von MCAs Plattenfirmen, als neue, von Danelectro hergestellte Marke, eingeführt. Die Coral Sitar war ein relativ erfolgreicher Versuch, mit einem Instrument, das die einfachere Bespielbarkeit einer normalen E-Gitarre bot, einen sitarähnlichen Klang zu erzeugen. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal der Coral waren die 13 Bordunsaiten auf dem oberen Korpus, die so konzipiert waren, dass sie mit den regulären Saiten mitschwingen sollten — obwohl sich dies in der Praxis als weitgehend theoretisch erwies.
Es folgte eine elektrische Sitar der Danelectro-Marke, die auf die verzierte Form des Korpus der Coral verzichtete und sich stattdessen dem Tropfen-Stil einer echten Sitar annäherte, bei der traditionell ein Kürbis als Korpus verwendet wurde. Das Danelectro-Modell wurde außerdem mit einer Beinstütze aus Metall geliefert, die am unteren Rand des Korpus verschraubt war, um allen elektrischen Sitarspielern zu helfen, die bei ihren ausgedehnten Nachmittags-Ragas die sitzende Position bevorzugten.
Die ursprüngliche Produktion der Coral- und Danelectro-Sitars hat die 60er Jahre nur knapp überdauert, aber es gab spätere Neuauflagen und Kopien, die meist auf dem Coral-Stil basierten. Die bekanntesten davon waren eine Zeit lang die Jerry Jones-Modelle — darunter sowohl Versionen der Coral und Dano, als auch die Supreme, bei der die Bordunsaiten einem kurzen separaten Hals bekamen — die Firma stellte die Produktion aber 2011 ein.

Es gab außerdem noch diverse Einzelteile und Hilfsmittel für den interessierten Sitaristen, darunter ein Ersatzsteg von Eyb und die Sitarizer Tele-Ersatzsättel von Göldo. Eine immer noch erhältliche, stilvolle elektrische Sitar ist die Modena, die vor etwa zehn Jahren von Trev Wilkinsons Marke Italia eingeführt wurde. Neben Italia ist Trev Wilkinson auch für seine Rollensattel und Vibratosysteme, sowie als Kopf von Marken wie Fret-King und Vintage bekannt. Wie Trev bestätigt, basiert die Italia Modena Sitar auf dem Coral-Design.
"Mein Freund H.B. Cho von Mirr Music in Korea bat mich, eine Marke für ihn zu entwickeln. So ist vor nunmehr wahrscheinlich 20 Jahren Italia entstanden", erinnert sich Trev. "Die ersten Modelle für Italia basierten auf Nationals, Supros, Crucianellis, Davolis, Ekos — um nur einige zu nennen. Ein anderer Freund, Toshi Owha, fing an unter dem Markennamen Star eine von H.B. angefertigte Kopie der Coral Sitar herauszubringen. Ich hatte zu dem Zeitpunk schon mit Italia die Modena-Gitarre gebaut und sagte zu H.B.: "Wäre es nicht cool, wenn wir die Bordunsaiten einer Coral auf die obere Kante der Modena legen würden, um sie in eine Sitar zu verwandeln? Um ehrlich zu sein, war das so ziemlich alles, was ich an Design in das Modell hineingesteckt habe! Mehr brauchte es einfach nicht".

Trev benutzte auf der Modena den Sitar-Steg von Gotohs, eine weiterentwickelte Version des Originals. Er erklärt, dass der Gotoh-Steg einen doppelten Radius hat, während die ursprüngliche Coral in nur eine Richtung gerundet war. "Man konnte den Coral-Steg vor und zurück bewegen, um den Sitar-Effekt anzupassen, und man konnte ihn von einer Seite zur anderen anheben, um zu versuchen, das richtige 'zizzle' von den Saiten zu bekommen. Allerdings war er nur entlang der Horizontalen abgerundet. Da kamen Gotoh auf ihre übliche Art und Weise dazu und sagten 'OK, wir werden das verbessern.' Sie verpassten dem Steg ein paar Rillen für die Saitenführung, die ungefähr dem Radius eines Griffbretts entsprechen und rundeten ihn dann noch in die andere Richtung ab, so dass die Saiten die Oberfläche gerade eben berühren, um den Effekt von — naja, einem schlechten Sattel zu erzeugen", schließt er mit einem Lachen.
Die wahrscheinlich beeindruckendste Anwendung des schlechten Satteleffekts einer originalen Coral Sitar kam mit "Do It Again" von Steely Dan, Hit-Single aus dem Jahr 1972 und einer der Höhepunkte des Debütalbums der Band, Can't Buy A Thrill. Der Star des Stücks ist Denny Dias und sein umwerfendes elektrisches Sitar-Solo. Denny erzählt mir, dass er sich kaum an diese Session von vor fast 50 Jahren erinnere. "Ich habe die Coral nur ein paar Stunden lang gesehen", sagt er, "an dem Tag, als wir das Solo aufgenommen haben."

Ein klareres Gedächtnis hat der britische Musiker, Arrangeur und Produzent Pip Williams. Heute ist er Dozent für Musiktechnologie an der University of West London und lebt seine Leidenschaft für Orchester- und Chorarrangements mit der finnischen Gruppe Nightwish aus, die Pip als "die weltweit wohl führende symphonische Metal-Band" beschreibt.
Im Jahr 1972 war Pip jedoch im Village Recorder Studio in Los Angeles und arbeitete als Orchesterarrangeur für das von Mike Vernon produzierte Album Natural High von Bloodstone. "Damals war ich in erster Linie ein Soul-Arrangeur", erzählt er mir, "und ich kannte Songs wie 'Didn't I (Blow Your Mind This Time)' von The Delfonics, sowie eine Menge anderer Soul-Platten, auf denen die elektrische Sitar zu hören war. Ich dachte mir, dass ich nach einer suchen muss, sobald ich nach Los Angeles komme."
Bei einem zufälligen Besuch in einem Pawn Shop gegenüber des Studios ergatterte Pip eine Coral Sitar für 50 Dollar, komplett mit verrosteten Saiten, einer Menge Dreck und einem Abschiedswort von dem Mann hinter dem Tresen: "Das ist ein schreckliches Ding — Du wirst die wahrscheinlich nie benutzen."
Zurück im Village Recorder probierte Pip seinen neuen Kauf aus, während der Tape Op in das Zimmer neben an ging, um mit Steely Dan zu plaudern, wobei er die Sitar erwähnte. Pip erinnert sich: "Jemand von Steely Dan kam herein und sagte: 'Ich habe gehört, du hast eine dieser elektrischen Coral-Sitars. Können wir die mieten?' Ich sagte, ihr müsst die nicht mieten, ihr könnt sie euch auch einfach ausleihen. Die Saiten sind alle verrostet und sie sieht völlig im Arsch aus — aber ihr könnt's gerne versuchen. Weg war er also, und kam kurze Zeit später mit der Sitar zurück. Anscheinend hatten sie in der Zeit das Solo auf 'Do It Again' eingespielt."
Denny Dias erzählt, dass Steely Dans ursprüngliche Absicht für die Coral Sitar nicht aufgegangen sei. "Wir wollten 'Do It Again' mit einem Sitar-artigen Drone-Sound versehen, aber das Ding gab das einfach nicht her", erinnert er sich. "Es sollte wie der Beatles-Song klingen, der mit einer Sitar beginnt. Aber dann fing ich an, ein paar Licks zu spielen, und jemand sagte, lasst uns das Solo damit machen. Seitdem habe ich nie wieder eine gesehen oder gespielt."
In der Zwischenzeit nahm Pip seine Schnäppchen-Coral mit nach Hause und spielte sie auf vielen Sessions in Großbritannien und in den Staaten. Bei einer der kommerziellsten davon kamen sogar die selten benutzten Bordunsaiten der Sitar zum Einsatz, die er spielte, um den klirrenden Gliss zu erzeugen, der in Tina Charles' "I Love To Love" auftaucht, einer britischen Nummer-1-Single aus dem Jahr 1976.
Viel später, nach einem unwillkommenen Besuch des Finanzamts, musste Pip seine zu der Zeit wenig benutzte Coral verkaufen. Wenn ihr also über die Coral Sitar mit Seriennummer 820015 stolpert, habt ihr ein Instrument in der Hand, das eine glänzende Geschichte hinter sich hat.
- 1. Steely Dan - "Do It Again" (Denny Dias)
- 2. The Lemon Pipers - "Green Tambourine" (Vinnie Bell)
- 3. Joe South - "Games People Play" (Joe South)
- 4. Stevie Wonder - "I Was Made To Love Her" (Eddie Willis)
- 5. Eric Burdon & The Animals - "Monterey" (John Weider)
- 6. Pat Metheny Group - "Last Train Home" (Pat Metheny)
- 7. The Stylistics - "You Are Everything" (Bobby Eli)
- 8. The Box Tops - "Cry Like A Baby" (Reggie Young)
- 9. Freda Payne - "Band Of Gold" (Vinnie Bell oder Dennis Coffey)
- 10. Screaming Trees - "Halo Of Ashes" (Gary Lee Conner)
Über den Autor: Tony Bacon schreibt über Musikinstrumente, Musiker*innen, und Musik. Er ist Mitbegründer von Backbeat UK und Jawbone Press. Zu seinen Büchern gehören Fuzz & Feedback, The Ultimate Guitar Book und Electric Guitars: Design And Invention. Tony lebt in Bristol, England. Mehr Infos unter tonybacon.co.uk.
