Wenn du aus der Perspektive der Familienforschung auf elektrische Gitarren schauen würdest, wäre es so, als wären Stratocaster und Telecaster Brüder mit drei Jahren Abstand. Gemeinsam tragen sie das Wappen der Fender-Familie: Single-Coil Pop, kräftiger Ausdruck und endlose Vielseitigkeit.
Zugleich sind Strats und Teles in einigen entscheidenden Punkten verschieden. Diese Unterschiede haben zu abweichenden Lebensläufen, Musikerunterstützung, Wissen und Fanbasis geführt. Ob du Hilfe bei der Kaufentscheidung brauchst oder dich fragst, welche Gitarre sich für diesen bestimmten Sound, den du seit Wochen im Kopf hast, am besten eignet, hier ein Einstieg.
Stratocaster und Telecaster im überblick
| Spezifikationen | Stratocaster | Telecaster |
| Erscheinungsjahr | 1954 | 1951 |
| Skalenlänge | 25,5" | 25,5" |
| Pickups | 3 Single-Coils | 2 Single-Coils |
| Korpusmaterial | Erlenholz | Eschenholz |
| String-Through-Korpus | Ja | Ja |
| Vibratosteg | Ja | Nein |
| Aktuelle Preisempfehlung | €950 | €950 |
Bevor du nun monierst, dass einige Teles Bigsbys oder Extra-Pickups besitzen oder dass ein paar Strats über eine Hardtail-Brücke verfügen: Behalte bitte im Hinterkopf, dass obenstehende Tabelle ein Spitzenvergleich zwischen den aktuellen Fender American Standard-Angeboten für beide Modelle ist. Für beide sind üblicherweise dieselben Finishes erhältlich und das Korpusholz ist austauschbar (es hat über die Jahre zahlreiche Strats aus Eschenholz und Teles aus Erle gegeben). Im Sinne der Folgerichtigkeit sind hier die klassischen Spezifikationen für das jeweilige Modell genannt.

1970 Fender Stratocaster

1960 Fender Telecaster
Einige oberflächliche Unterschiede existieren: Korpusform und Halstaschengeometrie (quadratisch bei Teles, abgerundet bei Strats). Doch was sind die tatsächlichen Eigenschaften, die für die beiden Modelle so polarisieren sind?
Fender Stratocaster: Glas, Glocken und Quacken
Als die Strat 1954 debütierte, wussten Musiker damit nicht viel anzufangen. Fender Telecaster und Gibson Les Paul waren erst wenige Jahre zuvor erschienen. Die Leute waren noch dabei herauszufinden, wie E-Gitarren mit Solid-Body ins Bild passten. Dann kam die Strat daher und demonstrierte Musikern eifrig die Vorteile von Extra-Pickups und einem Tremolo zum Verstimmen - lange bevor die überhaupt wussten, dass sie das wollten.
Ihre Korpusform, drei Single-Coil-Pickups und der futuristische Vibrato-Steg - heute eine endlos kopierte Schablone, eine Abkürzung für E-Gitarre - waren noch völlig neue Konzepte. Es brauchte einige selbst revolutionäre Künstler, um die Massen auf dieses neue Paradigma einzustellen.
Visitenkarte der Stratocaster:
- Ein ungehörter Hals-Pickup-Klang. Glasig, rund, glockenförmig. Nenn es, wie du willst.
- Die 2er- und 4er-Position auf dem Fünfwege-Schalter, manchmal auch Quack-Töne genannt. Als der Wahlhebel noch lediglich drei Positionen hatte, behalfen Gitarristen sich mit Klebeband, um den Schalter in diesen Sweet Spots zu halten. Hör, wie Mark Knopfler im Video alles aus ihnen herausholt.
- Ein Vibratohebel mit mehr give als ein Bigsby. Musiker können sie in der Hand behalten, um in Echtzeit zu manipulieren (schau dir den späten Jeff Beck bei der Arbeit an).
Dire Straits - "Sultans Of Swing" (1978)
Champions der Stratocaster:
- Jimi Hendrix
- Stevie Ray Vaughan
- Eric Clapton
- Bonnie Raitt
- Jeff Beck
- Rory Gallagher
- Bethany Cosentino
- Mark Knopfler
- David Gilmour
- John Mayer
Obenstehende Musiker sind für Millionen verkaufte Stratocaster verantwortlich. Sie spielten auf eine Weise, die dem einzigartigen Charakter der Strat zum Durchbruch verhalf, und machten sich diesen Sound zu eigen. Es gibt aber andere Musiker, die auf weniger offensichtliche Art ihre Karriere auf Strats aufgebaut haben.
Billy Corgan spielte den Großteil der Smashing Pumpkins-Frühphase eine Strat mit tonnenweise Gain und Fuzz (sein Signatur-Modell besaß DiMarzio Humbucker). Yngwie Malmsteen schreddert bis heute auf einer Strat, wenngleich mit Unmengen Gain und Scalloped Frets. Sogar Ritchie Blackmore hat eine gute Verwendung dafür: "Smoke on the Water", dieses legendäre heavy Riff, wurde auf einer 68er Stratocaster gespielt.
Es ist genau dieses Doppelleben, wegen dem die Strat so Bestand hat. Auf der einen Seite besitzt sie einen sehr spezifischen, ikonischen Charakter (siehe oben). Auf der anderen ist sie ein Chamäleon. Das Modell hat zahllose „Super Strat"-Wiedergeburten hinter sich, die mit ungewöhnlichen Pickup-Kombinationen den Hair Metal der 80er und viele "Teilecaster" befördert haben.
Einige Dinge fallen der Strat schwer: die wirkliche Tiefe und Schwere von PAF-Humbuckern und der Steg-Pickup-Twang einer Telecaster. Die Dinge, die sie beherrscht - die Hals-Pickup-Cleans, die Quack-Töne - hat jedoch keine andere Gitarre drauf.
Fender StratocasterFender Telecaster: Biss, Twang und Snap
Paul Bigsby mag in den späten 1940ern ein paar visionäre Prototypen gezimmert haben, doch Leo Fenders Telecaster (anfangs Broadcaster genannt) war die erste Solid-Body-E-Gitarre, die in die Massenproduktion ging und allgegenwärtig wurde. Sie ist bis heute eine der populärsten E-Gitarren (und einer der meistgesuchten Begriffe auf Reverb). Es muss also etwas an ihr dran sein.
Visitenkarte der Telecaster:
- Ein ungehörter Steg-Pickup-Klang. Auf Clean die Definition von Twang. Auf Dirty die Definition von Rock.
- Befreiend einfach. Zwei Pickups, zwei Knöpfe, sechs Saiten, kein Mist. Sie zwingt dich, besser zu werden.
- Überraschende Vielseitigkeit. Über drei Pickup-Positionen, verschiedene Klangregler-Positionen und unterschiedliche Lautstärkelevel hinweg besitzt die Tele eine erstaunlich abwechslungsreiche Stimme.
Vince Gill & Albert Lee & James Burton - "Mystery Train"
Champions der Telecaster:
- James Burton
- Albert Lee
- Albert Collins
- Pete Anderson
- Danny Gatton
- PJ Harvey
- Keith Richards
- Waylon Jennings
- Bruce Springsteen
- Jimmy Page (frühe Jahre)
- Vince Gill
- Brad Paisley
- Bill Frisell
Solch eine Liste zusammenzustellen ist fast eine sinnlose Aufgabe - es gibt zu viele berühmte Spieler, die sich die Tele zu eigen gemacht haben, um sie alle zu nennen (was ist mit Phil Baugh?!). Die Telecaster ist unvermeidbar, allgegenwärtig, eine solide Wahl für beinahe jede Art von Musik. Genannte Musiker haben entweder ihre Karriere auf einer Tele aufgebaut oder ihre versteckten Talente offengelegt.
Der archetypische Countrysound - heller Twang, Double Stops, Chicken Pickin" - wird auf ewig mit der Tele vermählt bleiben. Das Modell wurde aber von bahnbrechenden Künstlern aus jedem Genre genutzt.
Rock nahm Form an durch die Tele-betriebenen Riffs von Keith Richards und Jimmy Page. Elektrifizierter Blues entstand durch Telecasters in den Händen von Muddy Waters, Albert Collins und Roy Buchanan. Jazz fand seine Champions in Bill Frisell, Julian Lage, Robben Ford und (manchmal) John Scofield. Die Tele taucht bei John 5 und Jim Root sogar in Metal-Gefilden auf. Und lasst uns nicht Joe Strummer und Prince vergessen. Sehr unterschiedliche Gitarristen, die beide von den Tugenden der Tele zerrten.
Vielleicht ist am Ende des Tages die größte Stärke der Tele ihre unscheinbare Simplizität, ihr Platz als Blaupause für alle anderen E-Gitarren mit Solid-Body. Sie kann zu allem werden, was du dir wünschst. Hunderte von Produktzyklen - Thinline, Humbucker, Nashville Setup, B-Bender Bigsbys usw. - haben das im Laufe der Jahre weiter unterstrichen. Aber Stärken allein erobert keine Herzen.
Die Tele hat ihre Fahne auf der Grundlinie der verstärkten US-Musik platziert. Jene frühen Twang-Sounds, der Biss und das Snap sind nach wie vor das, was die Legende ausmacht und uns immer wieder aufs Neue verliebt macht.
Fender Telecaster