Wo kauften die Beatles ihre ersten Gitarren?

Der Autor L.P. Hartley beginnt seinen Roman The Go-Between mit der viel zitierten Zeile, die Vergangenheit sei ein fremdes Land. Wer aber nach Liverpool kommt, erlebt das komplette Gegenteil. Das maritime und musikalische Erbe der Stadt sind überall sichtbar. Man kann John Lennon und Paul McCartneys Elternhäuser besuchen und im Casbah oder dem restaurierten Cavern Club in die frühen 60er reisen.

Es wird jedoch nicht alles für Touristen umverpackt: nur wenige hundert Meter entfernt vom Cavern Club befand sich Frank Hessys Musikladen — jetzt nur noch ein Baugerüst. Nicht weit entfernt war Rushworth & Dreaper, ein Laden der Platten, Tonbandgeräte und Instrumente verkaufte — jetzt ein Pfandleiher. Das Dreieck zwischen Hessy und Rushworth wurde von Brian Epsteins Plattenladen NEMS vervollständigt — jetzt Standort der neuen Filiale der Modekette Forever 21, an der nichts mehr darauf hinweist, dass Brian Epstein hier am 9. November 1961 von NEMS zum Cavern Club ging, um zum ersten Mal die Beatles zu hören. Dieser berühmte Gang lässt sich nachvollziehen, warum also nicht mit Fußabdrücken auf dem Boden als Touristenattraktion an ihn erinnern?

Schaufenster von Frank Hessy LTD

Die Beatles kauften ihre Instrumente bei Hessy und Rushworth. Bei NEMS hörten sie neue US-Singles zum Covern. Sie unterschrieben ihren ersten Managementvertrag bei NEMS, Pete Best wurde hier aus der Band geworfen. Diese Orte sind so maßgeblich für die Geschichte der Beatles und der gesamten Merseybeatszene, dass man die Jahre 1961 bis 62 mit gutem Recht auch nach der Straße, auf der sich all dies abspielte die "Whitechapel Years" taufen könnte (NEMS und Rushworth lagen beide an der Whitechapel, Hessy ein paar Schritte entfernt auf der Stanley Street).

Als Folge der Verwüstung Englands im zweiten Weltkrieg waren britische Teenager der 50er Jahre meist mittellos, einer der Gründe für den damaligen Reiz der Skifflemusik. Skiffle, mit Wegbereitern wie Lonnie Donegan ("Rock Island Line") und Chas McDevitt ("Freight Train") und einer Instrumentierung die zu gleichem Teil Krämer- und Musikläden entsprang, ermutigte junge Leute dazu, eigene Skifflegruppen zu gründen. Die Teenager spielten billige Akustikgitarren, Teekistenbass und Waschbretter mit Fingerhüten. Sobald sie mehr Geld verdienten konnten sie sich elektrische Instrumente und Verstärker anschaffen, die Lautstärke aufreißen und Rock 'n' Roll spielen. Wirklich leisten konnten sie sich die neuen Instrumente zwar nicht, findige Läden boten ihrer jungen Kundschaft aber Ratenzahlung an. Dies war die typische Laufbahn vieler englischen Bands, und so wurde dann schließlich auch John Lennons Gruppe The Quarrymen zu The Beatles.

The Quarrymen waren schon als Skifflegruppe ungewöhnlich, da sie mit Colin Hanton einen Drummer hatten. Colin hat in Pre:Fab! gerade seine Memoiren über die Zeit mit den Quarrymen veröffentlicht. Er ging zwar nicht auf die namensgebende Quarry Bank High School — er hatte bereits den Abschluss und arbeitete — Eric Griffiths wusste aber, dass Colin ein Schlagzeug besaß.

Anzeige von Frank Hessy LTD

"Ich spielte auf den Möbeln zu Jazzplatten" schreibt Colin, "und als ich dann eine Lehre zum Polsterer machte, sagten meine Eltern, dass ich, wenn ich es bezahlen kann, ein Schlagzeug haben durfte. Ich ging zu Frank Hessys Laden und kaufte ein Schlagzeug, 10 Schillinge sofort, danach 10 pro Woche. Ich glaube insgesamt waren es dann 34 Pfund. Ich war jetzt Schlagzeuger, auf jeden Fall dachte ich das. Eric fragte, ob er mich spielen hören könnte. Ich baute die Drums auf, machte eine Platte an, spielte dazu und er sagte "komm rüber und triff die Jungs". Ich ging zu Erics Haus und das war's: ich war ein Quarryman."

Frank Hessy kam aus einer russisch-jüdischen Familie, den Hesselbergs, die nach Liverpool kamen um der Verfolgung zu entgehen. Ab 1923 verkaufte die Familie Instrumente im ersten Hessy Geschäft in der Nähe des Mersey Tunnels. Frank, der 1910 geboren wurde, eröffnete seinen ersten eigenen Laden 1956, erst auf der Whitechapel und dann, vier Jahre später, der Stanley Street.

Frank wusste, dass Jazz Musiker eine Zielgruppe waren und brachte ein hauseigenes Jazzmagazin heraus. Er spürte aber auch, dass bei Teenagern ein wachsender Markt für Gitarren und Schlagzeuge entstand und war bereit, das Risiko von Ratenzahlungen einzugehen, üblicherweise nur mit Bürgschaft der Eltern. Frank war etwas übernervös, aber wer wäre das nicht, angesichts der Leichtigkeit falsche Angaben zu machen und mit einem neuen Instrument davon zu spazieren?

Anzeige von Rushworth

Frank wusste intuitiv, dass Jim Gretty einen guten Gitarrenverkäufer abgeben würde. Jim arbeitete zwar für den Bluttransfusionsdienst, aber in seiner Freizeit zog er sich wie ein Cowboy an und spielte Country in Clubs. Es ist gut möglich, dass er der erste Gitarrist war, den John Lennon live spielen sah. John nannte ihn gerne "Grim Jetty".

1956 begann Jim zunächst nur an Wochenenden Gitarren zu verkaufen, woraus aber schnell ein Vollzeitjob wurde. Er gab angehenden Gitarristen Starthilfe, zeigte ihnen wie man "Guitar Boogie" spielt – alle wollten Jims "Jazz Akkord" lernen. "Die Gitarre war ein Verkaufsrenner, aber niemand konnte sie spielen", erzählte mir Jim. "Ich sagte, 'das beste wäre, Mr. Hessy, jedem der kommt und eine Gitarre kauft gratis Stunden zu geben.' Es kamen also etwa 30 bis 40 Leute jeden Montag von sechs bis halb acht. Ich verkaufte den Beatles und vielen anderen Musikern Gitarren."

Rod Davis spielte Banjo bei den Quarrymen und John Lennons Mutter Julia brachte John bei, umzustimmen und Banjo-Akkorde auf seiner ersten Gitarre, einer billigen Gallotone Champion aus dem Versandkatalog, zu spielen. Johns Tante Mimi sagte von Zeit zu Zeit: "die Gitarre ist in Ordnung, John, aber davon wirst du niemals Leben können." Ich fragte mich, warum John eine Gitarre erlaubt wurde, wenn Mimi solche Dinge so missbilligte? Eric Griffiths: "Mir ist nicht bekannt, dass Mimi sie so sehr verpönte. Sie missbilligte seine Kleidung und sein Verhalten in der Schule, aber mir ist nicht bewusst, dass sie je etwas dagegen hatte, dass er Gitarre spielt oder in einer Band ist."

Gallotone Champion
John Lennon spielt seine Gallotone Champion

Paul McCartney hatte die Trompete, die er von seinem Vater bekommen hatte, gegen eine Gitarre getauscht, eine Zenith Model 17, weil er mit dem Instrument gleichzeitig singen und spielen konnte – mit einer Trompete unmöglich. Paul schloss sich den Quarrymen kurz nachdem er sie bei St Peter's Garden Fete in Woolton im Juli 1957 sah an, den ersten Auftritt im Cavern im darauffolgenden Monat verpasste er aber im Pfadfinderlager.

Paul McCartney spielt seine Zenith Model 17

George Harrison hatte schon seine zweite Gitarre, eine Hofner President, als er den Quarrymen im Februar 1958 beitrat. Er wollte, dass die Band elektrisch spielte, allerdings gab es finanzielle Engpässe.

Harrison mit seiner Hofner President, McCartney mit seiner Zenith Model 17
Eine Hofner President ähnlich der von Harrison

John überredete Tante Mimi, als Bürge für eine Hofner Club 40 von Hessy einzustehen, wärend George seine President gegen die Hofner von Ray Ennis von The Swinging Blue Jeans tauschte. Als Stuart Sutcliffe eins seiner abstrakten Gemälde verkaufen konnte, machte er bei Hessy eine Anzahlung auf einen Hofner Bass und schloss sich ebenfalls den Quarrymen an, die sich schon bald in The Beatles umbenannten.

Lennon und seine Hofner Club 40
Harrison und seine Hofner Club 40
Stuart Sutcliffe mit seinem Hofner Bass
Pete Best mit den Beatles und seinem Premier Schlagzeug

Im Juli 1960, als sich den Beatles die Möglichkeit als Hausband in Hamburg zu spielen bot, schloss sich Pete Best ihnen an, der sein Premier Schlagzeug bei Rushworth gekauft hatte. Die meisten Merseybeat Musiker verletzten ihre Ratenkaufverträge, wenn sie die Instrumente mit ins Ausland nahmen, was Frank Hessy zwar aufregte — ihm aber auch klar war, dass die Raten mit dem Einkommen aus Deutschland wohl eher tatsächlich bezahlt werden würden.

Durch die Aufhebung der Einfuhrbegrenzungen konnten lokale Musiker amerikanische Gitarren besitzen und The Remo Four wurden "Liverpool's Fendermen" betitelt. Harry Prytherch, Drummer der Remos erzählt: "Bob Wooler, der die Cavern leitete und uns eine Menge Arbeit vermitteln konnte sagte uns, dass wir zwar sehr gut wären, aber vernünftige Instrumente bräuchten. Die drei Gitarristen wollten Fender und ich ein Ajax Schlagzeug, was wir dann 1960 von Hessy bestellten. Ich musste für eine OP ins Krankenhaus und erinnere mich, dass Colin, Don und Keith mich mit ihren neuen Gitarren besuchen kamen. Ich sah wirklich krank aus, mit Schläuchen in der Nose, und sie sagten 'Wir bringen morgen deine Drums.' Als ich aus dem Krankenhaus raus war erarbeiteten wir uns einen fantastischen Sound, nie so sicher war ich mir allerdings über die grünen Anzüge. Ich fand wir sahen aus wie Frösche."

John und George bestellten zwei Gibson J-160E Elektroakustikgitarren, sie nannten sie ihre Jumbos, bei Rushworth. Die Gitarren wurden noch nicht in größeren Mengen nach England importiert und mussten extra bestellt werden, für jeweils 160 Pfund. Der Inhaber James Rushworth witterte wahrscheinlich schon die wachsende Wichtigkeit der Band, als er sich im September 1962 mit John, George und ihren Gibson Gitarren fotografieren ließ.

James Rushworth mit Lennon und Harrison und ihren neuen Gibson J-160Es.

1963 gab es alleine in Merseyside mehr als 300 Bands. Für Frank Hessy war es ein Albtraum, weil die Instrumente ständig ihre Inhaber wechselten. Billy Kinsley von The Merseybeatserzählt, wie er seinen "kleinen" Burns Bass gegen einen größeren Hofner vom Bassisten von Tommy Quickly & The Challengers tauschte. Wieder zuhause mit seiner Erungenschaft entdeckte er zwei 15 cm Schrauben die alleinig den Hals am Korpus hielten – ohne sie würde er in Einzelteile zerfallen.

"Im Frühjahr 1963," erzählt Kinsley, "ging ich zu Hessy und bestellte einen Gibson Bass. Jackie Lomax hatte einen und so einen wollte ich auch. Es war ein großartiger Bass, aber am Tag als ich den bestellte kam John Lennon in den Laden. Er wollte Jim Gretty sprechen, weil er die Feder vom Bigsby Vibratohebel seiner Rickenbacker verloren hatte. Damals konnte es Monate dauern, Ersatzteile aus Amerika zu bekommen. Der einzige Weg das zu umgehen war, Jim Gretty zu überzeugen das Teil aus einer anderen Gitarre zu nehmen und darauf hatte John gehofft. Ich erzählte John, dass ich gerade einen Gibson Bass bestellt hatte und er sagte, dass er und George wollten, dass Paul so einen spielt, aber Paul stand total auf den Violin Bass."

Frank Hessy ging in Tel Aviv in Rente und starb dort 1983. Der neue Geschäftsführer wurde Bernard Michaelson, der mit John Lennon auf die Quarry Bank Schule gegangen war, und der Laden schloss 1995. Nach fünf Generationen schloss die Rushworth Familie 2002 ihren Laden, ausgebootet von größeren Konkurrenten.

Schlussendlich kann ich diesen Artikel nicht beenden, ohne Beaver Radio erwähnt zu haben. Auf der Whitechapel, genau mittig zwischen NEMS, Rushworth und Hessy – die perfekte Lage. Dem Inhaber Walter Beaver fehlte aber der Scharfsinn der anderen Geschäftsleute. In den 50ern meinte er, dass Stereo sich niemals durchsetzen würde – niemand würde einen zweiten Lautsprecher wollen und außerdem wäre Mono genauso gut. In den 70ern meinte er dann, dass Video sich niemals halten könnte: es gäbe ja schon genug Wiederholungen im Fernsehen. In den 80ern das gleiche Spiel: er sprach sich deutlich gegen CDs aus, niemand wolle sich all seine Alben erneut kaufen wollen. Frank Hessy war da wesentlich vorrausschauender, als er 1956 im Skiffle-Boom den Ansturm auf Akustikgitarren vorhersah. Walter Beaver hätte sich wahrscheinlich bestens mit Tante Mimi verstanden.


Über den Autor: Spencer Leigh wurde 1945 in Liverpool geboren und seine On The Beat Show läuft seit über 30 Jahren auf BBC Radio Merseyside. Er schrieb The Beatles In Liverpool (Omnibus Press / Chicago Review), The Cavern – The Most Famous Club In The World, Love Me Do to Love Me Don't: The Beatles on Record und Best of the Beatles: The Sacking of Pete Best, alle bei McNidder & Grace. Er arbeitete mit Hunter Davies am The Beatles Book (Ebury).

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