Der Begriff "Vintage" hat für jeden eine andere Bedeutung, aber in der Musikwelt bezieht er sich meist auf Gitarren aus dem Goldenen Zeitalter, analoge Synthesizer und Aufnahmegeräte, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden sind.
Während diese Definition hilfreich sein mag, um Marktwert und Mojo zu suggerieren, wird sie so langsam von der Zeit eingeholt. Schon bald werden diese Instrumente Antiquitäten sein, die im Gegensatz zu "Vintage" eine strenge Definition haben: jeder Gegenstand, der 100 Jahre alt oder älter ist.
Bei Reverb bezeichnen wir im Allgemeinen alles, was vor 1980 hergestellt wurde, als "Vintage", aber selbst diese Abgrenzung fängt mittlerweile an, wie ein altes Foto zu vergilben und sich an den Rändern zu wellen.
In der Tat kann alles, was 30 Jahre oder älter ist, als Vintage bezeichnet werden, also dachten wir, wir werfen mal einen Blick auf die Geräte, die dieses Jahr 30 werden.
Was zunächst als spaßige Übung begann, hat sich zu einem aufschlussreichen Abenteuer durch die Gerätewelt der frühen 90er Jahre entwickelt, als die digitale Aufnahmetechnik noch in den Kinderschuhen steckte und die Musiklandschaft sich unruhig zwischen den Epochen bewegte.
Digidesign Pro Tools

Ja, richtig gelesen. Die DAW, deren Name zum Kürzel für die neue Ära des Recordings wurde, ist mittlerweile ein alter Hut, denn sie feierte ihr offizielles Debüt im Jahr 1991.
Ein paar Jahre zuvor hatte Digidesign Sound Tools entwickelt, eine Stereo-Audio-Aufnahmesoftware, die es den Anwendern ermöglichte, zwei Audiospuren auf einer Apple Macintosh-Festplatte aufzunehmen. Während das für die damalige Zeit schon beeindruckend genug war, war Pro Tools die nächsthöhere Option des Unternehmens, die Mehrspuraufnahmen und die Wiedergabe von vier Kanälen über einen der NuBus-Erweiterungssteckplätze des Mac II ermöglichte. Bald gab es zusätzliche Soundkarten zu kaufen, mit denen das System um jeweils vier Kanäle auf insgesamt 16 verfügbare Spuren erweitert werden konnte.
Pro Tools war zwar nicht der erste Festplatten-Mehrspur-Recorder, aber da es auf einem Consumer-Computersystem lief, war es die erschwinglichste Option. Dank des Preises und wichtiger Updates in den folgenden Jahren gelang es Pro Tools, eine treue Benutzerbasis aufzubauen und zu vergrößern, bis es schließlich die Branche dominierte.
Der erste vollständige in-the-box-Hit — "Livin' La Vida Loca" von Ricky Martin — kam erst 1999 auf den Markt, und bis dahin waren die Anzahl der Spuren und die Möglichkeiten von Pro Tools erheblich gewachsen. Aber 1991 wurde der Grundstein gelegt.
Wenn man auf dieses erste "erschwingliche" System zurückblickt, muss man feststellen, dass es damals weit über 10.000 US-Dollar kostete (mit Inflation wäre das heute etwa das doppelte): Die wesentlichen Software- und Hardware-Komponenten von Pro Tools kosteten etwa 6.000 Dollar, zusätzliche Beschleunigerkarten und Audio-Interfaces mehrere Tausend Dollar pro Stück, und ein Mac II selbst mehr als 5.000 Dollar.
Alesis ADAT

Bei den damaligen Einschränkungen der computerbasierten Aufnahme ist nachvollziehbar, dass andere digitale Aufnahmeoptionen in den frühen 90er Jahren noch die Norm waren.
Während des gesamten vorangegangenen Jahrzehnts waren innovative (und sehr teure) Digitalrecorder - wie Mitsubishis X-80 und X-800 oder Sonys 24-Spur PCM-3324 - in digital orientierten professionellen Studios, mobilen Aufnahmewagen und persönlichen Tonstudios von Stars wie Stevie Wonder und Frank Zappa zu finden.
Anstatt auf eine Festplatte zeichneten diese Geräte auf speziell entwickelte digitale Spulentonbänder auf. Sie boten zwar eine hohe Spurenzahl und Flexibilität, aber zu einem hohen Preis. Der X-80 war der Einstiegsrekorder für etwa 25.000 Dollar, während Sonys PCM-3324 150.000 Dollar kostete.
In diesem Umfeld kündigte Alesis auf der NAMM im Januar 1991 den Alesis Digital Audio Tape (ADAT) digitalen Mehrspurrekorder an. Durch die Kodierung digitaler Audiodaten auf S-VHS-Videokassetten bot der ADAT-Rekorder Heimanwendern und Projektstudios einen Einstieg in die Zukunft mit hoher Spurenzahl.
ADAT-Recorder konnten acht Audiospuren auf einem S-VHS-Band unterbringen (nicht zu verwechseln mit den damaligen DAT-Recordern, die kleinere digitale Kassetten verwendeten). Indem man mehrere ADAT-Geräte miteinander verband, war es möglich, 16-Spur-, 24-Spur- oder noch größere Aufnahmegeräte zu bauen.
Obwohl ADAT-Recorder mit einem Preis von 3.995 Dollar pro Stück auf den Markt kamen, waren sie im Vergleich zu sechsstelligen Alternativen ein demokratisierendes Phänomen. Und falls ihr euch heute an Retro-ADAT-Aufnahmen versuchen wollt, gibt es sie auf dem Vintage-Markt schon im kleinen dreistelligen Bereich.
Akai MPC60II
Roger Linn und Akais allererste MPC, die MPC60, wurde 1988 veröffentlicht, nur ein paar Jahre nachdem Linns eigene Firma (mit der er die LM-1, LM-2 LinnDrum und Linn9000 herstellte) unterging.
Man muss sich nur diese früheren Drumcomputer ansehen, um zu erkennen, was für eine Veränderung die MPC darstellte, nicht nur im Klang oder in den Funktionen, sondern auch im Instrumentendesign. Die breite Palette an 16-Pad-Controllern und tragbaren All-in-One-Beatmaking-Workstations, die heute erhältlich sind, orientieren sich immer noch eng am Layout der MPC. Mit den schlanken, klappernden Reihen von taschenrechnerähnlichen Tasten der LinnDrum hatte das nicht mehr viel zu tun.
Die MPC60II, die 1991 auf den Markt kam, war größtenteils das gleiche Instrument mit einigen kosmetischen und Layout-Anpassungen, die erste nächste Iteration eines Designs, das seither immer wieder neu aufgelegt wurde - sei es von Akai und Linn, Akai ohne Linn oder ihren vielen Nachahmern.
Genau wie das Design der Stratocaster jedes Jahr in unzähligen neuen Gitarren weiterlebt, tut es auch das der MPC. Und genau wie die ersten Strats, sind auch die ersten MPCs heute Vintage-Instrumente.
Roland JD-800

So sehr sich Elektronik-Musiker*innen auch dem Futurismus hingeben, gibt es da auch eine gehörige Portion Nostalgie, wie der aktuelle Markt für Neuauflagen von Analog-Klassikern, Soft-Synth-Emulationen derselben und in gewisser Weise sogar die Verbreitung von Eurorack selbst, mit seiner Rückbesinnung auf selbstgemachte Patches und praktisches Experimentieren, zeigt.
Der Roland JD-800 wird nicht für analog gehalten werden. Er ist eine digitale Raumstation, dessen Klänge und Kraft überdauert haben und dessen Preise auf dem Gebrauchtmarkt selbst jetzt noch hoch sind, nachdem sich die Trends in unzählige Richtungen verschoben haben.
Was heraussticht, ist, dass bei seiner Veröffentlichung 1991 ein Teil seines Reizes darin bestand, dass er den Nutzer*innen eine eher "analoge" Kontrolle über seine Sounds bot und dazu einlud, die Presets anderer Keyboards wie dem D-50 oder Yamahas DX7 fallenzulassen und sich stattdessen wieder dem Sounddesign zu widmen. Julian Colbecks Testbericht von 1991 in Sound on Sound, der im mu:zines Online-Archiv gescannt und veröffentlicht wurde, greift diesen Charme auf:
Als ich in den späten 70er Jahren anfing, Synthesizer zu rezensieren, erinnere ich mich, wie ich mit meinen Schreiberkolleg*innen über die Unterschiede in der Wahrnehmung von Instrumenten zwischen Gitarristen und Keyboardern schwadronierte. "Stellt euch mal vor, dass jemand bei einem MiniMoog oder einem Jupiter 8 mit verzücktem Blick in Erinnerungen schwelgt!", lachten wir. Aber natürlich ist genau das passiert. Während wir jetzt alle auf unsere Monitore starren oder in einem seltenen Moment des Tweakens nachdenklich an den Inc/Dec-Tasten unserer Instrumente herumstochern, denken die Älteren unter uns mit Wohlwollen an die alten Zeiten, als Platten noch von Musiker*innen gemacht wurden und die Bedienfelder von Synthesizern mit aufregend aussehenden Schiebereglern, Knöpfen und Schaltern übersät waren.
Der Spruch über die "Zeit, als Platten noch von Musiker*innen gemacht wurden", ist mittlerweile auch schon ein alter Hut, aber die Passage spiegelt immer noch wider, was den JD-800 auszeichnete. Weil er "danach schrie, programmiert zu werden", war der JD-800 eine Reminiszenz an eine frühere Zeit des Vintage-Synthesizer-Designs. Und jetzt, wo die Zeit weitergeht, denken wir mit verzücktem Blick an den JD-800.
Ernie Ball Music Man EVH Signature

Die Wolfgang von Eddie Van Halen ist eine der bekanntesten Signature-Gitarren der Welt, und ihre Geschichte kann mit einigen interessanten Wendungen aufwarten.
Zunächst einmal wurde sie von drei verschiedenen Marken hergestellt, worüber wir bereits in unserer "Wolfgang Saga" berichtet haben. Sie begann ihr Leben namenslos unter der Bezeichnung "Eddie Van Halen Signature", was inoffiziell zu EVH abgekürzt wurde, bevor sie "Wolfgang" getauft wurde.
Erstmals 1991 von Ernie Ball Music Man veröffentlicht, war Eddies High-Performance Signature das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit. Wie er damals in einer Anzeige sagte: "Ich habe die Gitarre, die ich früher gespielt habe, endorsed. Diese hier habe ich entworfen... Ein großer Unterschied."
So auffällig das endgültige Aussehen der Gitarre auch war, wurde sie mit einem klaren Auftrag gebaut: wenig Schnickschnack, keine unnötigen Features und ein gut platzierter Witz: Der einzige Knopf, ein Lautstärkeregler, ist fälschlicherweise mit "Tone" beschriftet.
Es war eine neue Ära des Spielens für Eddie. Die von Sammy Hagar geleiteten Van Halen hatten einen unerwarteten Hit in Form von "Right Now", das bei den MTV Video Music Awards 1992 als Video des Jahres ausgezeichnet wurde. Eddies Beziehung zu Ernie Ball Music Man hielt nicht lange an. Sie setzten das Modell als Axis fort, während Peavey sich an die Arbeit machte, die neue Wolfgang zu entwickeln, jetzt auch unter diesem bleibenden Namen.
Jerry Jones Danelectros

Ein letzter interessanter Aspekt, wenn man über Vintage-Gear und die frühen 1990er Jahre nachdenkt, ist die Tatsache, dass der Markt für Vintage-Gitarren längst nicht das war, was er heute ist.
Klar, es gab Liebhaber von Teles und Les Pauls aus den 50er und 60er Jahren, aber es war immer noch eine Zeit, in der Bands wie Sonic Youth oder Nirvana in Pfandleihhäusern unscheinbare Fenders — Jazzmasters, Jaguars und Mustangs aus den 60ern — finden konnten. Natürlich werden diese Offsets heute nicht mehr unter "ferner liefen" eingeordnet, und wenn man durch einen wilden Zufall eine für ein paar hundert Euro finden würde, wäre das Ungefähr wie auf einen Topf voll Gold zu stoßen.
Als Jerry Jones in den späten 80er und frühen 90er Jahren anfing, Gitarren auf der Basis klassischer Danelectro-Designs zu bauen, wurde dies also als Neuheit angesehen. Jim Washburn von der Los Angeles Times schrieb 1991 auf der Winter NAMM Show, dass es so viele "hochmoderne" Superstrats gab, "dass es fast unmöglich war, sie auseinander zu halten."
Jones erklärte Washburn den Reiz seiner Gitarren so:
"Ich denke, es liegt daran, dass es trotz der großen Anzahl von Firmen, die Instrumente herstellen, nicht so viele verschiedene Typen gibt, aus denen man wählen kann; jeder stellt Variationen der gleichen Dinge her", sagte Jones. "Ich denke, das hier ist eine Gegenreaktion und eine Rückkehr zu einem erdigeren, dimensionaleren Klang. Wir verkaufen im Grunde genommen Spaß. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viele Leute vorbeigehen, sich umdrehen und von einem Ohr zum anderen grinsen, wenn sie diese Dinger sehen."
Washburn nannte es die "Silvertone-ization" des Marktes, eine dezidierte 60er-Jahre-Ausrichtung, die sich mit Musikern wie Los Lobos, Leo Kottke und Jimmie Vaughan durchzusetzen begann. Heute sind solche Retro-Rebrands nur eine von vielen Vintage-Style-Ecken auf dem Markt für neue Geräte. Mehr als 30 Jahre später werden wir vielleicht ein Meta-Vintage-Phänomen sehen: Irgendein neuer Hersteller, der Klone von Jerry Jones' Danelectros herstellt.
Sicherlich gab es mehr als sechs Geräte, die 1991 auf den Markt kamen, und viele weitere wären es wert, in diesen Artikel aufgenommen zu werden: von Rolands erstem SPD bis hin zu den vielen Rack-Effektgeräten, die zu dieser Zeit noch im Umlauf waren. Habt ihr eure eigenen Gedanken zu den Geräten, die dieses Jahr "Vintage" werden? Lasst sie uns wissen.
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