Chris Blackwell hatte eine einfache, bescheidene Mission, als er 1959 Island Records gründete: Er wollte dazu beitragen, die Musik seines Heimatlandes Jamaika einem größeren Publikum im Ausland zugänglich zu machen. In den frühen Jahren des Labels war Island ein Weg, Ska- und Rocksteady-Platten an ein englisches Publikum zu bringen, wobei das Label frühe Hits mit Songs wie Millie Smalls "My Boy Lollipop" verbuchte und schließlich in den 1970er Jahren aus Bob Marley einen internationalen Star machte.
In den späten 70er Jahren war Island zu einem kleinen Imperium herangewachsen. Weiterhin unabhängig agierend hatte man einen beeindruckenden, inzwischen legendären Pool an Talenten aufgebaut, zu dem neben Reggae-Künstlern wie Marley, Toots and the Maytals und Junior Murvin auch Künstler wie King Crimson, Spencer Davis Group, Free, Nick Drake, Roxy Music und Cat Stevens gehörten. Blackwell hatte auch zwei Londoner Studios eröffnet — darunter die Basing Street Studios in einer umfunktionierten Kirche — aber als er sich dem Ende seines zweiten Jahrzehnts an der Spitze von Island näherte, verschrieb er sich dem genauen Gegenteil seiner ersten Mission: Er wollte die Musik wieder zurück in die Karibik bringen.
1977 sah er diese Vision mit dem Bau der Compass Point Studios in Nassau auf den Bahamas verwirklicht — dem wahrscheinlich etwas zweifelhaften Augenzeugenbericht von Lee "Scratch" Perry zufolge taufte Blackwell das Studio, indem er es eigenhändig mit dem Blut eines frisch getöteten Huhns bespuckte (ein jamaikanischer Brauch, wie Blackwell angeblich erklärte). Das Studio selbst bot ansonsten aber keinen schrecklichen Anblick: Als Mischung aus hochmodernem Studio und karibischem Urlaubsparadies waren Entspannung und Komfort fest vorgesehener Bestandteil der Studioumgebung. Außerhalb der Intensität einer städtischen Umgebung ermöglichte es den Künstlern, während der Aufnahmen dem Alltagsstress und Chaos zu entfliehen. Später eröffnete Blackwell auf einem angrenzenden Grundstück sogar ein richtiges Resort, was die Idee von Compass Point als Rückzugsort nur noch bestärkte.

"Die Idee war, all diese Leute zusammenzubringen, sie in eine sehr entspannte tropische Umgebung zu setzen, mit nichts außer einem brandneuen, hochmodernen Studio um sie herum", sagt der Journalist David Katz in einem Interview mit The World vom Public Radio International. "In gewisser Weise ist es das genaue Gegenteil von dem, was man in Kingston, Jamaika, vorfindet. ... Sobald man da das Studio verlässt, herrscht das totale Chaos. Endlose Ablenkungen und eine ziemlich aufgewühlte Atmosphäre. Compass Point war genau das Gegenteil. Man geht aus dem Studio hinaus und hört nichts als Stille."
Die technische Einrichtung von Compass Point entsprach den modernsten Studiostandards der späten 70er und frühen 80er Jahre, mit einer MCI 2" 24-Spur-Bandmaschine und Mischpult — das bevorzugte Pult von Produzenten wie Brian Eno, die die Einrichtungen genutzt hatten. Doch abgesehen von der Ausstattung, so ein Artikel in The Independent aus dem Jahr 2008, gab es "nichts Bemerkenswertes am Studio selbst. Das Besondere war die paradiesische Umgebung, seine 'erholsame' Lage und die entspannte Atmosphäre".
Blackwell selbst hatte auch eine eher entspannte Einstellung zur Produktion, wenn er Künstler ins Studio holte. Wie Kate Pierson von The B-52s in der Dokumentation Keep On Running: 50 Years of Island Records erzahlt, legte Blackwell während der Aufnahmen zum Debütalbum der Band aus Athen, Georgia, seine Füße auf das Mischpult, "zündete eine fette Tüte an" und ließ die Band ihre Arbeit machen.
So wie Muscle Shoals die Rhythm Section und Stax Booker T & the M.G.'s hatten, konnte auch Compass Point mit einer eigenen Hausband aufwarten, die ihre eigene einzigartige Mischung aus Funk und Staccato-Reggae-Rhythmus in die Aufnahmen einbrachten: Die Compass Point All Stars. Verankert durch den Schlagzeuger Sly Dunbar und den Bassisten Robbie Shakespeare, deren Credits auf hunderten von Platten zu finden sind, gehörten den All Stars an verschiedenen Stellen auch der französische Keyboarder Wally Badarou, die Gitarristen Barry Reynolds und Mikey Chung, der Percussionist Uziah "Sticky" Thompson und später Tina Weymouth und Chris Frantz von den Talking Heads und Tom Tom Club an.


Ein früher Mikrokosmos dieser kombinierten Elemente, insbesondere der Chemie der All Stars, entstand während der Aufnahmen der beiden ikonischen Grace Jones-Alben Warm Leatherette (1980) und Nightclubbing (1981), die aus denselben Sessions hervorgingen. Gleichermaßen von Black Uhuru und David Bowie inspiriert, fanden die Künstler ihre Muse in einer glamourösen, zutiefst funky Herangehensweise an Reggae und Pop. Erst brauchte es etwas Zeit, bis sie sich vollständig eingewöhnt hatten; so war Badarou, der Wochen vor dem Rest der Band in den Studioeinrichtungen eingetroffen war, beim ersten Hören zunächst nicht völlig beeindruckt vom neuen Material.
Es dauerte aber nicht lange, bis sich die Gruppe in die Musik vertieft hatte. Sie hängten ein übergroßes Bild von Jones an die Studiowand, damit sie als eine Art Papiermuse anwesend war, selbst wenn sie nicht im Raum war. Sobald sie anfingen, arbeiteten sie zügig und ohne dass sie auf jedes Detail eingehen mussten. Wenn beim dritten Take kein Song entstanden war, gingen es einfach direkt weiter. Aber sie kamen vorbereitet — ausgestattet mit großem Können und Ideen.

"Wir liebten Tanzmusik und hörten wirklich alles, weil wir immer arbeiteten und unsere Art von Reggae nach vorne bringen wollten. Also zogen wir alles mit hinein, was ging — ob Ideen oder Gastmusiker", sagte Dunbar in einem Interview mit FACT Magazine.
Die Chemie und das Können der Compass Point All-Stars, kombiniert mit der Interaktion mit Künstlern außerhalb der Inseln, führten zu der blitzartigen Art von Magie, die es die dort produzierten Platten ausmachte.
"Man nimmt einen einen Kern von Session-Musikern, die es mit den Größen von Studios wie Stax oder Motown aufnehmen können, lässt sie jammen und guckt, was dabei herauskommt", bricht Katz die Taktik herunter. "Dann bringt man andere Künstler ohne Verbindung zur Karibik dazu und lässt sie mit diesen Musikern interagieren."
Zusätzlich zu dem rohen musikalischen Talent, das Compass Point zu eigen wurde, erwarb sich der hauseigene Toningenieur Alex Sadkin einen Ruf für seine akribischen Techniken. Er verbrachte bis zu vier Stunden damit, die Trommeln von Sly Dunbar aufzubauen, um jede Frequenz zu erfassen.
Der verdiente Ruf von Compass Point als eine Art Muscle Shoals der Karibik führte dazu, dass es zu einem der begehrtesten Studios der 1980er Jahre wurde. Es war nicht nur der Ort, an dem die ikonischen Alben von Grace Jones auf Band gebracht wurden, sondern diente auch als Studio für Back In Black von AC/DC, Remain in Light von Talking Heads, Piece of Mind von Iron Maiden, Red von Black Uhuru und Night Nurse von Gregory Isaac.
Schließlich war die Nachfrage so groß geworden, dass das überbuchte Studio den Bau eines Studio B erforderlich machte, um die hohe Anzahl an Projekten unterzubringen.
Traurigerweise starb Sadkin 1987 bei einem Motorradunfall und Blackwell wurde im selben Jahr immer mehr von den finanziellen Irrwegen von Island Records abgelenkt, einschließlich seines unglückseligen Versuchs, mit Island Pictures in den Film zu expandieren. Die Cashflow-Probleme des Labels führten dazu, dass es nicht in der Lage war, die 5 Millionen Dollar Tantiemen zu bezahlen, die es U2 aufgrund des Erfolgs von The Joshua Tree schuldete (die, das sei angemerkt, schließlich mit Zinsen zurückgezahlt wurden). 1989 verkaufte er schließlich Island Records für umgerechnet 300 Millionen Dollar an Polygram. Während dies geschah, hatte der Kokainhandel in der gesamten Karibik zugenommen, und New Providence — die Insel, auf der Compass Point lag — wurde zu einem wichtigen Knotenpunkt. Der Anstieg der Kriminalität in diesem Gebiet machte es allmählich zu einem immer unattraktiveren Ziel.
Blackwell konnte Compass Point jedoch dank der Einstellung von Terry und Sherrie Manning, die zuvor bei Stax Records und Ardent Studios sowie bei EMI's Abbey Road gearbeitet hatten, weitere zwei Jahrzehnte lang offen und am Laufen halten. Eine Zeit lang erfreute sich Compass Point einer zweiten, fruchtbaren Welle und wurde zum Schauplatz einer neuen Serie von Aufnahmen von Künstler*innen wie Björk, Lenny Kravitz und Shakira. In den späten 2000er Jahren kam es jedoch erneut zu Problemen mit der persönlichen Sicherheit und "einer Atmosphäre, die wir als bedrohlich erkannten", wie es in einem Post auf der offiziellen Website des Studios hieß. Die idyllische Atmosphäre, die Blackwell mit seiner Flucht aus dem Atelier zu schaffen suchte, war zunichte gemacht. 2010 wurde Compass Point dauerhaft geschlossen.
Compass Point mag nach 30 Jahren sein Ende erreicht haben, aber dort, wo nur noch ein verschlossenes Gebäude steht, lebt ein Vermächtnis an Innovation und musikalischer Freiheit weiter. Es liegt in den polyrhythmischen Grooves von Remain in Light der Talking Heads, im globalen Funk von Funky Nassau von Lizzy Mercier Descloux und in den Genre-durchsprengenden Riddims von Grace Jones' Nightclubbing.
"Hinter all den Alben, die wir dort [in Compass Point] aufgenommen haben, gab es einen Plan", sagte Dunbar im Interview mit FACT. "Und das war der Plan von Chris Blackwell."