Billie Eilish (2020). Foto: Emma McIntyre / Staff, Getty Images.
Wir alle lieben HiFi-Aufnahmen. Talentierte Künstler*innen, die ihre Spuren in optimierten Räumen über High-End-Pulte aufnehmen und dabei noch in perfekt platzierte Röhrenmikrofone singen—das Rezept für klangliche Perfektion.
Aber diese Luxus-Bedingungen sind nicht unbedingt nötig, um eine große Aufnahme zu schaffen. Tatsächlich werdet ihr vielleicht überrascht sein, wie viele unglaubliche Alben mit günstigen Mikrofonen von der Stange aufgenommen wurden.
Unsere folgende Liste kratzt dabei nur an der Oberfläche. Ein paar Anmerkungen sind außerdem angebracht:
Bei unzähligen Aufnahmen kam mindestens ein preiswertes Mikrofon zum Einsatz—an einer Snare Drum, einer Gitarrenbox oder einem anderen einzelnen Instrument— aber darauf liegt heute nicht unser Fokus. Wir wollen uns stattdessen Alben ansehen, bei denen hauptsächlich, oder zumindest für den Hauptgesang günstige Mikrofone verwendet wurden.
Es gibt außerdem Künstler*innen, Produzent*innen und Tontechniker*innen, die das Equipment, das tatsächlich zur Verfügung stand, lieber etwas herunterspielen, anstatt zuzugeben, welche wirklich guten Geräte mit im Spiel waren. Bei allen folgenden Aufnahmen gibt es aber Belege oder Interviews, die zeigen, dass die beteiligten Musiker*innen während der Aufnahmesessions tatsächlich preiswerte Mikrofone verwendet haben.
Eine mit einem billigen Mikrofon aufgenommene Performance kann natürlich trotzdem mit hochwertigem Equipment gemischt und gemastert werden. Das sollte euch also nicht davon abhalten, einfach das zu verwenden, was ihr gerade zur Hand habt: Wenn ihr ein Projekt aufnehmt, könnt ihr die Spuren zum Mischen und Mastern an jemanden mit den entsprechenden Geräten und dem Know-How weiterschicken. Und wenn ihr doch lieber alles selbst machen wollt, bieten moderne Plugins und 500er Serie Rack-Equipment Alternativen zu den teuren Geräten professioneller Studios.
So, mit diesem Wissen im Hinterkopf kommt hier jetzt eine Liste, von der wir hoffen, dass sie vielleicht ein Gespräch in Gang bringt. Welche großen Alben wurden sonst noch mit günstigen Mikrofonen aufgenommen?
Boston - Boston (1976)
Die mitreißenden Refrains von "More Than a Feeling" dominierten bei ihrer Veröffentlichung 1976 das AM-Radio und sind seit den Anfängen des Formats ein fester Bestandteil des "Classic Rock"-Radios. Es ist also vielleicht nicht das erste Beispiel, an das man bei DIY-Musik denken würde.
Aber der Großteil dieses Songs, sowie des kompletten selbstbetitelten Debütalbums von Boston, wurde im Keller von Produzent und Multiinstrumentalist Tom Scholz in Watertown, Massachusetts, aufgenommen, zum größten Teil mit dem Shure SM57.
Abgesehen von Brad Delps Gesang—der laut einem Mix-Artikel aus dem Jahr 2000 in L.A. aufgenommen wurde, um Scholz die Möglichkeit zu geben, weiterhin in seinem Keller zu arbeiten—war der gesamte Song eine Home-Studio-Produktion.
Solange - A Seat at the Table (2016)
Ähnlich wie Prince, der dafür bekannt war, seine Vocals selber aufzunehmen, während er am Aufnahmepult saß, hat Solange Knowles für sich herausgefunden, dass das Mitsingen zu den Monitoren ihr erlaubt, den Vibe besser zu spüren und eine gefühlvollere Performance einzufangen.
Während Prince alles vom SM57 bis zum AKG C12 oder Neumann U 47 benutzte, fühlt sich Solange zu einem bestimmten Mikrofon hingezogen: dem Shure Beta 58A.
In einem Interview mit Reverb erklärte ihr bevorzugter Tontechniker Mikaelin "Blue" Bluespruce:
"Das Shure Beta 58 ist das Wichtigste, was bei den Aufnahmen dabei sein muss. Sie mag es wirklich nicht, vor einem Mikrofon zu stehen. ... Sie mag es, zu sitzen, durch den Raum zu gehen, oder sich zu bewegen wie auch immer sie möchte, sie will das Mikrofon mit sich führen und in der Hand halten können. Das Beta 58 ist deshalb das einzige, was unbedingt da sein muss."
Drake - So Far Gone (2009)
Wenn man an erschwingliches Equipment denkt, ist ein 1.000-Dollar-Mikrofon vielleicht nicht direkt die erste Wahl, aber wenn man über Neumann spricht, ist Erschwinglichkeit relativ. Das TLM 103, eines der preiswertesten Mikrofone der Firma, ist eine beliebte Wahl für junge Produzenten und Toningenieure, die ihr Setup mit ihrem ersten Kondensator-Mikrofon ausstatten wollen.
Im Jahr 2008 war einer dieser aufstrebenden Produzenten die rechte Hand von Drake, Noah "40" Shebib. In Wohnungen und Hotelzimmern schufen sie mit einem mit Pro Tools ausgestatteten Laptop, einigen MBox-Interfaces und einem TLM 103 die Tracks, die zu So Far Gone, Drakes bahnbrechendem Mixtape, wurden. Singles wie "Best I Ever Had" und "Successful" wurden zu riesigen Hits und begründeten Drakes Karriere als Popstar.
In einem Blogpost von 2014 auf der Website des Labels der beiden blickt 40 auf diese Zeit zurück:
"Für mich sind alle alten Laptops oder M-Boxen wie Gold, denn genau da fängt es an. Die hungrigen Kids, die das, was sie in die Finger bekommen können nicht nur einfach zum Laufen bringen, sondern auf einem professionellen Level damit arbeiten. ... Jetzt im Jahr 2014 mag das nichts Überwältigendes mehr sein. Aber wenn man im Jahr 2009 für einen Grammy nominiert war und mehrere Platzierungen auf Platz 1 hatte, war es noch ziemlich erstaunlich, wenn kein SSL 4K oder ein 1073 mit einem C800 im Spiel war. Es war ein Neumann TLM 103, ein erstaunlich preiswertes Mikrofon, das den Job erledigt, ein Laptop und eine M-Box. That's it."
Vampire Weekend - Vampire Weekend (2008)
Ungefähr zur selben Zeit holte auch Rostam Batmanglij von Vampire Weekend das Beste aus einem Laptop-Recording-Setup heraus. Das Debütalbum der Gruppe, das Hits wie "A-Punk" und "Oxford Comma" enthielt, wurde an verschiedenen Orten in und um New York City aufgenommen, darunter auch Wohnungen und Kellern.
Rostam ist inzwischen einer der erfolgreichsten Pop- und Indie-Pop-Produzenten, aber damals war er noch einer von uns und postete in Gear-Foren über das von ihm verwendete Equipment.
In einer Reihe von Beiträgen auf Gearspace beschrieb er die verschiedenen Geräte, die auf der Platte verwendet wurden. Dazu gehörten nicht viel mehr als ein Digidesign Digi 002 Interface und Plugins der damaligen Zeit wie Altiverb, Vintage Warmer und eine "Vintage Spring Reverb" IR.
Die Mikrofone waren allesamt erschwinglich. Sie benutzten ein TLM 103 für die meisten Vocals und, für Tracks wie "Oxford Comma", ein einzelnes Sennheiser 421 für die Drums: "Der Großteil des Schlagzeugsounds kam von einem einzigen Mikrofon ... der Raum war mit Teppich ausgelegt und etwa 12 x 12 Fuß groß, es war ein Proberaum", schrieb er.
Bon Iver - For Emma, Forever Ago (2007)
Wie bei Bruce Springsteens "Nebraska" sind die Legenden rund um die Aufnahme von Bon Ivers Debüt tief mit der Platte selbst verbunden. Das Album vom Boss war ein unerwarteter Schlenker auf seinem Weg zur Weltberühmtheit, ein Zeugnis von geschicktem Songhandwerk und starken lyrischen Themen, aufgenommen mit zwei SM57s und einem Vierspur-Kassettenrecorder. Je mehr es wie ein Demo klang, desto besser.
For Emma, Forever Ago hingegen wurde zum Durchbruch eines aufstrebenden Produzenten und Songwriters, der versuchte, mit einem einzigen SM57 und einem überladenen Laptop eine Platte zu machen, die so sauber wie möglich klingen sollte.
2008 erklärte er seine Philosophie gegenüber Stereogum: "Ich stelle einfach ein paar Mikrofone auf, von denen ich weiß, dass sie gut klingen, wie Bändchen, und benutze meinen gesunden Menschenverstand. Wenn ein 80-Dollar-Mikrofon für das, was man tut, besser klingt als ein 1.100-Dollar-Mikrofon, dann ist die Sache klar. Kauft Preamps, die für euch gut klingen, nicht für die Forum-Junkies. Das ist meine Philosophie. Probiert Sachen aus; anders mache ich es auch nicht."
Sein Setup ist über die Jahre definitiv gewachsen, um seiner erweiterten musikalischen Palette gerecht zu werden—in diesem Video von 2014 könnt ihr sein vollgepacktes April Base Studio sehen—aber vermutlich ist der Hintergrund der Wand aus Pultec, Teletronix und anderen klassischen Outboard-Geräten immer noch, dass sie für ihn gut klingen.
Billie Eilish - When We All Fall Asleep, Where Do We Go? (2019)
Billie Eilish und Finneas O'Connell, ihr Bruder, Produzent und Co-Songwriter, sind die amtierenden Champions des Homerecordings und haben in Finneas' Schlafzimmer ein unglaublich erfolgreiches, mehrfach Grammy-ausgezeichnetes Album aufgenommen.
Hier kommt eine unserer oben genannten Anmerkungen ins Spiel—dass DIY-Tracks zum Abmischen und Mastern an Profis geschickt werden können—was hier geschehen ist und zu ziemlich breiten Spekulationen in Gear-Foren geführt hat, ob die Platte ihren Home-Recorded-Status wirklich verdient hat.
Tatsache ist jedoch, dass die Tracks im Elternhaus des Duos auf einem handelsüblichen, modernen Computer-Setup entstanden sind. Finneas erzählte Sound on Sound im Jahr 2019, dass das Setup Folgendes beinhaltete: Apples Logic DAW, ein MIDI-Controller, um eine große Sammlung von Software-Synths und Samples zu spielen, ein Universal Audio Apollo Interface, Yamaha-Monitore und ein Neumann TLM 103 für Eilishs Gesang (das man in vielen Szenen von The World's a Little Blurry, der 2021 erschienenen Dokumentation über die Entstehung des Albums sehen kann).
Wenn man noch ein bisschen weiter zu ihrer Debüt-Single "Ocean Eyes" zurückgeht, hatten die beiden noch nicht einmal das Neumann. Für diesen Song sang Eilish in ein Audio-Technica AT2020. In SOS erzählt Finneas: "Billies Gesang für 'Ocean Eyes' wurde mit dem 2020 aufgenommen, das großartig klingt. Es ist nicht ganz so gut wie das Neumann, aber ich habe noch nie ein Mikrofon gefunden, das mir besser gefällt als das 2020, und dabei günstiger als das Neumann ist. Das 2020 ist ein wirklich gutes Einsteigermikrofon."