Egal ob man nun von Boutique-Verstärkern oder von Modellen in kleinen Stückzahlen von kleinen Firmen oder Einmann-Betrieben spricht, irgendwie schwingt immer gleich mit, dass diese Röhren-Amps den massengefertigten etwas voraus haben.
Ans grobe Ziel kommt man mit günstigen Allerweltsmodellen und mit teuren Boutique-Amps und vor allem im Band-Kontext vertreten viele Musiker die Meinung, dass man eh keine allzu großen Unterschiede mehr hört, sobald alle hart am Anschlag spielen. Andere widersprechen dem jedoch vehement.
Was sorgt also dafür, dass manche Amps schlichtweg "besser" sind und warum kosten sie so viel?
Kreativität hat kein Preisschild
Bevor wir uns hier mit der Konstruktion und dem Design von Boutique-Verstärkern beschäftigen, muss kurz klargestellt werden, dass großartige Musik auf beiden Arten von Amps entstand und entsteht. Und wahrscheinlich haben die großen Klassiker aus der Massenfertigung weitaus mehr Top-Hits verstärkt als die Boutique-Modelle.
Natürlich wird dich auch ein teurer Amp nicht zum besseren oder erfolgreicheren Gitarristen machen oder deinem Ansehen als Musiker helfen.
Obwohl heutzutage Amps von Fender, Marshall, Gibson, Ampeg oder Vox aus den 1950ern, 60ern und 70ern gefragte Vintage-Stücke sind, darf man nicht vergessen, dass die Geräte damals auch klassische Massenware waren (wobei sich die Fertigung damals und heute erheblich unterscheidet, und viele Prozesse von damals so heute eher in Boutique-Shops Verwendung finden). Des Weiteren gab es damals sehr wenige Alternativen von kleineren Herstellern.
Außerdem ist es vollkommen in Ordnung, sich schlichtweg nicht für Boutique zu interessieren, da man der Meinung ist, den für sich perfekten Sound auch mit seinem Amp zu erreichen. Allerdings ist es in Musiker-Kreisen ja ein bekanntes Phänomen, immer nach dem kleinen Quäntchen mehr "Tone" zu streben. Viele vermuten dies in teureren Amps und wenn man sich beim Spielen dieser Amps stärker inspiriert fühlt als sonst, dann umso besser.
Warum so teuer?
Es gibt eine Reihe von Faktoren, die dazu führen, dass die sogenannten Boutique-Verstärker circa das 2- bis 3-fache dessen kosten, was du für die selben Spezifikationen bei den großen Herstellern bezahlst. So haben die beiden vergleichbaren Amps 15-watt Vox AC15C1 1x12" combo und der15-watt Matchless Lightning 1x12" combo (ohne Vox-Reverb und -Tremolo) die gleiche Anzahl von Röhren und Output, die Preise unterscheiden sich jedoch deutlich. Dabei beeinflussen die Teile, die Arbeit sowie das Design die preislichen Unterschiede am stärksten.
High-End-Teile
In vielen Fällen nutzen kleinere Boutique-Betriebe hochwertigere Komponenten beim Bau der Amps. Die Einkaufspreise sind aufgrund der Stückzahlen entsprechend höher.
Natürlich möchten auch die großen Hersteller auf Qualität setzen (um gute Amps zu bauen und Garantiefälle zu vermeiden), jedoch werden Teile häufiger mit einem Fokus auf Kosten und Verfügbarkeit ausgewählt.
Viele Boutique-Hersteller nehmen es da ein wenig genauer und selektieren und prüfen jedes noch so kleine Teil. Des Weiteren beruhen viele Schaltkreise auf Komponenten, die schlichtweg schwierig zu beschaffen und entsprechend kostspielig sind.
Kostet ein Standard-Kapazitator mit .022uf-Widerstand ein paar Cent, so fallen für ein vergleichbares High-End-Modell der Firma SoZo gleich ein paar Euro an.
Solche Unterschiede schlagen bei der Summe an Teilen schnell ins Gewicht. Bei den größeren Teilen sind die preislichen Unterschiede zudem weitaus größer. Kostet ein normaler Fender-Style 25-Watt-Übertrager (Output Transformer) weniger als 50 Euro, werden für die Luxus-Variante von Mercury Magnetics gleich 150 Euro fällig.
Natürlich wissen auch viele Boutique-Hersteller, dass nicht an jeder Stelle des Amps die teuersten Parts für den besten Sound sorgen. Und manchmal sorgen gerade kleinere Unfälle für besonders spannend klingende Verstärker.
Wie Reinhold Bogner mir einmal sagte: "Manchmal ist einfach das schlechte Zeug besser... Das Unvollkommene sorgt dann für die Färbung. Man baut ja schließlich keine HiFi-Amps ohne Verzerrung, sondern möchte sogar im cleanen Sound ein bisschen Zerre". Aber Bogner ist auch der Meinung, dass man nicht einfach beliebige billige Teile verwenden kann und plötzlich werden dem Amp magische Sounds entlockt.
"Manchmal ist einfach das schlechte Zeug besser. Das Unvollkommene sorgt dann für die Färbung. Man baut ja schließlich keine HiFi-Amps ohne Verzerrung, sondern möchte sogar im cleanen Sound ein bisschen Zerre". - Reinhold Bogner
Allerdings sind viele der Amp-Builder der Meinung, dass es auf ordentliche Parts ankommt, um einem Schaltkreis einen Sound mit Wärme, Dynamik und Tiefgang zu entlocken.
Nur ein kurzer Blick auf die Teile-Liste des High-End-Herstellers Komet Amplifiers genügt, um zu sehen, wie viel Geld ausgegeben wird, um eine möglichst hohe Qualität zu erzielen.
- Military-grade 2-watt Potentiometer
- Military-grade Schalter
- 1/8" laser-geschnitten und gebogenes Chassis aus aircraft-grade Alu
- Versilbertes Teflon-Kabel, von Hand auf Custom-Epoxy-Board gewickelt
- Audiophile-grade Keramik-Röhren-Halter mit goldenen Kontakten
- Alle Schrauben, Muttern, Unterlegscheiben etc. sind aus rostfreiem Edelstahl
Die Liste ist noch deutlich länger... Da bekommt man aber schon mal eine Ahnung, wie schnell sich bei solchen Boutique-Amps die Kosten häufen.
Die hohen Arbeitskosten von "Hand Built"
Natürlich ist es allgemein bekannt, aber die Herstellung in Ländern wie der USA, Großbritannien oder Deutschland ist um ein vielfaches kostspieliger als die Produktion in Fernost. Zusätzlich zum "Wo" ist auch das "Wie" entscheidend, wenn man sich Boutique-Amps anschaut.
Denn die meisten dieser Amps werden komplett von Hand zusammengebaut, verkabelt und gelötet. Oft baut sogar nur eine Person einen ganz Amp alleine, vom Anfang bis zum Ende. Das erfordert viel Geschick und Konzentration. Bei gewöhnlichen Amp-Schaltplänen kommen gerne schon mal einige Hundert Lötstellen zusammen.
Diese Arbeit ist einfach kostspielig, da die Arbeiter entsprechend geschult sein müssen. Zudem ist es bei ganz kleinen Boutique-Betrieben oft ein und dieselbe Person, die den Amp entwickelt und deine Bestellung am Telefon entgegengenommen hat.
Die großen Unternehmen benutzen beim Bauen der Verstärker neueste Technik und oft sogar richtige Produktionsstraßen. Platinen (PCBs) günstiger Amps werden sogar häufig einfach in ein sogenanntes Bad getaucht, wodurch alle gewollten Verbindungen automatisch hergestellt werden. Solche Techniken senken die Kosten natürlich erheblich.
Einen relativ guten Eindruck zwischen den Kostenunterschieden von handgelötet und moderner Produktion vermitteln die sogenannten "hand-wired" Amps von Fender, Marshall oder Vox. Diese kosten meist ein Vielfaches mehr als die normalen Standard-Modelle. Das obwohl die meisten Teile nahezu identisch sind und nur wenige echte Hardware-Upgrades verbaut werden.
Design: High-End gegen Massenproduktion
Dieser Faktor ist nicht so richtig greifbar, allerdings darf man das Design trotzdem nicht außer Acht lassen. Gute Entwicklung ist einfach zeit- und kostenintensiv, wenn das Produkt am Ende stimmen beziehungsweise klingen soll.
Bei vielen kleinen Betrieben ist zudem häufig eine einzige Person für die Entwicklung zuständig. Und oft hat dieses Mastermind ein ganzes Leben lang an seinen Designs gearbeitet, immer auf der Suche nach dem "magischen Sound", den man im Kopf hat. Wenn es gut läuft, hast du oder andere Menschen einen ähnlichen Geschmack oder eine Vorstellung, wie ein Amp klingen muss.
"Ich habe eine Test-Zone, in der ich sechs verschiedene Output Transformer mit einem Drehschalter in einen Schaltkreis integrieren kann. So höre ich ganz genau die Feinheiten zwischen den verschiedenen Modellen. So muss man es einfach machen." - Mark Sampson
Zusätzlich sorgen bestimmte Bauteile und Qualitätsabstufungen der Parts für zusätzliche Kosten. Von höherwertigen Kabeln bis hin zur Güte der Platinen, überall können Premium-Teile zum Einsatz kommen.
Oft beeinflussen sich die Faktoren Teile, Arbeitskosten und Design gegenseitig. So geht zum Beispiel der Entwickler besonders gewissenhaft bei der Auswahl der Teile vor, wenn er seinen Schaltplan entwickelt.
Zur Veranschaulichung hier ein Einblick in Mark Sampsons (Mastermind von Matchless Amps) Gedanken bei der Auswahl eines Teils.
Ich habe einen Drehschalter mit dem ich sechs Output Transformatoren und mit einem weiteren vier verschiedene Speakerboxen beliebig testen kann. So kann man jedes Design in verschiedenen Kombinationen testen, und so muss man es auch machen. Wenn alle anderen Mitarbeiter nach Hause gegangen sind, mache ich mein Handy aus und schalte meinen persönlichen Entwickler-Modus an, um neue Designs zu entwickeln."
Die Ergebnisse: Sound, Zuverlässigkeit und Magie
Also was nun? Wie so oft, kommt es ganz drauf an, ob dich das alles nun interessieren sollte oder nicht.
Wenn dir dein bisheriger günstiger Amp treue Dienste leistet und du so klingst, wie du klingen möchtest - tiptop! Egal was du im Netz oder in Gitarrenmagazinen liest, die Vintage-Modelle, Boutique-Amps oder Sammlerstücke müssen deinen Sound nicht zwingend verbessern. Lass dich also nicht verunsichern.
Viele treue Boutique-Amp-Spieler sind der Meinung, dass die meisten dieser noblen Verstärker einen Hauch organischer und satter klingen sowie eine feinere Ansprache haben. Viele behaupten zudem, dass dieses gewisse tonale Etwas sie dazu bewegt, besser zu spielen. Vielleicht inspiriert sie der Boutique-Verstärker stärker als es beispielsweise ein Fender Twin je könnte.
Andere stimmen dem voll zu. Sie sagen auch, dass der Sound einen Hauch besonderer ist und sie schneller von der Muse geküsst werden. Allerdings sind sie auch der Meinung, dass es dort wo es drauf ankommt, keinen Unterschied macht. Das Publikum wird den Unterschied nämlich nicht hören, sobald die komplette Band zusammengemixt durch die PA dröhnt. Live ist es also relativ egal.
Am besten ist es, möglichst viele Amps anzuspielen, die man sich irgendwie noch leisten kann. Irgendwann findet man bestimmt etwas, das passt. Aber schlussendlich ist es wie so oft im Leben, was für andere der heilige Gral ist, muss es nicht zwingend für dich sein. Wenn du mit deinem jetzigen Amp zufrieden bist, umso besser, sei glücklich und freue dich über deinen Sound. Das ewige Suchen bringt einen meist auch nicht voran.



