Von Monolake zu Ableton: Ein Elektro-Duo revolutioniert Musik-Software

Mit elektronischer Musik konnte ich nie so richtig viel anfangen. Das änderte sich jedoch als mir ein guter Freund vor ein paar Jahren einen Act namens Monolake ans Herz legte. Der minimalistische und irgendwie sehr organisch klingende Techno hatte etwas sehr beruhigendes an sich. Bald darauf fing ich an, Monolake in Situationen zu hören, in denen früher ausschließlich Klassik, Jazz oder Instrumental-Folk aus meinen Lautsprechern oder Kopfhörern kam. Irgendwann las ich dann zufällig im Netz etwas über Monolake im Zusammenhang mit dem Software-Hersteller Ableton. Irgendwas hatte also dieser mir liebgewonnene Künstler mit der großartigen DAW zu tun, die mittlerweile der weltweite Standard für elektronische Live-Performances ist.

(Behles und Henke 1999, Foto von Ulf Bueschleb. Titelbild von Ableton.)

Doch springen wir ganz an den Anfang dieser Geschichte: Im Berlin kurz nach der Wende entsteht eine vibrierende Techno-Szene, die heute fast schon legendär erscheint. Überall gibt es ungenutzte Gebäude, Flächen und Freiräume, in denen sich junge Menschen aus Ost und West zum Feiern treffen. Anfangs laufen in den Clubs wie dem Tresor oder dem E-Werk noch hauptsächlich Tracks von DJs aus Detroit, doch schon bald darauf machen sich auch die ersten DJs aus der deutschen Hauptstadt einen Namen in der jungen Szene. Ab Mitte der 90er sind unter ihnen auch zwei Münchener, die sich bei einem Informatik-Seminar an der TU Berlin wiedertreffen.

Gerhard Behles und Robert Henke werden schnell zu Freunden und fangen an, gemeinsam unter dem Namen Monolake Musik zu machen. (Als namensstiftende Inspiration dient hier ein karger Salzsee in Kalifornien). Da sie eine große Affinität zu Computern und dem Programmieren hegen, setzen sie schon früh auf die modular aufgebaute Programmiersprache MAX, um ihre musikalischen Ideen umzusetzen.

Die beiden Soundtüftler legen großen Wert darauf, ihren minimalistischen Dub-Techno live zu performen. Dazu schreiben sie unzählige kleine Programme und Patches in MAX, die sie teilweise für einen einzigen Auftritt mühsam zusammenschustern. Der Computer dient Monolake dabei sowohl als Werkzeug als auch als spontane Inspirationsquelle, um Musik kreativ zu improvisieren. Sie veröffentlichen ihre erste Platte Cyan 1996 auf dem stilprägenden Label Chain Reaction, auf dem auch viele weitere Techno-Künstler aus dem Umfeld des Kreuzberger Kultplattenladens Hard-Wax vertreten waren.

(Ableton Live 1)

Nachdem unzählige Stunden in die Programmierung von MAX-Software geflossen sind und in Ermangelung von brauchbaren Software-Alternativen auf dem Markt, entschließen die beiden einen eigenen Software-Sequencer zu veröffentlichen. Dieser soll nicht wie andere Produkte einfach ein gewöhnliches Tonstudio mit Bandmaschine auf dem Rechner emulieren. Über gemeinsame Bekannte kommt ein weiterer Programmierer namens Bernd Roggendorf an Bord sowie der für die Finanzen zuständige Jan Bohl. Behles, der zwischenzeitlich an der Entwicklung von Native Instruments Reaktor beteiligt ist, verlässt Monoloake 1999, um sich von nun an ganz der neuen Firma zu widmen. Ableton ist geboren und die vier Gründer präsentieren auf der NAMM 2001 die erste Version ihrer Software, die sie ganz simpel “Live” taufen. Der Name verrät schon die Agenda: ein Programm, das nicht nur zum Aufnehmen von Musik geeignet ist, sondern vielmehr als Performance-Instrument zum Live-Einsatz gedacht ist.

Obwohl bei der NAMM-Präsentation nicht viel los ist und auch bei der Musikmesse in Frankfurt eher geringes Interesse besteht, lässt sich das motivierte Ableton-Team nicht von der Idee abbringen, mit ihrer völlig neuartigen Musik-Software den Markt aufzumischen. Die Oberfläche der damaligen Version 1.0 erinnert übrigens schon verblüffend an das heutige Produkt. Viele der Designelemente sind fast noch genauso vorzufinden.

Die Bearbeitung von Audio in Echtzeit ist das Ziel der Software. Deshalb basiert Live auf Loops, die die Musik ständig wiederholen, während der Sound mittels der Oberfläche manipuliert wird oder neue Sound-Clips hinzugefügt, moduliert oder entfernt werden.

Viele der anfänglich für die Live-Auftritte von Monolake entwickelten MAX-Patches finden ihren Weg in das neue Programm. Für Aufsehen sorgen aber vor allem die Neuentwicklungen wie der beeindruckende Software-Synhesizer Operator, den Behles selbst entwickelt und noch heute häufig in seiner Musik verwendet. Nach der anfänglichen Skepsis, was denn bitte ein Laptop auf einer Bühne solle, findet das Programm nach und nach viele Fans, die den vollkommen neuen Ansatz zu schätzen wissen.

Mit dem Erscheinen von Live 4 im Jahr 2004 gibt es erstmals MIDI-Unterstützung. Von nun können auch virtuelle Instrumente im Sequencer gesteuert und MIDI-Noten aufgenommen und geändert werden. Die Version 7 hat erstmals das beliebte Drum Rack an Bord und bietet in der Suite eine riesige Auswahl an Patches und Plugins an. Der Sprung auf Live 9 integriert MAX for Live noch besser ins Hauptprogramm. Die aktuellste Version 10 verzahnt die DAW noch besser mit MIDI-Geräten, neue Plugins und Funktionen wie Collections verbessern das Produkt ungemein.

Und auch die Steuerung der Software wird immer einfacher. Nachdem einige Jahre zuvor bereits Akai einen Controller namens APC40 eigens für Live auf den Markt brachte, hat Ableton im Jahr 2013 ein gänzlich neues Gerät entwickelt, das mehr als nur ein MIDI-Controller ist. Push und das Nachfolgemodell Push 2 ergeben in Kombination mit Live eine perfekte Symbiose aus Hard- und Software, die sich wie ein eigenes Instrument intuitiv spielen lässt.

2009 steigt Robert Henke zwischenzeitlich komplett bei Ableton aus, um sich voll und ganz auf seine Karriere als Musiker, Videokünstler und Akademiker zu konzentrieren. Mittlerweile ist der Live-Pionier aber wieder regelmäßig mit seinem Fahrrad vor dem Ableton-Büro in Berlin Mitte zu sehen. Ableton Live ist aus der modernen Musikproduktion und aus Live-Shows nicht mehr wegzudenken. Die Software kommt fast auf jedem Laptop zum Einsatz, den man auf einer Bühne sieht.

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