Es war so ziemlich das Funkigste, was man je gehört hatte. Als Stevie Wonder "Superstition" — die erste Single aus Talking Book von 1972 — veröffentlichte, kam der tiefe, aufwühlende, perkussive Klang, der das Ganze vorantrieb, von einem Instrument, das den meisten Menschen zu dieser Zeit unbekannt war: dem Clavinet. Tatsächlich hatte es aber schon eine lange Geschichte hinter sich.
Als die breite Masse es entdeckte, wurde das schrullige kleine Keyboard aus Deutschland zum Herzstück so vieler hart groovender 70er-Jahre-Songs, dass es nicht abwegig gewesen wäre, seine Silhouette mit in das Soul Train-Logo zu integrieren.
Die Blütezeit des Clavinet in den 70er Jahren lag nicht nur im R&B-Bereich. Mit seiner völlig einzigartigen Kombination aus sattem Bass und Biss im oberen Register schlug das Keyboard einen kraftvollen Weg durch Roots-Rock, Prog, Fusion und viele andere Stile ein. Aber die Geschichte des Sounds, der die 70er Jahre prägte, beginnt eigentlich mit der klassischen Musik des 15. Jahrhunderts.
Das frühe Clavinet
Das Clavichord wurde in den 1400er Jahren als eine Art kleines Geschwisterchen des Cembalos erfunden. Durch Drücken der Tasten wurden Platten nach unten gedrückt, die die Metallsaiten im Inneren des Instruments anschlugen.

Allerdings war das Clavichord ausschließlich für den Hausgebrauch geschaffen, mit einer Lautstärke, die nur für den Salon, nicht aber für den Konzertsaal geeignet ist. Daher erreichte es auf lange Sicht nicht die relative Allgegenwart seines lauteren Gegenstücks.
Spulen wir bis ins Jahr 1964 vor. Der westdeutsche Instrumentenbauer Hohner — zu dieser Zeit für seine Mundharmonikas und Akkordeons bekannt — stellte seit Ende der 50er Jahre elektrifizierte Klaviere her, darunter elektrische Klaviere wie das Cembalet und Pianet und das zweieinhalb tiefe Oktaven umfassende Basset.
Innerhalb weniger Jahre würden auch andere Firmen elektrische Cembali herstellen, vermutlich als Reaktion auf die barocken Einflüsse, die durch die experimentierfreudigen Beatles und Beach Boys in Pop und Rock aufkamen. Doch Hohner-Designer Ernst Zacharias kam ihnen zuvor, indem er das Clavichord mit elektrischen Tonabnehmern bestückte und das zerbrechlichste aller klassischen Instrumente so zu einem großen Kraftpaket mutieren ließ, bereit für das Rock'n'Roll-Zeitalter.
Hohners Clavinet I debütierte 1964, im Jahr darauf folgte das Clavinet II. Ursprünglich wurde es sowohl an klassische als auch an Pop-Musiker vermarktet, aber erstere nahmen es größtenteils nicht ernst, und auch auf der Pop-Seite brauchte es ein paar Jahre, um richtig in Schwung zu kommen.
Das Clavinet tauchte anscheinend erst 1967 auf Aufnahmen auf. "Let Go of You Girl" aus der Debüt-LP der New Yorker Barock-Pop-Pioniere The Left Banke, erschienen im Februar 1967, wird allgemein als erster Auftritt des Instruments angesehen.
Im Laufe des Jahres folgten dann noch viele weitere, darunter "6 O'Clock" von The Lovin' Spoonful, "Indian Lady" vom Electric Bath Album von Don Ellis (gespielt von Mike Lang), Emil Richards' elektronische Lounge-Pop-LP New Sound Element (gespielt von Paul Beaver) und "Attractive Girl" von der jamaikanischen Rocksteady-Gruppe The Termites.
Durchbruch im R&B
1968 begann das Clavinet seinen Weg auf R&B-Platten zu finden, wie Booker T. & The M.G.s "The Beat Goes On" und Sam & Daves "I Thank You".
Es überrascht also nicht, dass auch der visionärste R&B-Künstler von allen in jenem Jahr seine Liebesbeziehung mit dem Clavinet begann. Es ist überall auf Stevie Wonders "For Once in My Life"-Album zu hören, auf "Shoo-Be-Doo-Be-Doo-Da Day" und "I Don't Know Why", aber erst auf "You Met Your Match" gräbt er sich wirklich in die funky, stakkatohaften Low-End-Riffs ein, die das Instrument in den 70er Jahren definieren sollten, vor allem dank seiner eigenen späteren Arbeit.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Hohner bereits das Clavinet C und das kurzlebige L mit seinen umgekehrt farbigen Tasten und seinem seltsam abgewinkelten Korpus herausgebracht. 1969 begannen die Rock'n'Roller sich auf das Keyboard zu stürzen. Am Underground-Ende des Spektrums lässt der angehende Clav-Virtuose Terry Adams es auf NRBQs "Stomp" krachen.
"Terry Adams, mein Gott, der Typ kann mit einem Clavinet alles machen", sagt Power-Pop-Kultfigur Van Duren, "er bringt es zum Sprechen. Ganz zu schweigen davon, dass er es über die ganze Bühne reitet. Für mich ist er der Meister. Es gibt viele NRBQ Songs, die ich mir genau anhören muss, um zu erkennen, dass es keine Gitarre ist, sondern ein Clavinet. Es ist erstaunlich."
Es waren aber Garth Hudsons knisternde Clavinet-Linien in "Up on Cripple Creek" von The Band, mit denen das Instrument den jungen Rockern im musikalischen Mainstream zum ersten Mal die Köpfe verdrehte.
"The Band setzten es nicht nur als geradlinigen Clavinet-Sound ein, sondern legten Effekte drauf", schwärmt Duren. "Bei 'Cripple Creek' benutzt er ein Wah-Wah-Pedal, wodurch es fast wie eine Maultrommel klingt. Und kurz danach [1970], 'The Shape I'm In', spielte Richard Manuel es durch ein Phaserpedal, oder so. Er bekam einen tollen Klang heraus, und ich war wirklich angeturnt davon. Es klingt wie ein Clavinet unter Wasser, wirklich druckvoll und cool."
Mit Instrumentalhits wie "Outta Space" von Billy Preston und "Nut Rocker" von Emerson, Lake & Palmer fehlte es in den ersten Jahren des neuen Jahrzehnts nicht an Clavinet-Spotlights. Aber es war 1972 als Stevie Wonder mit "Superstition" das Spiel für immer veränderte, nachdem er ein paar Jahre Zeit gehabt hatte, sich wirklich mit dem Instrument zu befassen.
Stevie Wonder ändert die Spielregeln
In der Welt des Clavinet ist der Song von Wonders Album Talking Book die Mona Lisa, Arch de Triomphe und die Große Pyramide von Gizeh in einem. Abgesehen vom Synthesizer-Bass, Schlagzeug und Bläsern ist es das einzige Instrument auf dem Titel, das zudem noch mehrfach gedoppelt wurde.
Das fast schon unmöglich funkige Hauptriff inspirierte unzählige Legionen von Clavinet-Spielern über Generationen hinweg. Die teilweise gitarrenartig gespielten Overdubs auf dem Track öffneten unsere Ohren für die Möglichkeiten des Instruments. Obwohl in "Superstition" ein Clavinet C zum Einsatz kam, hatte Hohner bereits '71 das D6 eingeführt, das zum Standard der Linie werden sollte.
Nur ein so epochaler Song wie "Superstition" konnte Bill Withers' "Use Me" das Rampenlicht stehlen. In Withers' Song, der ein paar Monate vor Wonders Track veröffentlicht wurde, fühlen sich Ray Jacksons unauslöschliche Clavinet-Licks sowohl im klanglichen als auch im sexuellen Sinne herrlich schmutzig an.
Joe McGinty, am besten bekannt für seine Arbeit mit The Psychedelic Furs und als Schirmherr des New Yorker Kollektivs Loser's Lounge, gehört zu den vielen Keyboardern, denen der Talking Book-Track den Kopf verdreht hat. "Ich erinnere mich, wie ein Freund das Stevie Wonder-Album nahm und 'Superstition' auflegte", erzählt er, "Mein Freund sagte: 'Das ist keine Gitarre, das ist sein Keyboard', und ich konnte mir nicht vorstellen, wie ein Keyboard diesen Klang erzeugen könnte."
Es brauchte Wonder, um den Weg zu weisen, aber das Clavinet bot sich wirklich für diese funkigen Stakkatofiguren an. "Man muss sich ihm wie einem Schlaginstrument nähern", meint McGinty, "es fast wie ein Schlagzeuger spielen. Deshalb spielt Stevie Wonder alle seine Lieder auf den schwarzen Tasten, denn so ist es einfacher, richtig in die Tasten zu hauen."
Charly Roth, der für alle von Suzanne Vega bis Ozzy Osbourne als Keyboarder tätig war, stimmt dem zu. "Es gab kaum Widerstand, man legte buchstäblich den Finger auf die Taste, und sie machte ding. Deshalb kam dieser Funk-Stil auf, weil die Hand einfach irgendwie dazu verführt wurde, so zu spielen. Man käme nie auf die Idee, so etwas auf einer Rhodes oder einer Hammond zu spielen. Es war buchstäblich das, wo das Instrument einen hinführte".
Als der ehemalige Sänger der Temptations, Eddie Kendricks, weniger als ein Jahr nach "Superstition" mit dem Clavinet-Workout "Keep on Truckin'" einen Riesenhit landete, war klar, dass das funky Keyboard ein vollwertiges Phänomen war.
"Als diese Funk-Platten kamen", erinnert sich Roth, "wurde das Instrument immer mehr in den Vordergrund gerückt. 'Keep on Truckin'' ist für mich immer noch der Clavinet-Song aller Zeiten, der das Instrument wirklich auf Herz und Nieren prüft, die verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten, die es als Tasteninstrument hat, aber auch die unglaubliche Bandbreite, die es als Comping-Instrument hat."
Als es zum Keyboard du jour für Funk-Meister wurde, fand das Clavinet in der ersten Hälfte der 70er Jahre auch im Rocklager viele Fans. Am bekanntesten ist, dass John Paul Jones es auf "Trampled Underfoot" von Led Zeppelin bediente, die Edgar Winter Group es auf einen "Free Ride" mitnahm und Grand Funk seine Kraft für ihre Hits "The Loco-Motion" und "Bad Time" nutzten. Todd Rundgrens gitarrenähnlicher Gebrauch des Instruments stellte einen ganz anderen Aspekt seiner klanglichen Persönlichkeit dar.
"Wenn man es einmal durch einen sehr langsamen, nicht zu stark regurgitierten Flanger und einen Verzerrer gejagt hat", sagt Roth, "wird es durch einen Verstärker im Wesentlichen zu einer E-Gitarre. Diese Art von Läufen, die man machen kann, eignet sich auch sehr gut als Begleitinstrument für die E-Gitarre. Es ist überall auf Rundgrens Platten zu hören, aber er verwendet im Grunde dafür, einen gitarrenähnlichen Ton erzielen zu können, mit dem man aber auch Keyboard-Voicings spielen kann".
1975 nahmen Van Duren und Jody Stephens von Big Star eine Reihe von Demos im inzwischen legendären Ardent Studio in Memphis auf, womit der lange Weg zu Durens Kultklassiker-Debüt Are You Serious begann. "Ich benutzte das Ardent Clavinet", erinnert er sich, "ein Clavinet C aus den 1960er Jahren, das sie immer noch haben.
Zu dem Zeitpunkt hatte ich Stevie Wonder und seinen Einsatz des Clavinets als Lead-Instrument gehört. Rundgren hingegen ließ es auf seinen Aufnahmen oft das Klavier doppeln. Und genau das habe ich schließlich getan, nur um ihm eine andere Struktur zu geben. Es ist in vielerlei Hinsicht wie eine Keyboard-Gitarre."
In den 80er Jahren war das Clavinet jedoch bereits im Abschwung. "Es war schwer, es war teuer, und man musste es irgendwo lagern", sagt Roth. Auch die sich entwickelnde Synthesizertechnologie trug zur Gefährdung des Instruments bei. "Der gleiche musikalische Raum, den das Clavinet eingenommen hätte, wurde nun von diesen analogen Stabby-Synth-Pads und diesen tighten 80er-Jahre-Akkorden eingenommen. Sogar Geräte wie das [Yamaha] DX7 hatten eine so kurze Attack-Zeit, dass Clavinet-Sounds auf ihnen ziemlich leicht nachgestellt werden konnten."
Als in den späten 80er Jahren anspruchsvollere digitale Synthesizer wie Rolands D-50 und der Korg M-1 auf den Markt kamen, hätte das Clavinet genauso gut auf der AARP-Mailingliste stehen können. "Nicht nur, dass der Klang dieses Instruments für eine Weile aus der Mode gekommen ist", resümiert Roth, "sondern es tat dies auch genau zur selben Zeit, als eine andere Technologie so nah an den Sound herankommt, dass das echte Instrument nicht mehr gebraucht wurde."
Das Clavinet heute
Heutzutage rivalisiert die Seltenheit des Clavinet der des Sumatra-Nashorns, vor allem auf der Bühne. "Heutzutage haben alle Gig-Keyboards wie das Nord [Electro und Stage] oder das Yamaha Motif ziemlich überzeugende Clavinets", sagt Joe McGinty.
"Ich habe wahrscheinlich seit den späten 70er Jahren kein echtes Clavinet mehr benutzt", bestätigt Van Duren. "Im Live-Kontext verwendet man ein oder zwei Keyboards, und wenn man diesen Sound allein durch das Wechseln von Patches bekommen kann, ist das viel bequemer. Als ich ab den frühen 80er Jahren Synthesizer benutzte, hatte jeder, den ich besaß, einen großartigen Clavinet-Sound."
Jeder Analogliebhaber wird einem allerdings bestätigen, dass es nichts gibt, was an den echten Sound herankommt, so nahe die digitalen Annäherungen auch kommen mögen. Abgesehen von den Substituten auf der Bühne hat McGinty immer noch ein Clav in seinem Studio-Setup. "Es gibt einige Synthesizer-Patches, die ziemlich nah rankommen, aber sie sind nicht wirklich gleich", sagt er, "sie sind irgendwie ihr eigenes Ding. Nah genug für Live. Im Studio ist es auf jeden Fall besser, das echte Ding zu haben... man kann zum Beispiel die Tonabnehmerkombination ändern." Duren stimmt zu: "Das echte klingt besser, solange man weiß, wie man es richtig aufnimmt."
Das Clavinet klingt auch heute noch so gut wie zu der Zeit, als Keyboarder wie Wonder und Winter in den 70er Jahren damit ihre Spuren setzten. "Es ist ein unverwechselbarer Klang", stimmt McGinty zu, "man kann wirklich gut herausstechen. Es ist sehr befriedigend und macht eine Menge Spaß. Wenn man sich reinhängt, kann man es wirklich spüren, es ist definitiv ein sehr taktiles und direktes Instrument. Es ist wie ein Percussion-Instrument, man kann wirklich einfach draufhauen [lacht], es wird großartig klingen".