Ah, die 90er-Jahre. Alternative Musik voller Existenzangst zog von den Rändern in die Mitte des musikalischen Geschehens ein und sorgte gleichzeitig dafür, dass die Dynastie der kühlschrankgroßen Rack-Effekte von kompakten Effektpedalen gestürzt wurde. Verzerrer mögen die Revolution zwar angeführt haben, dicht gefolgt wurden sie aber von einem stetig wachsenden Arsenal an immer ausgefeilteren Echo-Effekten. Ein paar Jahrzehnte später ist der Gebrauchtmarkt jetzt überschwemmt mit 90er-Vintage Delay-Pedalen, die kosmische Sounds zu mehr als irdischen Preisen liefern.
Ob ihr auf der Suche nach einem knackigen Slapback, frühen digitalen Tapesimulationen, dunklen Analogsounds oder sogar einem oszillierenden Klangwelten-Erzeuger seid – die Pedale der 90er haben euch immer noch was zu bieten.
Besonders angesichts heutiger Delay-Pedale, die so mit Features beladen sein können, dass ihr einen Doktortitel braucht um sie zu spielen, kann es sich lohnen die Uhr aufs letzte Jahrtausend zurückzudrehen. Um eure Echosuche in die richtige Richtung zu bringen sind hier jetzt meine neun Top-Delay-Pedale des Jahrzehnts.
Danelectro Dan Echo DE-1
Vielleicht wollt ihr keine Millionen Delay-Arten in einer futuristischen Box. Das ist okay. Vielleicht ist das was ihr wollt ein solides Pedal, das wie die Heckflossen eines 1959 Chevy Impala aussieht und einen Sound hat, der genau so kuschelig ist wie dessen Rücksitz. Ein eher speziellerer Wunsch, aber ihr habt Glück: das Danelectro Dan Echo deckt genau das ab.
Der Sound, den ihr aus dieser babyblauen Box bekommt, erinnert an ein 60er-Jahre Röhrenbetriebenes Tape-Echo. Der Hi-Cut Regler simuliert den Klangcharakter von altem Tape, indem er fortlaufend die hohen Frequenzen der Wiederholungen absenkt. In einem Jahrzehnt, das von dunklen Analog- und klaren Digital-Delay-Sounds dominiert wurde, war das Dan Echo seiner Zeit voraus, indem es mit der aufkommenden DSP-Technologie die Tapesounds vergangener Jahrzehnte einfing.
DOD EchoFX FX96 Analog Delay
Das DOD EchoFX FX96 kam zur NAMM 1997 auf den Markt und zielte auch auf die Vintage-Sounds der Tape-Delay-Geräte ab, diesmal aber komplett analog. Die Tape Quality- und Dry/Tape-Funktionen sind das große Plus dieses Pedals: das eine ist ein Low-Pass-Filter, der das Gefühl von abgenutztem Tape vermittelt, während letzteres euch ermöglicht, den trockenen Direktsound für wirbelnde Echos ohne Anschlagsgeräusch komplett auszuschalten.
Bedenkt wenn ihr auf dem Gebrauchtmarkt stöbert, dass DOD dem Pedal 1999 ein kosmetisches Update verpasst hat. Beide Versionen haben aber den gleichen Schaltkreis und die lila-blaue Grundfarbe.
Ibanez Stereo Delay/Echo DE7
Okay, die ToneLok-Serie war nicht gerade der größte Hit von Ibanez. Nicht mal die Korn Endorsement-Werbungen konnten der Serie helfen Fuß zu fassen. In den frühen 2000ern verschwanden die Pedale, die den optischen Charme von Briefbeschwerern auf einer Soviet-Raumstation versprühten, leise vom Markt. Es gibt jedoch einige Modelle des Lineups die es verdient hätten zu bleiben: eines davon ist das Ibanez DE7 Stereo Delay/Echo. Das Pedal ist verdammt dynamisch, mit Delay-Zeiten und Sounds die vom tighten Slapback bis hin zu ausgewaschenen Ambient-Explosionen reichen.
Mein Lieblingsfeature? Der Echo/Delay-Schalter, der den Sound der Wiederholungen von digital und stechend klar zu sanft wabernder analoger Dunkelheit ändert. Dreht die Repeats auf und ihr erhaltet grandiose Selbstoszillation, die wie ein Pad-Effekt im Hintergrund schwebt. Diese Features machen das Ibanez DE-7 zum Top-Pick für eine 90er-Vintage Box die auf on-the-fly Tweaks anspricht.
Boss DD-5 Digital Delay
In den 90ern konnte man sich keine zwei Schritte in einen Gitarrenladen bewegen ohne ein Boss DD-5 Digital-Delay zu sehen – sie waren einfach überall. Als direkter Nachfolger des ikonischen Boss DD-3 – das seit 1986 in Produktion geblieben ist – trat das DD-5 in große Fußstapfen. Auch wenn es seinen Vorgänger nicht verdrängt hat, konnte es sich mit seinen neuen Features und Funktionen unter den Delay-Pedalen der Zeit trotzdem wacker behaupten.
Zu diesen Features gehören optionale Tap-Tempo Funktionalität, eine erweiterte Delay-Zeit (1ms-2000ms) und elf Delay-Modi, darunter Rückwärts-Delays und Hold Sampling. Durch den Produktionslauf von 1995 bis 2002 gibt es eine regelrechte DD-5 Armada auf dem Gebrauchtmarkt und wer auf der Suche nach klassischen Boss Digital-Delaysounds mit einem Haufen Features ist, sollte sich eins davon rekrutieren.
Boss PS-2 Pitch Shifter Delay
So wie das DD-5 war auch das PS-2 als Upgrade eines früheren Geräts gedacht, diesmal war die neue Version aber der klare Sieger. Das PS-1 neigte zu Frequenzkopplungen, die das Design des PS-2 behob. Es erblickte 1987 die Welt, blieb bis Mitte der 90er in Produktion und wurde einer der mythischeren Made-in-Japan Boss-Effekte seiner Zeit.
Weil das PS-2 einen anderen Chip als das DD-3 benutzt ist der Charakter der Echos etwas anders. Diese eigenwillige Klangeigenschaft wird noch unterstrichen, wenn der Sound mit der Oktave hoch/runter-Funktion des Shifters gelayert wird. Wenn ihr nach einem Vintage-Boss sucht, das ungewöhnlichere Delaysounds bedient, ist das Boss PS-2 Pitch Shifter Delay auf jeden Fall einen Blick wert.
Ibanez AD99 Analog Delay
Das AD99 aus der "Flying Finger"-Ära der Ibanez Geschichte zeigt den Umfang der 90er-Jahre Delay-Innovationen der Firma. Der pink auf schwarze Bodentreter ist voller Features und vorausblickend, fängt aber trotzdem noch das Gefühl des ersten Ibanez Analog Delays, dem AD9, ein.
Mit seiner Eimerkettenschaltung mit bis zu 300 ms Delay-Zeit, drei Reglern für Delay-Zeit, Level und Feedback sowie Outputs für sowohl das trockene als auch das effektierte Signal ist das AD99 ein echtes Schnäppchen für Fans von Made-in-Japan Vintage-Effekten. Das Jahrzehnt mag für Ibanez mit dem futuristischen DE7 digital geendet haben, aber die Produktion des AD99 von 1996 bis 98 bescheinigt der Firma die feste Verwurzelung in der Vergangenheit.
Akai Headrush E1
Heutzutage gehen Delays und Looper Hand in Hand, damals war die Kombination allerdings weitaus weniger verbreitet. Das Akai Headrush machte Mitte der 90er sein Debut als All-in-one Delay-Workstation und Looper. Auf der Delay-Seite findet ihr ein "Normal Delay" und ein "Tape Delay", beide mit Tap-Tempo Funktion.
Mein Lieblingsfeature dieser kleinen Box ist der Head Gap-Regler, der euch den Sound des Tape Delays ändern lässt, indem ihr den Abstand der simulierten Aufnahme- und Wiedergabeköpfe einstellt. Über einen Schalter bekommt ihr dann noch bis zu 23,8 Sekunden Loop-Zeit, was genug für eine schnelle Klangteppich-Skizze ist. Ob das Headrush E1 oder das Update Headrush E2, für einen zweistelligen Preis ist dieses Pedal an Features und Funktionalität kaum zu übertreffen.
Digitech DigiDelay
Wie Historiker, die das wirkliche Ende des 19. Jahrhundert als Geisteshaltung erst auf 1914 legen, stufen wir das Digitech DigiDelay als Teil der "langen 90er" ein.
2002 veröffentlicht hat es ein Interface, das so simpel ist wie das der wirklichen 90er Delays vor ihm; die vielfältigen Sounds dahinter sind aber ein Vorbote der komplexen Pedale die später folgten. Mit einer Reglerdrehung könnt ihr zwischen sieben verschieden Delay-Arten wählen, darunter voreingestellte Echo-Intervalle, Tape-Simulation, modulierte oder rückwärts Delays und ja, ein Looper. Dazu dann noch die Tap-Tempo-Funktion, stereo Ausgänge, Lautsprecher-Modeling und das DigiDelay klingt schon eher nach einem Feature-beladenem Pedal das dieses Jahr auf der NAMM vorgestellt werden könnte.
Line 6 Echo Park
So ziemlich alles was sich nach fast 20 Jahren am Line 6 DL4 Delay Modeler seit seiner Einführung 1999 verändert hat ist das Logo. Durch den Erfolg dieser großen, grünen Box ist es allerdings leicht den kompakten Ableger des DL4 zu übersehen, das Echo Park. Wie Line 6 so viel brillante DSP-Technologie in so ein kleines Format bringen konnte ist mir unbegreiflich.
Die Delay-Arten sind vielfältig, behalten aber immer ihre eigene Integrität. Das Pedal ist äußerst robust und trotzdem unglaublich funktional: das Tap-Tempo ist intuitiv, die Stereoausgänge spielen selbst mit den modernsten Pedalen gut zusammen und man kann sogar das digitale Hirn des Pedals gegen jedes andere Modul der ToneCore-Serie austauschen. Wie beim DigiDelay schummeln wir hier zwar etwas, da das Pedal 2004 herausgekommen ist, aber da die DSP auf Line 6 Technologie der Jahrtausendwende beruht, ist es die Erwähnung mehr als wert.
Mit den großen Innovationen und Kreationen die ständig herausgebracht werden ist es leicht, die alten Schätze des Jahrzehnts der Flanellhemden und Dr. Martens zu vergessen. Diese Pedale erweitern nicht nur euren Sound, sondern auch euer Budget – vielleicht habt ihr danach dann sogar noch genug über, euch diesen neuen Discman, den ihr schon immer wolltet, zuzulegen.