Nach Abschluss der NAMM 2018 ist es nun an der Zeit, uns abseits von Starrummel und Gimmicks auf das zu fokussieren, was wirklich zählt: Klang und Spielbarkeit. Auch wenn es in den letzten Jahren massig Innovationen in Sachen Gitarrentechnologie gegeben hat - wird irgendeine dieser Ideen deinen persönlichen Klang, das Feeling und dein Spiel wirklich beeinflussen? Ich habe mir die jüngsten Innovationen in der Gitarrentechnologie angesehen und ein paar Trends entdeckt, die Musiker sicher beeinflussen werden.
Ersatzhölzer werden wichtiger
Jetzt, wo die CITES-Regulationen voll zum Tragen kommen, sind Gitarrenbauer gezwungen, sich an die Zeiten anzupassen. Ersatzklanghölzer werden aus einem einfachen Grund zum neuen Trend: Palisanderholz und andere geschützte Hölzer sind weniger verfügbar, teurer und ihr Import/Export ist mittlerweile illegal. Ein Beispiel dafür, welchen Effekt das auf Marken hat, ist Kiesel Guitars—sie verkaufen ganz einfach keine Gitarren mit Palisanderholz-Griffbrett mehr an Käufer in übersee.

Große Hersteller wie Fender und Gibson verwenden bei Standardmodellen in großen Auflagen schon jetzt Pau Ferro bzw. gebranntes Ahornholz. Bei Gibson-Produkten wird außerdem torrefiziertes Granadillo benutzt.
Gibson, Deering und Martin setzen in ihren Modellen zudem zunehmend auf den Einsatz von Richlite, einem Faserverbundstoff. Das heißt erst mal nichts Schlechtes, schließlich erhalten Griffbretter aus gebranntem und maserigem Ahornholz gute Kritiken. Mittelpreisige und Einsteiger-Instrumente kommen so auch zu einem neuen, ansprechenden Look.
Tuner-Wechsel ist einfacher denn je

Auf den Erfolg von Hipshots UMP (Universal Mounting Plate), die das Tuner-Aufrüsten ganz ohne Technikereinsatz oder Löcherbohren möglich gemacht hat, sind ähnliche Produkte gefolgt. Graph Techs System, Invisomatch, ist eleganter und optisch dezenter. Nie zuvor war solch eine fundamentale Verbesserung so preisgünstig - Graph Techs System kostet weniger als 7 $, während zuvor die Installation eines neuen Tuners mehr als die Tuner selbst gekostet hat.
Eine verwandte Erfindung sind die Archtop-Bridges, die Graph Tech aus dem künstlichen Elfenbein TUSQ fertigt. Godin hat das bei einigen Modellen ebenfalls übernommen - und weitere Unternehmen dürften folgen. Auch das ist prinzipiell nichts Schlechtes, weil dieses Composite für Klang, Haltbarkeit und Anpassbarkeit großen Respekt genießt, weshalb es ein interessantes Upgrade der Fertigungstradition ist. Es könnte auch eine große Verbesserung für niedrigpreisige Archtops mit fragwürdiger Bridge-Form sein.
Transistor-Verstärker und Effektgerät-Komplettlösungen sind auf dem Vormarsch
Während Röhren in manchen Kreisen für immer die Krönung darstellen werden, ist die Verbreitung von Transistor-Verstärkern unaufhaltsam. Im kleineren Rahmen hat der Erfolg des Yamaha THR zu einer Reihe neuer Produkte wie der Boss Katana-, Marshall Code-, Blackstar ID- und anderen Reihen geführt. Musiker haben offenbar akzeptiert, dass Funktionalität und verlässlicher Klang im kleinen Rahmen wichtiger sein können als Röhren im Heim- oder Proberaum-Amp.
Im größeren Maßstab hat das Fractal Axe-FX II traditionelle Amps in den meisten Profi-Tour-Rigs beinahe ersetzt. Auf der NAMM 2018 hat Fractal das Axe-FX III vorgestellt, welches mit einer erstaunlichen Modellbandbreite daherkommt und außerdem ein großes Plus in Sachen Rechenleistung besitzt. Selbst für Live-Acts, die auf traditionelle Verstärker setzen, ist das Axe-FX die All-in-one-Effekt- und Pedallösung geworden.
Um aus diesem Trend Kapital zu schlagen, hat Line 6 die HX Effects-Reihe vorgestellt, die keine Verstärker- oder Lautsprechermodelle führt, aber 100 Effekte enthält, von denen bis zu 9 gleichzeitig eingesetzt werden können. Wenn sich das als erfolgreich erweist, könnte der riesige Multi-Effekt-Bodenprozessor der Trend sein.
Mini-Tubes werden populärer
Selbst wenn Röhrenverstärker etwas an Boden verlieren, setzen sich Mini/Micro/Nano-Tubes langsam für eine Reihe von Anwendungen durch. Diese kleinen Röhrenverstärker kamen in den ausgehenden 2000ern vor allem bei den Seymour Duncan-Pedalen zum Einsatz und erleben jetzt ein Revival. Der Pedalboard-große BluGuitar-Verstärker genießt große Popularität, und Vox hat eine Reihe neuer Amps, die auf deren "Nutube"-Technologie setzen. Jene sind überraschend positiv aufgenommen worden und weisen wachsende Marktanteile im Bereich kleiner, funktionsreicher Verstärker auf.
Ibanez ist auf der NAMM 2018 noch einen Schritt weitergegangen, indem man für den NU Tubescreamer dem geheiligten Tube Screamer-Pedal ein Nutube hinzugefügt hat. Die Verwendung in einem normalgroßen und mittelpreisigen Pedal zeigt an, dass wir schon bald noch mehr von diesen winzigen Röhren auf dem Markt für kleine Verstärker und Pedale sehen könnten.
Gitarren-Bodies erhalten mehrfarbige Finishs und mehr Ergonomie
Während Gitarrenspieler bei der Korpusform normalerweise Traditionalisten sind, scheint 2018 das Durchbruchsjahr für abgefahrene Finishes und Ergonomie zu sein. Wilde Finishes kennen wir noch von den Rockgitarren der 1980er - und jetzt ist dieser Trend im großen Stil zurück. ESP, B.C. Rich, Ibanez und sogar Gibson haben in jüngster Zeit Serien buntgefärbter Gitarren in typischen 1980er-Farben produziert.
Die Reissue der Ibanez RG Genesis-Serie hat jene Ästhetik im großen Stil zurückgebracht. Mehrfarbige Finishes bei neuen Modellen wie der Ibanez AZ, der PRS SE Standard 24 im Multi-Foil-Finish und der Gibsons "Boogie Van" Finishs signalisieren, dass die großen Firmen bei der Optik furchtlos sind.
Ergonomie ist auch in der Bodyform zu einem neuen Trend geworden. Seit Taylor in der Academy-Reihe seinen preisgünstigsten Modellen eine Armkerbe hinzugefügt hat, ist die frühere Spezialanfertigung nun allgemein verfügbar geworden. Noch radikaler sind die fächerförmigen Bünde/mehrskaligen Griffbretter, die bei vielen Modellen von Ibanez, Strandberg, ESP, Agile, Kiesel und einigen Spezialanfertigern zum Standard geworden sind.
Dank dieses Trends, der weiter wachsen wird, weil immer mehr Musiker das Potenzial erkennen, sind Bodyformen ergonomischer geworden, seit Ibanez, Strandberg und jetzt auch Abasi die Idee von „Funktion vor traditioneller Form" bei hervorragender Spielbarkeit umgesetzt haben.
Trends sind immer schwer vorherzusehen, ganz besonders auf dem Gitarrenmarkt, der gleichermaßen und paradoxerweise wankelmütig und traditionsbewusst ist. Allerdings haben sich diese neuen Produkte und Ideen Stück für Stück verbreitet - und zwar aufgrund von Nachfrage, nicht durch Marketing-Abteilungen.
Mit sofortigem Feedback und Marktforschung über Internetforen sieht es 2018 und auch in Zukunft gut aus für nützliche und nachgefragte Optimierungen und Extras für Musiker, die die Fokussierung auf das Wichtigste erlauben - besser zu spielen und zu klingen. Und natürlich dabei auch noch cool auszusehen.
Haben wir einen Trend vergessen? Sage uns in den Kommentaren, welche Gitarrentrends du kommen siehst.

