Heute ist vielen jungen Gitarrist/innen diese Einfachheit abhanden gekommen, mich eingeschlossen. Ich fing zur Geburtsstunde des modernen Amp-Modelings an Gitarre zu spielen und war sogar bei einer der ersten In-Store Demos von Line 6.
Viele Musiker aus meiner Generation und der, die gerade erst anfängt zu spielen, halten Tone und Volume durchgängig voll aufgedreht. Je mehr Erfahrung ich aber sammelte (besonders mit Röhrenamps) und je mehr Aufzeichnungen meiner Helden ich mir anschaute, desto mehr sah ich auch die Volume und Tone Regler der Gitarre als mehr als nur Lautstärke- und Höhenregler.
Am beeindruckendsten für mich war Jimmy Page, meine größte Inspiration, bei der Led Zeppelin O2 Reunion-Show zu sehen. Er benutzte das ganze Konzert über die Volume und Toneregler als dynamische Werkzeuge um seinen Sound zu formen.
In einer Welt der Channel-Switching Amps und endlosen Pedalen können wir leicht die leistungsfähigen Tools, die schon in unseren Gitarren sind, vergessen. Diese scheinbar simplen Regler können so viel mehr, als nur den Sound "dumpfer" zu machen oder die Lautstärke zu senken.
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Die Lautstärke halb runterdrehen
Wenn ihr immer auf 10 gespielt habt, probiert mal dieses Experiment: stellt euren Amp mit der Gitarre auf 5 so ein, wie ihr in haben wollt. Das ermöglicht euch, eure Gitarre aufzudrehen und so einen volleren Sound abzurufen, ohne das Gain zu erhöhen.
Mit diesem Setup habt ihr viel differenziertere Kontrolle über euer Gain, was euch leichter ermöglicht, den Sweet Spot an dem der Amp gerade eben übersteuert zu finden. Wenn ihr mehr Gain braucht, dreht den Volumeregler hoch. Wenn ihr einen cleaneren Sound oder einen treibenden Rhythmuspart der nicht zu Matsch wird spielen wollt, dreht die Lautstärke etwas herunter und es ist fast so, als würdet ihr ein cleanes Signal dazumischen. Gerade bei heißeren Pickups ist das eine hilfreiche Technik
Dieser Trick lässt euch auch leicht zwischen Gitarren mit verschiedenem Outputs wechseln. Wenn ihr euren Amp auf die Gitarre mit mehr Output aber runtergedrehtem Volume einstellt, könnt ihr die leisere Gitarre mit höherem Volumeregler benutzen, ohne am Verstärker nachregeln zu müssen.
Ich mache das oft, wenn ich von Humbuckern zu Singlecoils wechsele, zum Beispiel von einer Les Paul zu einer Telecaster. Singlecoil-Gitarren leiser zu fahren kann auch dabei helfen, das berüchtigte 60 Hz Brummen zu reduzieren.
Benutzt ein EQ-Pedal
Wenn euer Sound bei niedrigem Volumeregler insgesamt dunkler wird, könnt ihr mit einem einfach EQ-Pedal in eurer Effektkette gegenlenken.
Bei meinen Gitarren, die Höhen verlieren, wenn sie leiser werden, stelle ich den Amp mit niedrigem Volumepoti so ein, wie ich es mag und gebe dann mit dem Pedal die Frequenzen, die ich vermisse zurück dazu (der MXR 10-Band EQ eignet sich dafür sehr gut). Dieser Trick hilft auch dabei, wenn ihr einen Amp habt, der sich nur schwer einstellen lässt (mein Marshall Class 5 ist bei manchen Gitarren eine echte Herausforderung).
Wenn das EQ-Pedal die Feinabstimmung der Verbindung zwischen Gitarre und Amp übernimmt, kann euer Volumepoti komplett die Gain/Drive Regelung übernehmen. Der Regler ist jetzt ein regelbarer Boost, den ihr ohne Pedal immer zur Verfügung habt. Durch das EQ-Pedal trifft der Boost genau die Frequenzen, die ihr haben wollt.
Den Tone Regler als Fuzz-EQ benutzen
Der Tone-Regler ist nicht nur aus Tradition an euren Gitarren. Wir wissen alle, dass man durch runtergedrehten Tone einen weicheren, "jazzigen" Sound bekommt, aber der Tone-Regler kann noch sehr viel mehr.
Ich benutze meinen am liebsten für verzerrte statt für cleane Sounds. Viele High Gain-Amps die von lauten Pickups angetrieben werden, können sehr schnell ziemlich fies schneidend klingen. Den Tone auf etwa 7 zurückzudrehen kann dabei helfen, die Höhen in Zaum zu halten. Claptons berühmter "Woman Tone" bei Cream war das Ergebnis aus einem runtergedrehten Tone-Regler und viel Gain.
Den Tone-Regler zu benutzen kann besonders zur Kontrolle von Fuzz-Pedalen hilfreich sein. Fuzz ist oft schwer nur mit Pedal und Amp einzustellen. Ich habe das Fuzz hell einzustellen und diese Höhen dann mit dem Tone-Regler zu bändigen als sehr effektive Methode empfunden.
Mein Voodoo Lab Proctavia kann ich nur so benutzbar machen. Bei Dallas Rangemaster Clones oder anderen hellen Effekten wirkt der Trick auch sehr gut.
Tremolo und Wah mit Potis erzeugen
Die wahrscheinlich einfachsten Effekte eure Volume- und Tone-Reglern sind Tremolo und Wah. Wenn das Volumepoti in Reichweite platziert ist, könnt ihr durch rhythmisches Auf-und-Ab-Regeln auf ausklingenden Noten oder Akkorden ein schönes Tremolo erzeugen. Besonders gut funktioniert das bei Strats. Den kleinen Finger fit für diese Übung zu bekommen dauert etwas, aber es gibt keine Zweifel daran wie cool der Effekt ist, wenn er sitzt.
Beim Tone-Regler wird's etwas schwerer, aber im Prinzip könnt ihr durch Auf-und-Ab-Regeln einen etwas subtileren Wah-Effekt bekommen. Bei einer Telecaster kann das ein sehr schöner Effekt sein, wenn ein normales Wah zu viel wäre. Es funktioniert auch bei hoher Verzerrung gut, wo ein gewöhnliches Wah den Gesamtsound zu hart machen kann.
Swells mit dem Volumepoti
Man braucht dafür Geschick, Timing und einen gut erreichbaren Volumeregler, aber dann kann man mit einfachen Swells eine Violine und eine Menge anderer Instrumente imitieren. Roy Buchanan war ein Meister darin, genau wie Allan Holdsworth und Eddie Van Halen.
Für einen Swell müsst ihr den Volume-Regler mit dem kleinen Finger auf 0 drehen, die Note oder den Akkord anschlagen und dann das Poti mit dem selben Finger schnell wieder auf 10 drehen. Mit etwas Übung könnt ihr diesen gefühlvollen Effekt jederzeit auf Abruf in euer Spiel einbauen.
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Instant-Boost durch unterschiedlich eingestellte Volume-Regler
Wenn ihr eine Gitarre mit zwei Lautstärkepotis habt, könnt ihr einen Pickup als Solo-Boost benutzen. Bei einer Les Paul ist das einfach: stellt die Hals-Lautstärke auf einen Rhythmussound ein und dreht die am Steg voll auf. Jetzt habt ihr durch den Pickupschalter einen Solo-Boost oder könnt euren Sound zwischen Songparts variieren, ganz ohne Pedale.
Es sind zwar alles scheinbar leichte Tricks, aber manchmal vergessen wir einfach, wie vielseitig unsere Gitarren schon für sich genommen sein können. Es braucht nur ein bisschen Forschungsgeist, um ihre gesamte Palette zu entdecken. Je mehr ihr mit den Volume und Tonepotis eurer Gitarre arbeitet, desto mehr werdet ihr entdecken, was in ihnen steckt. Bevor ihr ein neues Pedal, einen Amp oder neue Pickups kauft, nehmt euch die Zeit das Potential eurer Potis auszuschöpfen. Welche Volume und Tone-Tricks habt ihr für euch gefunden?

