Eine kurze Geschichte der High-Output Pickups

Jahrzehntelang war man so ziemlich an den Stock-Tonabnehmer einer Gitarre gebunden.

Keiner von ihnen war wirklich perfekt. Der Fender-Style Singlecoil klang zwar brilliant funkelnd, offenbarte bei genügend Verstärkung aber ein 60 Hertz-Brummen. Sein Vorgänger, der Gibson P-90, klang kräftiger, kam aber mit demselben Problem.

Brummen war beim klassischen PAF Humbucker, den Seth Lover 1955 für Gibson entworfen hatte, natürlich nie ein Problem. Aber während das die Gitarristen der 60er Jahre vollkommen zufrieden stellte, führte der Trend zu High-Gain-Amps und der Wunsch der Künstler nach dreckigeren Sounds zu einigen ernsthaften Zweifeln an der Leistungsfähigkeit des PAF Humbuckers.

Als die Musikwelt aus dem Schlummer erwachte und merkte, dass Gitarristen nicht nur an Stock Pickups gebunden sein müssen, explodierte der Markt regelrecht vor Innovationen. After-Market Pickup-Unternehmen begannen mit der Entwicklung von Pickups für die Hard Rock- und Metal-Gitarristen, die höhere Leistung forderten.

Die leistungsstarken Tonabnehmer der 70er und 80er Jahre wurden so beliebt, dass sie zum Standard der Gitarrenherstellung wurden.

Tech-versierte Pickup-Hersteller wie DiMarzio, Seymour Duncan und EMG stellten Gitarristen eine breite Palette von Optionen zur Verfügung, die schließlich den Sound von Metal- und Hardrockmusik ab den 70er Jahren prägen würden. Diese Tonabnehmer sind die renommierten High-Output-Pickups, die sich seit jeher bewährt haben.

1972: DiMarzio Super Distortion

Das aktuelle Marketing hinter DiMarzios Super Distortion Pickup ist denkbar einfach: "Der Pickup, der alles ausgelöst hat."

Mit einer messbaren Leistung, die weit über den Pickups der damaligen Zeit lag, wurde der DiMarzio Super Distortion entwickelt, um einem Verstärker mehr Overdrive zu entlocken.

DiMarzio Super Distortion Humbucker

Die einfache, aber wichtige Innovation von Larry DiMarzio war die Verwendung eines Keramikmagneten anstelle der populäreren AlNiCo 5 und AlNiCo 2 Magnete. DiMarzio wickelte die Spulen der Abnehmer außerdem mit einer großen Anzahl von Windungen, um einen Sound zu erzeugen, der entwickelt wurde, um Low-Gain Verstärker früher in die Sättigung zu fahren.

Das Ergebnis gilt weithin als der erste massenproduzierte Austausch-Pickup der Branche und wurde bereits 1975 zu einem Hit unter Gitarristen, als der langjährige DiMarzio-User Ace Frehley mit seinem Gitarrensound auf "Rock & Roll All Nite" und Kiss' nachfolgendem "Alive!"-Album die Welt der Rockmusik in seinen Bann zog.

Kurz darauf gab Adrian Smith von Iron Maiden dem Pickup in seiner Fender Stratocaster ein Zuhause und läutete so in den späten 70er und frühen 1980er Jahren den Beginn der New Wave of British Heavy Metal ein.

Der Super Distortion ist auch heute noch in Produktion und dient weiterhin vielen als Einstiegsdroge in die Welt der Pickups.

1977 bis 1981: Seymour Duncan JB, Distortion, und Invader.

Ungefähr zur gleichen Zeit, als Larry DiMarzios Pickup-Firma in Staten Island ins Rollen kam, begann ein Gitarrist mit einem Gespür für die Neuwickelung von Tonabnehmern seinen eigenen Weg.

Das Jahr war 1976 und der Gitarrist Seymour Duncan, ein junger Gitarrenbauer, der bei Fender's Soundhouse Research & Development Division, die sieben Jahre zuvor gegründet wurde, das Handwerk gelernt hatte.

Noch im selben Jahr kam Seymour Duncans erster massenproduzierter Humbucking-Pickup, der JB, auf den Markt. Manche sagen, dass "JB" sich auf Jeff Beck beziehe, andere meinen, es stünde für "Jazz/Blues". So oder so wurde der JB auf AlNiCo 5-Basis entwickelt, um Gitarrenamps in die Verzerrung zu pushen und gleichzeitig noch genügend Flexibilität zu bieten, um Volumenregler und Picking-Dynamik zu ermöglichen.

Als Seymour Duncan 1980 den SH-6 Distortion Pickup vorstellte, war klar, worauf Gitarristen aus waren. Wie schon der DiMarzio Super Distortion verwendet der SH-6 einen Keramikmagneten, um die modernen Ausgangspegel mit einem markanten Upper-Mid Spike auszugleichen, der neue Maßstäbe an Klarheit und Durchsetzung bietet und gleichzeitig die Forderung nach aggressiveren, satten Sounds erfüllt.

Seymour Duncan SH-8b Invader Bridge Pickup

Der Duncan Distortion wurde 1981 fast direkt vom Invader-Modell gefolgt. Er kam mit übergroßen Polstücken, überwickelten Spulen und nicht nur einem, sondern gleich drei Keramikmagneten bestückt. Dies machte den Invader stark im Bass- und untere Mitten-Bereich, was dem E-Gitarrensound zu einer bis dato unerhörten Fülle verhalf.

Alle drei Modelle werden auch heute noch von Seymour Duncan produziert und verfügen über einen Fanclub hochkarätiger Spieler.

Gitarristen wie Dave Mustaine von Megadeth bis hin zu Avenged Sevenfolds Zacky Vengance wurden mit dem Duncan JB gesichtet. Das Vermächtnis der Duncan Distortion wurde dank Randy Rhoads, dessen Kreissägen-Sound fast so einflussreich war wie sein beeindruckendes Können, schon früh gesetzt. Auch der Invader fand seinen Weg in Signature-Gitarren wie der Synyster Gates Avenger von Schecter.

Das Unternehmen führte außerdem 7-saitige und 8-saitige Modelle der Tonabnehmer ein, um den Anforderungen von Gitarristen mit Instrumenten mit erweiterter Range zu erfüllen, so dass jedes Design bis heute relevant bleibt.

1981: EMG 81 und 85

Ein paar hundert Meilen südlich von Seymour Duncans Hauptsitz, arbeitete währenddessen der Elektronikfreak und Musiker Rob Turner hart daran, ein Pickup-Design zu entwickeln, das völlig anders war als alles zuvor: der aktive Pickup.

EMG Pickups wurden 1976 von Turner als "Dirtywork Studios" auf den Markt gebracht, kurz darauf kamen der EMG SA Singlecoil und der EMG 58 Humbucker auf den Markt.

Insbesondere der EMG 58 stellte einen Fortschritt im Pickup-Design dar, denn Turner verwirklichte seinen ersten Traum, bestehende Pickup-Technologie mit einem batteriebetriebenen Onboard-Vorverstärker zu verbinden. Zusätzlich zu den klanglichen Vorteilen wurden diese aktiven Tonabnehmer entwickelt, um Brummen vollständig zu eliminieren, das Risiko eines Stromschlags zu verringern und lange Kabel zu kompensieren, die üblicherweise die Eingangssignale beeinträchtigen.

EMG Pickups kamen in den frühen 1980er Jahren auf Steinbergers kopflosen Gitarren und wurden vehement in Richtung der Los Angeles Session Player wie Steve Lukather vermarktet, dessen Custom Pickup Set weiterhin in Produktion ist.

Aber es dauerte nicht lange, bis EMG mit seinen 1981 erschienenen Flaggschiffmodellen EMG 81 und 85 in der Metallwelt auf Gold stieß. Die Pickups wurden auf Anhieb von Metallgiganten wie Zakk Wylde oder Kirk Hammett und James Hetfield von Metallica populär gemacht.

Die Pickups von EMG wurden bei Metal-Gitarristen aufgrund ihrer Kombination aus Dynamik und Klarheit schnell populär - eine Notwendigkeit für die extremen Metal-Stile, welche die 1980er und 90er Jahre weltweit hervorbrachten.

EMG 85 Humbucking Active Guitar Pickup

Was hat Metallgitarristen zu aktiven Pickups hingezogen? Die Antwort war schlicht und einfach Output. Mehr Leistung der Tonabnehmer bedeutet, dass mehr Leistung auf die Eingangsstufe des Verstärkers trifft.

Die aktiven Tonabnehmer von EMG wurden schnell für ihren breiten Frequenzgang und ihren niedrigen Rauschpegel bekannt, was durch schwächeren Magneten als bei herkömmliche Humbucker erreicht wurde, die durch den integrierten Vorverstärker deutlich verstärkt werden konnten. Schwächere Magnete sorgten auch für weniger Wirkung auf die Saiten, was wiederum das Sustain erhöhte.

Der weite Frequenzbereich dieser aktiven Tonabnehmer eignet sich gut für integrierte Equalizer, die mit Reglern für Bass-, Mittel- und Höhenfrequenzen immer mehr auf Metal-Gitarren auftauchten.

Eine weitere interessante Innovation dieser Pickups waren Rail-artige Stahlstäbe, welche die Polstücke ersetzten. Dies bedeutet, dass beim Bending von Saiten kein Signal verloren geht, da die Stäbe kontinuierlich und nicht wie die Polstücke, die bisher im Pickup-Design Standard waren, in ihrer Größe begrenzt sind.

Dieses Rail-Design setzte sich in den Störgeräusch freien Singlecoils und Humbuckern von Duncan und DiMarzio fort.

Eine breite Palette an Gitarrenherstellern machte die bewährte Kombination aus EMG 81 und 85 zum Standard auf diversen Modellen, unter anderem ESP, Schecter, Epiphone, Ibanez und Jackson. Mit diesen Pickups, die auf Einsteiger- bis zu Profi-Modellen zu finden sind, bleibt die Allgegenwart von EMG in der Metal-Welt unvergleichlich.

Gegenwart: Ein Markt voller Optionen

Zeitsprung nach 2017 und es gibt tausende Optionen für Gitarristen, die ihren Sound durch einen Pickup-Tausch verändern wollen.

Die größten Ikonen der Branche - DiMarzio, Seymour Duncan und EMG - sprengen weiterhin die Grenzen auf allen Seiten des Spektrums. Duncans erster Ausflug in die aktive Elektronik - die Blackout-Serie - hat sich beispielsweise bei Metal-Gitarristen als sehr beliebt erwiesen.

Hersteller haben auch von der steigenden Popularität der 7- und 8-saitigen Gitarren profitiert. Die 707/808-Serie von EMG ist ein Standard für Extended Range Gitarren, neben den passiven Angeboten von Seymour Duncan, darunter nicht nur die bereits erwähnten Distortion- und Invader-Reihen, sondern auch die Black Winter-, Sentient-, Pegasus- und Nazgûl-Serien.

DiMarzio überzeugt auch heute noch als führender Pickup-Hersteller mit mehreren Custom-Modellen, die auf die Bedürfnisse von Gitarristen zugeschnitten sind, wie z.B. dem Evolution für Steve Vai und dem Crunch Lab für Dream Theater's John Petrucci.

Wir sind hier dabei noch nicht mal an die Oberfläche des weiten Meeres anderer Pickup-Hersteller gekommen, von Bare Knuckle Pickups bis hin zu Rio Grande Pickups aus Texas. Diese kleineren Hersteller leisten alle ihren Teil als Erben einer Tradition, die mit Larry DiMarzios Entwurf für den Super Distortion begann: große Sounds und hohe Leistung in einem Paket zu vereinen, das die Kreativität von Gitarristen auf der ganzen Welt beflügelt.

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