Die schiere Menge an Musikequipment, die auf der Winter NAMM-Messe ausgestellt ist, reicht eigentlich schon aus, um einen zu überwaltigen — und dann kommt noch der gesammelte Lärm zahlloser gleichzeitiger Floor-Demos, Anspieler und Performances dazu. Das komplette Anaheim Convention Center ist mit Herstellern und ihrer Ware gefüllt, dazu kommen dann über 100.000 Musikerinnen und Musiker und andere Gear-Verrückte. Kein Wunder also, dass etwas Ruhe bei der Show eine Seltenheit ist.
Manchmal kann man einfach nur noch lachen — wenn zum Beispiel der Live-Sound-Lautsprecherverkäufer mit gefühlten tausend Watt Ed Sheeran aufdreht oder endlose Riffs den Videodreh unterbrechen — aber wir von Reverb haben unser Bestes getan, um für euch die aufregendsten Neuerscheinungen und Trends hinter dem Lärm zu finden.
Im folgenden werfen wir einen Blick auf herausragendes Equipment und aufkommende Entwicklungen. Nur eins noch vorweg: Dies soll keine endgültige Liste aller interessanten Neuheiten sein, dafür sind es einfach zu viele. Teilt uns eure persönlichen Favoriten in den Kommentaren mit. Um unsere gesamte Berichterstattung von der Messe zu sehen, könnt ihr euch unseren NAMM 2020 News Hub ansehen.
Korgs Synth-Dominanz
Wer das Publikum nach Meinungen zu Korg befragte, stieß auf ebensoviel Dankbarkeit wie Verwunderung. Das Unternehmen hat nicht nur den ARP 2600, den MS-20 als limitierte Edition in voller Größe und Custom Farbgebungen und die RK-100 S2 Keytar neu aufgelegt, sondern mit seinem Wavestate Wave-Sequencing-Synthesizer auch einen der am meisten diskutierten brandneuen Synthesizer herausgebracht. Als der unangekündigte Opsix-FM-Synthesizer wie durch ein Wunder bei der Show auftauchte, waren alle verblüfft: Wie findet Korg nur die Zeit für das alles?
Der Opsix stellte sich zwar als Konzeptmodell heraus und ließ uns mit Erleichterung feststellen, dass bei Korg immer noch nur Menschen arbeiten. Dem dominierenden Auftritt des Unternehmens auf der diesjährigen NAMM tat dies dennoch keinen Abbruch.
Der Mix-and-Match Marktanteil im Pro Audio-Bereich
Universal Audio hat die Veröffentlichung von Luna vor dem Start am Donnerstagmorgen mit Hochdruck hochgehypet und uns mit geheimniskrämerischen Anzeigen und Social-Media-Posts darüber spekulieren lassen, worum es sich handeln könnte. Mit einem Slogan wie "Analog Sound at the Speed of Light" ("Analoger Sound in Lichtgeschwindigkeit") hätte es fast alles sein können. Jetzt, wo wir Luna kennen, ist das aber eine ziemlich treffende Beschreibung.
Zur Erklärung: Die Apollo-Schnittstellen von UA ermöglichen es euch bereits, die Plugins und gemodelten Preamps von UAD zu verwenden, ohne euch allein auf die Prozessoren eures Computers verlassen zu müssen. Das liegt daran, dass die Prozessoren innerhalb der UA-Hardware — "Duo Core", "Quad Core" usw., die in den Namen der Apollo-Linie zu finden sind — die Hauptlast aller Instanzen der virtuellen 1176ern, Neve-Channel Strips und anderen UAD-Plugins tragen.
Universal Audio bezeichnet Luna zwar nicht als DAW, sondern eher als "Recording System", aber es ist im Grunde eine DAW — und zwar eine sehr leistungsfähige — die zusätzlich die Prozessoren der Hardware-Interfaces nutzt, um euch dieselbe Echtzeitverarbeitung für alle eure Aufnahme- und Mixaufgaben zu bieten. Die Verbindung von UA-Hardware mit UAD-Plugins ist seit langem eine erfolgreiche Kombination für Universal Audio. In diese Kombination eine DAW zu integrieren (die übrigens allen Nutzern der Apollo- und Arrow Thunderbolt-Interfaces, ob neu oder alt, kostenlos zur Verfügung steht) scheint eine kluge und natürliche Entwicklung zu sein, die euch den "analogen Klang" von UAD-Plugins, Tape-Emulationen und mehr "mit Lichtgeschwindigkeit", oder besser gesagt, mit der nahezu Null-Latenzzeit der Apollo-Interfaces bietet.
Natürlich gibt es dabei Parallelen zu den Hardware-Angeboten von Avid und der Pro Tools-Software, zu den PreSonus-Interfaces und der Studio One DAW oder sogar zu kleineren Schritten von Pro-Audio-Firmen, die in ein anderes Segment der Audiowelt expandieren wollen, wie SSL diese Woche mit der Ankündigung ihrer ersten Reihe von Personal-Studio-Interfaces.
Gitarrenhersteller hören auf ihre Zielgruppe
Die Bandbreite der Gitarristinnen und Gitarristen ist groß und vielfältig, und die Bandbreite der Optionen, die sie wünschen, reicht von "nur die Klassiker" bis zu "die Zukunft der Gitarre, jetzt!". Die Gitarrenfirmen der NAMM schienen dieses Jahr tatsächlich jedes einzelne Kästchen abzuhaken.
Wir haben schon auf der letztjährigen NAMM gesagt, dass Fender für jeden etwas bietet, und in diesem Jahr hat sich die Firma selbst übertroffen. Für alle, die Klassiker aus der Geschichte des Unternehmens wollen, bot Fender die 70th Anniversary Broadcaster an. Für diejenigen, die nach erschwinglichen 70er-Jahre-Vibes oder 80er-Jahre-Shredder-Maschinen suchen, hat Fender die Lead Series und die HM Strat neu aufgelegt. Für Gitarristinnen und Gitarristen, die nach etwas Frischem und Abgefahrenem suchen, gab es eine Black Beauty Tele, eine Spark-O-Matic Jazzmaster und andere seltsame Kreationen aus der Parallel Universe Series Vol. II.
Nach der Insolvenz setzte Gibson den Kurs fort, der durch die Fans des Unternehmens gesetzt wurde, die den Futurismus der Firebird X und Robot Tuners vor der Insolvenz ablehnten und einfach nur gut gemachte Klassiker von Gibson und seinen Untermarken wollten. Diese Fans hatten bei der NAMM reichlich Grund zur Freude. Sowohl Gibsons eigene Linien als auch die neu aufgelegten 80er-Jahre-Shredder von Kramer und die "Inspired By Gibson"-Kollektionen von Epiphone wurden in Original- und Modern-Kollektionen umgestaltet.
Im Fall von Epiphone hat dies natürlich die Steilvorlage zur Frage "Waren die nicht schon immer von Gibson inspiriert?" geboten — viele Kommentatoren haben versucht diesen Witz zu landen. Aber die neuen "Inspired By Gibson Original"- und "Modern"-Reihen sind in der Tat näher an Gibsons eigenen als je zuvor, und sie werden nun auch eine Kopfplatte haben, die der von Gibson näher kommt (allerdings immer noch nicht dieselbe ist). Anscheinend hat man die Beschwerden einiger Kritiker ernst genommen, dass die jüngsten scharfkantigen Kopfplatten von Epiphone ein Schandfleck seien.
Ein besonders aufregender Schritt für Epiphone-Fans, die gut wissen, dass Epiphone sowohl vor als auch nach dem Kauf durch Gibson großartige Gitarren aus eigenem Design hergestellt hat, ist, dass Epiphone nun eine in den USA gefertigte Serie hat, einschließlich der allseits beliebten Casino und der Texan Akustikgitarre.
Ein weiteres Beispiel für eine Firma, die ihr Publikum kennt, ist Ibanez, die zwei ihrer bekanntesten Gitarristinnen und Gitarristen mit neuen Signature-Modellen ehrte. Steve Vai, dessen Ibanez JEM eine der dauerhaft beliebtesten Signature-Gitarren aller Zeiten ist, erhält mit der Ibanez PIA eine aktualisierte Version. Yvette Young, die immer weiter aufsteigende Covet Gitarristin, die ihre Prog-Emo-Riffs oft auf einer Ibanez-Talman-Gitarre tappt, bekommt mit der YY10 ein eigenes Talman-artiges Modell.
Für alle, die Gibsons und Fender als die Gitarren ihrer Großväter betrachtet, gab es allerdings auch einiges zu finden. Zu Tosin Abasis neuesten Modellen unglaublich ergonomischer, leicht zu spielender Gitarren mit erweitertem Tonumfang gehört eine Gitarre mit einer Kohlefaserdecke, die eine optische Illusion von 3D-ähnlicher Tiefe erzeugt. Und Marken wie Ormsby, Kiesel, Vigier, Mayones, Sully und andere bieten weiterhin auffällige Looks und schnelles Spiel mit einer wachsenden Anzahl von Hochleistungsgitarren.
Das unendliche Effektpedal-Universum
Wie die regelmäßigen Leser der Reverb News wissen werden, ist die Gitarreneffektindustrie weiterhin einer der Bereiche, in denen Kreativität, Brillanz und Spannung überdauern.
Eine Halle der NAMM war bis zum Rand gefüllt mit alten und neuen Pedalbauern. Superball Kinetic Modular von Alexander Pedals, Rooms von Death By Audio und das Revival Trem von Origin Effects waren nur einige der brandneuen Pedale, die uns aufhorchen ließen. Diese und mehr könnt ihr in Andy Martins Favoriten im Video oben sehen.
Alle interessanten neuen Pedale in ein Video einzubauen wäre allerdings unmöglich. Da wären das neue Light-Pedal von Gamechanger Audio, der Minibar Liquid Analyzer von Rainger FX, das Fuzzrocious Croak Double-Filter Fuzz... die Pedalwelt hört nicht auf zu wachsen. Klickt auf einen dieser Links, um mehr über die einzelnen Pedale zu erfahren.
Die Rückkehr der frühen digitalen Reverbs


Das beliebteste digitale Hallgerät der 1980er Jahre war das AMS RMX16 — ein früher Rack-Effekt, der von Pop-Giganten wie Peter Gabriel, Kate Bush und vielen anderen verwendet wurde. Der geheiligte "In the Air Tonight"-Drum-Hall-Sound, der ursprünglich über analoge Geräte und einen bestimmten Raum in den Townhouse Studios erzeugt wurde, wurde zum "NonLin"-Algorithmus des ursprünglichen RMX16 und im Laufe des Jahrzehnts auf unzähligen Hits verwendet.
Auf der NAMM 2020 kündigte AMS Neve an, dass der klassischen Hallprozessor im neuen 500er-Serie-Format wieder auf den Markt gebracht werde, um ihn für die heutigen Toningenieure erschwinglicher zu machen und einfacher in moderne Studioräume zu integrieren.
Zwei der kreativsten Firmen für Gitarreneffektpedale — Chase Bliss Audio und Meris — arbeiteten in der Zwischenzeit gemeinsam an einem Remake eines weiteren klassischen frühen digitalen Halls. Der Lexicon 224 wurde zwar schon 1978 veröffentlicht, war aber in den 80er Jahren stark verbreitet und unter anderem auf Titeln von Talking Heads, Prince und U2 zu hören.
Der original 224 kam mit einer mit Fadern ausgestatteten Fernbedienung, was Chase Bliss die Chance gab, mit Hilfe vom DSP-Expertententum von Meris ihr neues Automatone-Faderdesign in die Praxis zu bringen. Die daraus resultierende Zusammenarbeit — der CXM 1978 — ist ein durchgestylter Effekt, der drei der berühmten Algorithmen des Lexicon 224 nachbildet.
Die üppigen, riesigen Reverbs der 80er Jahre sind drauf und dran in diesem Jahrzehnt zurückzukehren.
Waves präsentieren neuen Vocal Synth
In den letzten Jahren wurden in Pop-, R&B- und Hip-Hop-Produktion zunehmend effektbeladene Vocals eingesetzt; parallel dazu stieg die Zahl der Vocal-gesteuerten Soft-Synths und Effekt-Plugins, die dem ältesten Musikinstrument der Welt einzigartige Klänge verleihen wollen. Von Antares' Auto-Tune-Produktsuite über Vocoder, den kreativen Einsatz von Melodyne, iZotopes Vocal-Synth 2 hin zu Sampling-Techniken, die Vocals zerschneiden und hoch- oder runterpitchen gibt es haufenweise Möglichkeiten, den Gesang mit besonderem Flair zu versehen.
Das OVox Vocal ReSynthesis-Tool von Waves ist die Krönung der Stimmmanipulation und gibt den Usern die Möglichkeit, eine Stimme komplett zu verwandeln. Ihr wollt Vocoder-ähnliche Roboterstimme? Nichts leichter als das. Ihr möchtet einen gesungenen Part durch Bläser ersetzen? Lässt sich machen. Ihr möchtet für euren Gesang Harmonien erzeugen, diese aber über einen Soft-Synth spielen? Auch das ist möglich.
Es lässt sich kaum fassen, wie weit die Möglichkeiten des Produkts wirklich reichen. Die Besucher am NAMM-Stand von Waves waren immer wieder überrascht, was alles möglich ist, während der Entwickler des Gesangssynthesizers, ein junger Mitarbeiter und Musiksoftware-Wunderkind von Waves, mit einem Lächeln zusah.
Ein erschwinglicher Einstieg in die Welt des Immersive Audio

Letztes Jahr haben wir über den wachsenden Bereich der immersiven Audiotechnik geschrieben — räumliches Audio, 3D-Audio und Ambisonic — bei der Tracks aufgenommen und in lebensechtem Surround-Sound wiedergegeben werden können. In VR-Videospielen ist es bereits sehr beliebt, denn wenn man eine realistische virtuelle Welt schaffen will, müssen die Klänge von allen Punkten über, hinter und um den Spieler herum ausstrahlen.
Die Auswirkungen auf die Musik sind schwieriger zu durchschauen. Die Forschungsabteilung von Abbey Road ist führend, und Firmen wie Sennheiser und Rode stellen Ambisonic-Mikrofone her, aber die Eintrittsbarrieren für Musiker sind immer noch hoch — vor allem, wenn man bedenkt, wie viel Musik in Heim- oder Projektstudios geschaffen wird. Die meisten 3D-Audio-Mikrofone sind nicht nur teuer (oder stark eingeschränkt, wenn sie erschwinglich sind), sondern benötigen auch andere spezielle Geräte für Aufnahme und Mischung, wenn man keine Kompromisse bei der Klangqualität oder der lebensechten Immersion von 3D-Audio eingehen will.
Voyage Audio ist ein brandneues Unternehmen (und nur ein Zwei-Mann-Betrieb), dessen erstes Produkt, das Spatial Mic, im Oktober 2019 auf den Markt kam. Das ambisonische Mikrofon mit acht Kapseln bietet 3D-Audioaufnahmen in professioneller Qualität, den Mix über die kostenlose Software von Voyage Audio und eine einfache Verbindung über USB, so dass ihr die acht Audiospuren, die über das Mikrofon eingehen, mit eurer eigenen Ausrüstung verwenden könnt — und das alles für 899 Dollar.
Es ist ein ehrgeiziger Einstieg von einem jungen Unternehmen in eine Szene, die bisher von großen Marken dominiert wird, um die Eintrittsbarriere für immersive Audiotechnik zu senken, ohne dabei auf die Qualität der führenden Marken zu verzichten.
MIDI 2.0
Ein letzter Punkt, auf den wir relativ schnell eingehen werden, da wir erst kürzlich ausführlich darüber geschrieben haben, ist die neue MIDI 2.0-Spezifikation, die in naher Zukunft erscheinen wird.
Die neue Spezifikation ist die erste MIDI-Überarbeitung in mehr als 30 Jahren und wird Musikerinnen und Musikern viele Vorteile bringen, wenn sie endlich eingeführt wird. Für ein bestimmtes Segment von NAMM-Besuchern ist MIDI 2.0 die große Story, denn seine Veröffentlichung steht — auch wenn es bereits letztes Jahr angekündigt wurde — nach Aussage von Kennern nun unmittelbar bevor.
Bei der Aktualisierung des bestehenden Protokolls, das von Unternehmen wie Roland und Native Instruments bis hin zu Apple und Google verwendet wird, gibt es viele, viele Faktoren, die abgesprochen, diskutiert, vorgeschlagen und vereinbart werden müssen. Der größte Teil dieser Arbeit ist bereits getan, da das MIDI-2.0-Protokoll nun von diesen Unternehmen und den vielen anderen stimmberechtigten Mitgliedern der MIDI Manufacturers Association und der japanischen Association of Music Electronics Industry genehmigt wurde.
Sobald die USB-Mitgliedsorganisation dafür stimmt, das MIDI 2.0-Protokoll über USB zu verbreiten, sind Hardware- und Softwarehersteller frei, ihre neuen MIDI 2.0-fähigen Geräte und Programme vorzustellen.
Roland hat mit seinem neuen A-88MKII einen großen Schritt nach vorn gemacht. Der auf der NAMM angekündigte Controller ist im Moment ein Standard-MIDI-1.0-Controller, aber im Inneren ist er bereit, MIDI-2.0-Nachrichten zu senden und zu empfangen, sobald das Protokoll aktiv ist. Auf der NAMM fanden mehrere Treffen mit Entwicklern von Yamaha, Google, Roland, Art + Logic und anderen statt, bei denen die Einzelheiten der Implementierung besprochen wurden.
Sobald das Protokoll vollständig vorliegt, werden die höhere Auflösung, die bidirektionale Kommunikation und der intelligente Informationsaustausch von MIDI 2.0 Instrumente und Softwareprogramme auf eine Weise miteinander verbinden, von der man bis jetzt nur träumen konnte, die aber in der Entwicklung ist und bereits einige der besten Instrumentenentwickler der Welt begeistert.
Habt ihr auf der NAMM andere Trends erkannt oder meint, wir haben die beste Neuheit ausgelassen? Lasst es uns in den Kommentaren wissen. Klickt hier für unsere komplette Berichterstattung über Neuheiten und Produktankündigungen von der NAMM 2020.