Steve Harris ist das Herz von Iron Maiden, die er 1975 gegründet hat. Seitdem ist er durch den Aufstieg der Band zu weltweitem Ruhm als Maidens solider, zuverlässiger Bassist und Haupt-Songwriter gekommen und macht in diesem Interview klar, welche dieser beiden Rollen Vorrang hat: "Ich bin mehr daran interessiert, gute Songs zu schreiben", erklärt er. "Ich habe mir nie Sorgen darum gemacht, ein großartiger Bassist zu sein." Dabei ist es nicht sein Art, sich selbst herabzusetzen — er ist nur gerne realistisch. Und wie wir sehen werden, hat er trotzdem noch eine Menge über das Bassspiel zu sagen.

Ich habe Steve 1992 interviewt, kurz vor der Veröffentlichung von Iron Maidens neuntem Studioalbum Fear of the Dark. Wir trafen uns in Sheering Hall, seinem weitläufigen Herrenhaus in Essex, wo die LP im hauseigenen Barnyard Studio aufgenommen wurde.
Ich war erst etwas enttäuscht, als er vorschlug, das Interview in einem Pub zu führen, da ich unbedingt mehr von dem prächtigen Haus sehen wollte — aber dann stellte sich heraus, dass es hier um Steves persönlichen Pub ging, das Horse & Cart, der in einem der unzähligen Räume des Anwesens platz fand. Dort gab es einen Billardtisch, Ruddles County vom Fass und offensichtlich keine Sperrstunde.
Wir setzten uns zum ersten Pint des Tages und einem ausgiebigen Gespräch über die Rolle des Bass bei Iron Maiden.
Wann hast du angefangen Bass zu spielen, Steve?
Ich war recht spät dran — ich startete mit 17 — im Vergleich zu vielen anderen, die eher so mit 11 oder 12 Jahren anfingen. Ich glaube aber, dass ein zu früher Anfang die Gefahr mit sich trägt, dass man möglicherweise mit 18, 19 Jahren die Lust verliert und sich langweilt. Für mich hat der späte Start auf jeden Fall funktioniert. Davor hatte ich kein Interesse. Also schon, im Sinne von Musik und Bands hören und all das, aber wirklich ernsthaft mit Musik beschäftigt habe ich mich erst ungefähr mit 15.
Warum Bass?
Vermutlich, weil ich kein Schlagzeug spielen konnte. Ich wollte ursprünglich wirklich Schlagzeug spielen. Aber das war auf keinen Fall möglich — ich hatte keinen Platz, um ein Kit aufzustellen und zu üben. Also dachte ich mir, dass das Nächstbeste ist, mit dem Schlagzeug mitzuspielen. Ich mochte schon immer den Beat und die Kraft von Bass und Schlagzeug.
Jemand sagte tatsächlich zu mir: "Du musst erst Akustikgitarre lernen, bevor du Bass spielen kannst." Ich wusste es damals nicht besser, also lernte ich ein paar Akkorde auf der Akustik, hatte die Nase voll davon, dachte mir gut, das bringt mich nicht weiter, was den Bass betrifft. Also ging ich los und kaufte mir eine Shaftesbury-Kopie eines Fender Telecaster Bass.
War das eine gute Wahl?
Ich glaube, den hatte ich etwa sechs Monate lang, und dann habe ich ihn gegen einen Hayman eingetauscht. Sie wurden später von Shergold übernommen, wobei aber weder der der Name, noch irgendetwas an den Gitarren geändert wurde. Eine Weile hatte ich dann einen von denen.
Der erste Fender-Bass, den ich in die Hand nahm, war ein Jazz. Ich merkte aber, dass das nicht das war, wonach ich suchte, also wechselte ich zu einem Precision, und seitdem benutze ich Precisions. Ich fand sie einfach am passendsten für mich und benutze sie auch heute noch. Mir gefallen die tiefen Frequenzen, die runden Bässe eines Precision. Ich kann eine Menge Höhen und Tiefen rausholen, Mitten, einfach alles, und das wirklich solide.
Seitdem habe ich viele verschiedene Bässe ausprobiert. Ich hatte eine Zeit lang einen Rickenbacker, ich hatte einen Gibson Thunderbird. Man neigt dazu, die Instrumente seiner Vorbilder auszuprobieren. Der Gibson Thunderbird wurde von Entwistle, Martin Turner und Pete Way benutzt, alles völlig unterschiedliche Bassisten, mit völlig unterschiedlichen Sounds, also dachte ich mir, ich probiere mal einen aus, weil mir ihr Spiel und ihre Sounds wirklich gefielen. Aber als ich dann einen bekam, hasste ich ihn. Es war schrecklich, er hat bei mir einfach überhaupt nicht funktioniert.
Kannst du dich daran erinnern, was das Erste war, das du spielen konntest?
[Pause] Das kann ich tatsächlich nicht, nein. Ich erinnere mich, dass ich versucht habe, bei Platten von Free, Black Sabbath, Wishbone Ash und so weiter mitzuspielen. Ich kann mich nicht wirklich daran erinnern, was das erste Lied war, das ich gelernt habe. Ich erinnere mich, dass ich Probleme mit dem "Paranoid"-Riff hatte [singt den schnellen Part des Riffs], den Part hier konnte ich anfangs nicht spielen. Aber ich glaube da war ich auch erst seit 10 Monaten dabei.
Meine Einstellung war immer, mich nicht darin zu verzetteln, sondern es so lange ruhen zu lassen, bis ich wirklich Lust hatte zu spielen. Heutzutage übe ich nicht mehr jeden Tag stundenlang, sondern nehme den Bass in die Hand, wenn ich das Gefühl habe, dass ich üben will. Damals habe ich ihn also auch einfach ein paar Tage lang liegen gelassen, bin dann wieder zurückgekommen, und ich konnte es auf einmal spielen. Ich glaube, wenn man etwas immer und immer wieder wiederholt, wird man am Ende einfach frustriert und hat die Nase voll davon.
Was war für dich als Anfänger das schwierigste am Bassspielen?
Die Saitenlage [lacht]. Ich hätte wahrscheinlich meine Finger drunterhalten und spielen können! Damals wusste ich noch nicht, wie man den Halsstab verstellt oder sowas. Es ist wie bei allem anderen, Versuch und Irrtum, man lernt im Laufe der Zeit, indem man an den Dingen herumspielt.
Wann kam der Wechsel vom Spielen im Schlafzimmer zum Spielen in Bands?
Meinen allerersten Auftritt hatte ich, nachdem ich 10 Monate gespielt hatte. Es war eine Art Bandcontest in Poplar [Ost-London], das Aberfeldy-Straßenfest. Das war, bevor Maiden '75 gegründet wurde, also muss es ungefähr '73 gewesen sein. Die Band hieß Influence, und später änderten wir unseren Namen in Gypsy's Kiss. Wir spielten drei eigene Songs.
Wir mussten für den Contest nur etwa 15 Minuten spielen und ich erinnere mich, dass ich total nervös war, weil es ein Lied gab, in dem ich ein Bass-Intro spielte. Ich war so nervös, dass ich es versaut habe. Der Sänger dachte, ich wäre noch am Stimmen [lacht]. Als der Rest der Band einstieg, kam ich aber wieder klar, auf den anderen Liedern war ich auch okay. Aber das war die erste Bühnenerfahrung. Es waren ziemlich viele Leute da, denn es gab viele verschiedene Bands — Pop Bands, eine Reggae-Band, und so weiter.
Habt ihr gewonnen?
Wir wurden Zweite. An dem Gerücht, dass es nur drei Bands gab, ist nichts Wahres dran [lacht]. Ungefähr acht oder neun, glaube ich. Und offensichtlich war es eine ziemlich gute Erfahrung. Aber wir hatten danach nur noch etwa fünf weitere Auftritte, richtige Auftritte in Pubs, im Cart & Horses in Stratford, im Bridge House in Canning Town [beide im Osten Londons] und haben uns dann getrennt.
Ich glaube, ich habe damals den Hayman-Bass gespielt. Wir hatten drei oder vier eigene Songs, der Rest waren Cover: Wishbone Ash, Sabbath, Free, Thin Lizzy, solche Sachen. Danach kam ich über eine Anzeige in der Zeitung zu einer neuen Band, Smiler. Sie waren etwas älter als ich, alle ungefähr 26, 27 — ich war 18.
Musstest du vorspielen?
Ja, ich musste zu einem Ort in der Nähe des Tottenham Way [Nord-London]. Sie probten hinten in einem Pub und machten eher so Rock-Blues-Kram, frühe Fleetwood Mac, Savoy Brown, solche Sachen, aber auch Rock, Wishbone Ash, Free, was der Hauptgrund war, warum ich beigetreten war. Ich war nicht verrückt nach der Rock-Blues-Seite, aber ich dachte mir, gut zum Erfahrung sammeln. Als ich dazu kam, habe ich sie dazu gebracht, ein bisschen Montrose und sowas zu spielen, die etwas härteren Sachen.
Was gefiel dir an den Rock-Blues-Sachen nicht?
Es hat schon Spaß gemacht, das zu spielen, weil ich so etwas vorher noch nie wirklich gemacht hatte, aber ich war auch nie wirklich ein großer Blues-Fan. Ich mag eher Blues-beeinflusste Sachen. Ich meine, Free wurden offensichtlich vom Blues beeinflusst, aber sie haben ihn woanders hingebracht, und das hat mich mehr interessiert als der reine Blues. Ich habe früher gerne die Fleetwood Mac und so gespielt, aber ich würde das nicht die ganze Nacht machen wollen.
Es gab in der Band zwei Zwillingsbrüder, die Lead-Gitarre spielten, und ein gutes Gespür für Blues hatten. Sie besorgten sich ein Album und sagten: "Lasst uns etwas davon spielen", zum Beispiel Savoy Brown, und ich habe dann immer das rockigste Stück ausgesucht, anstelle der bluesigen Songs.
Ich glaube, das ist der Grund, warum wir uns letzten Endes getrennt haben, denn als ich anfing, ein paar Songs zu schreiben, waren sie eher Heavy Rock-basiert, mit Tempowechseln und so, und das war nicht wirklich die Richtung, in die sie gehen wollten. Also dachte ich mir, ich könnte genauso gut losziehen und meine eigene Band gründen, und dann machen, was ich will.
So gründete ich also Maiden, das war '75. Aber ich muss an die 30 oder 40 Auftritte mit Smiler gespielt haben. Keine Riesenmenge, aber es hat mir eine Menge Erfahrung gebracht. Es war außerdem praktisch, dass ich bei den Auftritten einige Kontakte knüpfen konnte, was uns später sehr gut getan hat, um Auftritte für Maiden zu bekommen. Denn Smiler hatte schon ein kleines Gefolge.
Hattest du das Gefühl, da deinen Bassstil gefunden zu haben?
Ich habe das nie wirklich analysiert, mache ich wahrscheinlich ich immer noch nicht. Ich habe mich nicht hingesetzt und gedacht, oh, ich will einen eigenen Stil bekommen. Ich nehme an, jeder denkt, dass es schön wäre, etwas ein bisschen anders zu machen. Es ist einfach ganz natürlich passiert, indem ich viele verschiedene Bands gehört habe.
Unsere Einflüsse bei Maiden waren so breit gefächert, alles von Free bis Black Sabbath, von Jethro Tull bis Pink Floyd, King Crimson, Yes, Wishbone Ash, Thin Lizzy, Golden Earring und so weiter, eine Menge verschiedener Arten von Musik. Es gab keine Regeln und Vorschriften, gibt es immer noch nicht. Ich nehme an, im Großen und Ganzen ist es alles Rock, aber damals war das noch ein weites Feld, viel weiter gefasst als heute.
Die Leute würden vielleicht sagen: "Ah, Steve Harris, ja: dieser galoppierende Sechzehntelnoten-Stil."
Nun [Pause] — ja, aber das ist nur ein Teil von dem, was ich tue. Ich glaube, es gab drei oder vier Songs die so waren, "The Trooper", "Evil That Men Do" und so weiter. "The Trooper" war ein großer Song, den viele Leute wirklich mögen, aber das ist nicht alles, worum es bei uns geht, da steckt noch viel mehr dahinter. Die Sache ist die, diese Art von Lied ist sehr — es hat ein hohes Tempo und einen ziemlich angriffslustigen Stil. Dann legt man einfach zwei Harmonien drüber und es funktioniert.
Die Leute können über mein Spiel sagen, was sie wollen – ich bin mehr daran interessiert, gute Songs zu schreiben. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, ob ich ein großartiger Bassist bin. Ich meine, natürlich ist es wichtig für mich, dass ich gut spiele, aber ich habe es nie wirklich ernst genommen, wenn ich in Umfragen gewinne, weil das sowieso nur durch die Popularität der Band kommt. Manchmal sind Leute an der Spitze der Umfragen, die keine besonders guten Musiker sind, nur wegen der Popularität der Band. Ich will mich jetzt nicht selbst schlecht machen oder so, nur realistisch bleiben.
"Die Leute können über mein Spiel sagen, was sie wollen – ich bin mehr daran interessiert, gute Songs zu schreiben. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, ob ich ein großartiger Bassist bin."
Die meisten sind heutzutage wahrscheinlich technisch besser als ich, aber es geht darum, ob die Leute ihnen innerhalb einer Songstruktur gerne zuhören, oder nicht. Ich habe immer daran geglaubt, dass wichtig ist, dass alles, was ich tue, innerhalb eines Songs geschieht, statt aus dem Rahmen zu fallen und ein großes Solo zu spielen. Viele sagen: "Oh, warum hast du noch kein Bass-Solo gespielt?" Weil sie verdammt langweilig sind, darum! Ich habe in all den Jahren vielleicht drei Bassisten gesehen, deren Soli ich wirklich interessant fand.
Einer davon war Billy Sheehan, als er uns mit Talas supportete. Was der machte, war einfach abgefahren. Außerdem Rinus Gerritsen von Golden Earring, da reden wir von vor vielleicht 15 Jahren [1977], damals fand ich das brillant.
Und ich habe mal Nectar live gesehen, die eine deutsche Band namens Kraan als Support dabeihatten, auch das ist vielleicht 15 Jahre her. Damals hatte ich noch nie von denen gehört, wahrscheinlich haben viele Leute das immer noch nicht. Der Bassist [Hellmut Hattler mit seiner Rickenbacker 4001] spielte ein Solo und es war einfach unglaublich, unerhört. Es war so gut, dass er sogar mittendrin aufhörte und zum Publikum sagte: "Moment mal, ihr klatscht nicht im Tempo." Er brachte sie zurück zu sich, sagte: "Ah, OK", und machte weiter. Selbstvertrauen, oder was?
Für dich ist es also eine Frage, ob ein Bassist die Aufmerksamkeit auf sich halten kann, oder nicht.
Ja, es gibt schon ein paar Leute, die etwas Interessantes machen, aber das dann oft ein bisschen zu lange, ein bisschen zu selbstgefällig. Ich meine, das ist langweilig. Es sind nicht nur Bassisten: Beim Schlagzeug ist es genau so. Ich erinnere mich, als ich '75 Zeppelin am Earl's Court sah, sie waren brillant, wirklich erstaunlich, aber es gab ein 20 Minuten Keyboard-Solo, ein 20 Minuten Gitarren-Solo, ein Schlagzeug-Solo, fast eine Stunde Soli. Zugegeben, sie spielten fast drei Stunden lang, aber eigentlich würde ich lieber zwei oder drei Stunden der Songs sehen, die man hören will. Und das ist einer der Gründe, warum wir nie wirkliche Soli gemacht haben.
Wir haben Nicko [McBrain] ein Schlagzeugsolo spielen lassen, als er zum ersten Mal auf der Piece Of Mind-Tour dazukam, weil wir dachten, er ist der Neue in der Band, soll er mal zeigen, was er kann. Danach hielten wir das aber für unnötig, vor allem, wenn man so viele Songs hat. Wir probierten es noch ein paar Mal aus, andere Herangehensweisen an Gitarren-Soli, andere Arten von Sounds, Gitarren-Synths, mehr Floyd-artige Sachen statt eines großen, verrückten Gitarren-Solos, Bühneneffekte und so, aber nach ein paar Touren haben wir auch das wieder verworfen.
Es ist so schon schwer genug, alle Songs ins Set zu bekommen, ohne dass wir auch noch Platz für ein Solo finden müssen. Außerdem haben wir uns immer Gedacht, dass sie in den Songs eh schon zeigen, was sie können.
Was gefiel dir am Spiel von Billy Sheehan?
Es war so eine andere Art, Bass zu spielen. Er spielte ihn eher wie eine Gitarre. Ich vermute, er war wahrscheinlich vorher Gitarrist, und geht das Ganze eher aus der Sicht der Gitarre als aus der des Bass an. Er hat das, was man auf der Gitarre macht, auf den Bass übertragen. Akkorde, ja, aber auch eine Menge Hammer-Ons und solche Sachen. Nicht nur das, ich meine, technisch war er großartig, aber er war außerdem auch ein großartiger Showman, spielte hinter seinem Kopf, warf den Bass hoch, drehte sich im Kreis, all sowas. Man bekam also wirklich das Beste beider Welten.
Danach hat er natürlich auch noch mit David Lee Roth gespielt, zusammen mit Steve Vai, und das war einfach unglaublich. Ich finde, er ist auf seine Art echt außergewöhnlich. Das Merkwürdige ist allerdings, dass er jetzt so viel Erfolg mit Mr. Big hatte [mit "To Be With You"], wo er so geradlinig spielt, wie man nur kann. Letztendlich geht es dann doch nur um Songs, nicht wahr? Man muss das spielen, was der Song braucht.
Einige Leute haben zu mir gesagt: "Auf den neuen Songs spielst du technisch nicht mehr so viel wie früher." Das liegt aber daran, dass die Songstruktur das nicht braucht. Wenn ich überall Basslinien einbauen würde, wäre das für mich völlig selbstgefällig und würde den Song ruinieren. Also... Wie auch immer — noch ein Pint?
Oh, ja, danke. Was ist mit Rinus Gerritsen von Golden Earring, wie war der?
Ich mochte seinen Stil schon immer, bin seit Jahren Fan. Ich kaufe immer noch jedes neue Album und sie schreiben immer noch großartige Songs. Das erste Mal sah ich sie '74 im Rainbow — sie hatten Lynyrd Skynyrd als Support, und das ärgerte mich wirklich, denn obwohl ich Lynyrd Skynyrd mag und sie sehr gut waren, kamen sie in den Konzertberichten meist besser davon als Earring. Und das war kein Vergleich. Ich bin nicht voreingenommen, aber als Earring rauskamen, war es einfach unglaublich. Skynyrd waren auch großartig, aber die Kritiken haben mich genervt.
Wie war Gerritsens Solo damals?
Er machte einfach Sachen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, wirklich abgefahren. Er benutzte verschiedene Soundeffekte, die ich vorher nie gehört hatte, aber allein seine Art des Attacks, das war wirklich anders. Der Sound, den er hatte, war irgendwie höhenlastig, eine Art Grunzlaut [lacht], mit einer Menge Höhen. Das gefiel mir. In gewisser Weise ist das die Art von Sound, die ich live haben will — nicht genau wie er, aber in der Richtung.
Kannst du dir Bassparts auf der Bühne gut merken?
Ob ich sie vergesse, meinst du? [lacht] Man neigt hin und wieder zu einer mentalen Blockade. Das passiert normalerweise zu Beginn einer Tour, und kann oft bei Sachen vorkommen, die man schon seit Jahren spielt. Man rennt vielleicht über die Bühne und vergisst, wo man im Song ist — "Ah, Scheiße!" — aber natürlich kommt es auch wieder zurück und man schafft es, sich da rauszuschlängeln. Jeder macht Fehler.
Würde ich nur in der Ecke stehen und auf mein Spiel achten, würde ich wahrscheinlich nichts falsch spielen. Aber darum geht es nicht, es geht um Adrenalin, um das Gefühl, da rauszugehen und alles zu geben. Ich würde mich langweilen, wenn ich nur an einer Stelle stehen würde. Es ist nicht nur eine technische sondern auch eine physische Sache.
Bei einigen Songs gibt es eine ganze Reihe von Sektionen und Changes, das ist also eine ganze Menge, die man sich merken muss.
Oh ja, das sind die Einflüsse von Yes, Genesis, Floyd, Tull und so weiter. Das ist, was wir wollten, diese Tempiwechsel mit der Heaviness von Sabbath, Purple, ein bisschen Zeppelin und den Harmonie-Gitarren von Wishbone Ash zu verbinden. Also ja, es ist eine Menge los, aber man ist irgendwann an dem Punkt, vor allem bei Sachen, die man schon seit einiger Zeit spielt, dass man gar nicht mehr nachdenken muss. Das ist tatsächlich, wo man anfängt Fehler zu machen — wenn man anfängt, darüber nachzudenken, was man tut, ob man es glaubt oder nicht. Schon schrägt. Normalerweise denkt man dabei einfach nicht nach.
Wenn man anfängt Oh Mann, was kommt jetzt als nächstes? zu denken, dann ist es schon passiert und man hat es verbockt. Jeder macht Fehler. Bruce [Dickinson] geht manchmal raus und vergisst etwas, und das Schlimmste für ihn ist, dass er ganz vorne steht. Wenn er das erste Wort einer Zeile vergisst, versaut ihm das die ganze Zeile. Unsere Songs sind oft zu schnell, um wieder einzusteigen.
Es ist schön und gut zu sagen, dass alles perfekt sein soll. Aber ich denke, als Live-Band sind wir konsistent. Bei unseren Live-Aufnahmen gibt es ein paar schiefe Töne — ein paar auf Live After Death [Live-Album und Video von 1985] — aber nichts wirklich schlimmes. Ich würde lieber etwas herausbringen, das repräsentativ für uns ist, als eine Menge Overdubs zu machen.
Wie ist deine Spieltechnik aktuell?
Ich habe immer mit meinen Fingern gespielt. Es gab nur ein paar Situationen, in denen ich ein Plektrum benutzt habe, wenn ich etwas ausgefallenes spielen wollte — zum Beispiel beim Doppeln der Rhythmusgitarren. Auf dem neuen Album [Fear Of The Dark, 1992] gibt es auf "Childhood's End" eine Art Akkordpart, in dem ich Singlenotes spiele und einen Bassakkord als Overdub drübergelegt habe. Zuerst benutzte ich ein Plektrum, aber dann gefiel es mir doch nicht und ich spielte den Part mit vier Fingernägeln, fast kratzend, wodurch ich den Sound bekam, den ich wollte.
Es klang fast wie ein Plektrum, aber in Wirklichkeit spielte ich Downstrokes mit meinen vier Fingernägeln über alle vier Saiten. Das wurde dann gemischt — wenn ich so spiele ist es natürlich alleine nicht wuchtig genug, deshalb habe ich im Chorus mit den Fingern gespielte Singlenotes darübergelegt und das ganze zusammengemischt.
Wenn wir den Song je live spielen, weiß ich nicht, was ich tun werde [lacht]. Wahrscheinlich werde ich den Part mit den Fingernägeln spielen müssen. Bei den letzten Alben habe ich festgestellt, dass ich mehr Bassakkorde als je zuvor gespielt habe, um mehr Fundament zu bekommen. Wenn die Gitarren in eine Harmonie-Gitarrensektion ausbrechen, lässt das unten rum alles offen. Um die Wucht beizubehalten, spiele ich viele Bassakkorde, normalerweise Barré-Akkorde, als Downstrokes angeschlagen, auf allen vier Saiten.
Benutzt du die ersten beiden Finger der rechten Hand? Und wie steht es um deine Fingernägel?
Diese beiden, ja. Wenn ich aufnehme, neige ich dazu, die Nägel länger zu halten, um mehr höhenreiches Attack zu bekommen. Live kann ich das allerdings nicht tun, weil sie einfach abbrechen. Man haut von Natur aus einfach härter rein. Es hat keinen Sinn, also neige ich dazu, sie komplett zu schneiden. Sonst würden sie nur spalten, und das macht die Sache noch schlimmer.
Nehmen deine Finger selber viel Schaden?
Ja, in den ersten paar Wochen bekomme ich Blasen. Dann platzen sie. Sie sind ein paar Tage lang sehr, sehr schmerzhaft, dann werden sie sehr hart, und das war's. So bleiben sie für den Rest der Tour. Das Einzige, was mich stört, ist, wenn man irgendwo spielt, wo es richtig, richtig heiß ist und man total schwitz, dann werden die Hände weich und das verändert den Sound völlig. Die Finger sinken fast in die Saiten und man kann nichts dagegen tun, das liegt einfach an der Temperatur des Ortes.
Deshalb spiele ich lieber an Orten, die ein bisschen kälter sind. Außerdem bleiben dadurch die Höhen eher erhalten und der Anschlag ist gleichmäßiger, denn die Finger bleiben hart und solide. Ein sehr großer Unterschied, als ob jemand ein Kissen über die Lautsprecher gelegt hätte. Man muss dann also den Ausgleich versuchen, indem man mehr Höhen reindreht, aber so viel kann man da nicht erreichen.
Hast du bei den Blasen schon mal versucht, etwas aufzutragen, um sie zu härten?
Ja [abwinkend], habe ich versucht. Funktioniert alles nicht. Ich habe das Nu Skin-Zeug ausprobiert, wenn ich eine Blase hatte, die sich geöffnet hat. Wenn man bis zur Haut darunter durchgedrungen ist, tut das wirklich weh. Aber wenn man rausgeht und spielt und das Adrenalin in Gang kommt, ist meist sowieso alles in Ordnung. Es tut ein bisschen weh, aber manchmal sind die Schmerzen — man beißt einfach die Zähne zusammen und macht weiter. Irgendwie auch seltsam.
Benutzt du alle vier Finger der linken Hand?
Oh ja, alle vier. Offensichtlich überbrücke ich viel zwischen dem ersten und dem letzten Finger, und wie ich schon sagte, spiele ich viele Bassakkorde. Ich neige dazu, eine ziemlich harte Haut am kleinen Finger zu bekommen, nur an der Außenkante, weil ich viel Barré spiele.
Benutzt du immer noch Rotosound Jazz Bass Flatwounds?
Ja. Ursprünglich habe ich Roundwounds verwendet, aber bei ruhigen Parts quietschte es zu sehr, wenn ich meine Finger entlang der Saiten bewegte, zum Beispiel beim verschieben von Barrés, so dass ich zu Flatwounds wechselte. Außerdem macht man sich die Finger nicht so kaputt. Sie hatten Interesse, an einem Endorsement von mir, also sagte ich: Ja, solange es funktioniert, mach ich das gerne.
Was hältst du von Endorsements?
Ich setze meinen Namen nicht für etwas ein, das ich nicht benutze — das ist sinnlos. Ich bin kein Gitarrensammler, ich will nicht massenweise Gitarren umsonst haben, nur weil ich weiß, dass ich sie bekommen kann. Es hat keinen Sinn, wenn ich sie nicht benutzen werde. Es macht für mich genau so wenig Sinn, meinen Namen in einer Anzeige für etwas zu nennen, das ich nicht benutze, und dann geht jemand los, um es zu kaufen, weil er denkt, ich würde es spielen. So wie ich es vor Jahren gemacht habe, der Gibson Thunderbird; der Rickenbacker wegen Chris Squire.
Ich habe mittlerweile einen Deal mit Fender und weiß nicht, warum das eigentlich nicht schon früher zusammenkam. Ich bin wirklich glücklich darüber, denn ich habe immer Fender gespielt. Sie wissen das — ich versuche nicht nur, ein paar kostenlose Gitarren zu bekommen [lacht]. Im Moment sieht es ziemlich gut dafür aus, dass ich eine Signature-Serie für sie mache. [Fender brachte Steves ersten Signature-Precision 2001 heraus.]
Der Custom Shop hat gerade ein paar Arbeiten für mich erledigt. Ich hatte schon einmal einen Fender, den ich schwarz-weiß kariert lackieren ließ, was mir sehr gut gefiel. Also habe ich Fender dazu gebracht, mir so einen zu machen, und sie haben wirklich gute Arbeit geleistet. Vielleicht mache ich das auch für den Signature, obwohl mein blauer natürlich der ist, den ich am meisten benutzt habe.
Ich benutze hauptsächlich den blauen Precision, und je nachdem, ob die Saiten sich dann verabschieden, oder der Sound sich ändert — das hängt von der Temperatur beim Auftritt ab — muss ich den Bass vielleicht nach der Hälfte des Sets wechseln. Manchmal, wenn es kälter ist, komme ich fast bis zum Ende des Sets, und es gab auch schon Konzerte, bei denen ich ihn komplett benutzt habe. Ich spiele zuerst den blauen, der schwarz-weiß-karierte ist mein Backup. Ursprünglich war der blaue weiß, und ich ließ ihn schwarz lackieren, bei den ersten Auftritten in den Pubs und so habe ich ihn so gespielt. Dann ließ ich ihn blau färben, und so ist er seitdem geblieben.
Auf diesem neuen Album [Fear Of The Dark] habe ich etwa fünf verschiedene Precisions, für verschiedene Songs verwendet, weil sie alle unterschiedliche Qualitäten haben. Einige sind ein bisschen mittiger, andere haben mehr Bass. Sie sind alle verschieden.
Was glaubst du, woher das kommt? Ist es das Holz, die Tonabnehmer?
Die Pickups sind so ziemlich Standard. Seymour Duncan baut sie und versucht, sie identisch zu denen aus dem blauen Bass zu halten. Wir haben darüber nachgedacht, einen Graphischen EQ zu besorgen, um sie alle gleich klingen zu lassen, damit es live keine allzu großen Klang-Unterschiede gibt, wenn ich den Bass wechsele. Aber obwohl es alles Precisions sind, klingen sie alle anders. Kein riesiger Unterschied, aber stark genug. dass es auffällt.
Ich denke, das liegt zum großen Teil am Holz, ja, an der Dichte des Holzes. Vor allem der blaue ist sehr schwer und dicht. Der Custom Shop hat alle Maße genommen und alles gewogen und mir einen neuen gebaut, der sich zwar gleich anfühlt, aber nicht gleich klingt. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sagen: Oh, alte Bässe sind am besten. Wenn er gut verarbeitet ist, ist es mir egal, ob er letzte Woche gebaut wurde. Der eine klingt aber von am besten von allen. Wenn ich den verlieren würde, wäre ich ziemlich angepisst.
Was hast du sonst noch an ihm verändert?
Ich habe in unserer Anfangszeit das Tone-Poti entfern. Als wir noch kleinere Läden spielten, beugten sich die Fans nach vorne und berührten die Regler. Ich dachte: Wo zur Hölle sind meine Höhen geblieben? Oh, sie haben den Regler verdreht! Also haben wir die Verkabelung entfernt — das Volume-Poti ist dringeblieben, weil ich es während des Auftritts auf- und zudrehen muss. Außerdem würde man schnell merken, wenn jemand die Lautstärke runterdreht. Aber der Tone-Regler muss sich nur ein bisschen bewegen, und schon fragt man sich, was da los ist.
Wenn ich jetzt also die Höhen verändern möchte, schaue ich zu meinem Bass-Tech und zeige auf meine Schulter und einen Daumen nach oben oder unten, unser kleines System. Für Bässe klatsche ich mir auf den Arsch. Ich nehme an, da macht jeder so?
Äh, vielleicht [lacht]. Es ist ungewöhnlich, dass ein Bassist der Anführer der Band ist — ich nehme an, du siehst dich als Bandleader?
Ja und nein. Ich entscheide schon eine Menge, aber wenn es etwas Wichtiges gibt, kommen wir alle in der Band zusammen. Jemand muss den Stier aber bei den Hörnern packen und Entscheidungen treffen. Manchmal, wenn wir an weit entfernten Orten sind, ist es einfach unmöglich, fünf Leute zur selben Zeit am selben Ort zu haben, also muss jemand im Namen der Band Entscheidungen treffen, und das bin normalerweise ich. Ich glaube nicht, dass es wirklich wichtig ist, wer es ist, solange es jemand tut. Es macht keinen Unterschied.
Davey [Murray] ist, abgesehen von mir, am längsten in der Band, und er wäre nicht daran interessiert, irgendwas von dem zu übernehmen, was ich tun muss — es hat ihn nie interessiert und wird es auch nie tun. Er ist ein Musiker im wahrsten Sinne des Wortes: Alles, was er tun will, ist auf die Bühne gehen und spielen. Und das ist alles, was er je tun musste. Also ist er glücklich. Manchmal denke ich: Wäre es nicht wunderbar, das auch zu tun? Aber ich weiß, dass ich nicht glücklich wäre. Ich wäre nicht in der Lage, mich zu entspannen, wenn ich nicht wüsste, dass ich in etwas verwickelt bin und weiß, dass es richtig gemacht wird.
Schafft das nicht geschäftliche Probleme? Iron Maiden wird ja eine ordentliche Menge Geld verdienen, und wenn jemand mehr Arbeit leistet, sollte er dann nicht einen größeren Anteil bekommen?
Nein, wir bekommen alle den gleichen Anteil. Der einzige Unterschied liegt im Publishing, im Schreiben. In den frühen Tagen habe ich alles geschrieben, also lag der Druck auf mir. Die Einstellung war also, wenn ich diesen Druck habe — und selbst jetzt noch verbringt derjenige, der schreibt, Zeit mit dem Schreiben, während die anderen, ich weiß nicht, in der Kneipe sind oder im Urlaub oder was auch immer — dann ist es nur fair, dass die Leute bezahlt werden, die die Arbeit machen. Aber was die Tourneen und das Album und alles angeht, geht alles an die Band.
Apropos Touren, was hast du live gerne in deinem Monitor?
Ich habe keinen Bass im Monitor. In den Side-Fills haben wir nur Schlagzeug. Wir haben zwei Side-Fills, einen ziemlich weit vorne, um über die Laufstege zu gelangen, mit Kick, Snare und ein bisschen Toms. In meinen Wedges habe ich meine eigenen Vocals, Kick- und Snare-Drum. In den Sidefills gibt es überhaupt keine Gitarren, nur Gesang, in den großen Sidefills hinten. Davey und Janick [Gers] bekommen ihre eigenen Gitarren durch ihre eigenen Wedges.
Manche Bands haben gerne viele Gitarren in den Side-Fills, aber das wird einfach Chaos, glaube ich. Ich weiß einfach nicht, wie sich der Sänger bei all dem Lärm selbst hören soll. Unsere Backline ist ziemlich laut, aber es gibt einige Bereiche auf der Bühne. Wenn man vor dem eigenen Stack steht, hört man sich natürlich gut. Das ist gut, denn so hat jeder seinen eigenen kleinen Bereich. Deshalb muss ich zu bestimmten Zeiten in bestimmten Liedern in einen Bereich auf der Bühne zurückgehen, wo ich mich selbst besser hören kann.
Wirst du noch nervös?
Oh ja, immer. Man sollte sich Sorgen machen, wenn das nicht so ist. Es ist nur eine halbe Stunde vorher, manchmal ist mir ein bisschen schlecht, die Schmetterlinge kommen, aber sobald ich auf der Bühne bin, ist es vorbei. Dann gibt es keine Probleme mehr. Länger dauerte es nur ein Mal in Donington [Monsters Of Rock-Festival, 1988], etwa vier Songs im Set. Genau der richtige Anlass, nehme ich an. Wirklich nervös. Am Ende redete ich mit mir selbst. "Reiß dich zusammen, sonst vermasselst du es!" Danach hab ich mich beruhigt.
Was passiert, wenn man nervös auf die Bühne geht?
Dann spielt man schneller! Man spielt live sowieso schneller, wegen des Adrenalins, und weil es sehr schwierig ist, das genaue Tempo einzuschätzen. Aber wir spielen sowieso am besten, wenn wir auf der Kante sind. Wenn man über diese Kante geht, verliert man es, es wird ein bisschen unordentlich, kein Licht und Schatten. Genau an dieser Kante zu stehen und richtig in Fahrt zu kommen ist aber gut, richtig aufregend. Man muss nur aufpassen, dass man nicht drüber geht. Das ist eine instinktive Sache.
Über den Autor: Tony Bacon schreibt über Musikinstrumente, Musiker*innen und Musik. Er ist Mitbegründer von Backbeat UK und Jawbone Press. Zu seinen Büchern gehören The Bass Book, The Ultimate Guitar Book und Electric Guitars: Design & Invention. Tony lebt in Bristol, England. Weitere Informationen unter tonybacon.co.uk.