Anfang Mai 1973 betrat Bob Marley Top Gear, einen schmuddeligen Musikladen in der Denmark Street, einer kurzen Seitenstraße im Zentrum Londons, die voller Musikbusiness-Spelunken und Büros ist. Top Gear, bekannt für sein gut sortiertes Angebot an Secondhand-Equipment, war regelmäßiger Anlaufpunkt vieler Gitarristen, von den Stars bis zu denen, die es noch werden wollten. Keith Richards zum Beispiel schaute gelegentlich vorbei und verließ den Laden mit so erlesenen Stücken wie einer National Resonatorgitarre, einer alten Rickenbacker Solidbody oder einer Les Paul Custom.
Bob Marleys Blick ging über die Regale, und schließlich nahm er sich eine ungewöhnliche Single-Cut Gibson Les Special herunter. Top Gear hatte die Gitarre von Dan Armstrong gekauft, einem amerikanischen Gitarrenreparateur, der zu dieser Zeit in Großbritannien lebte. Dan hatte Block-Griffbrettmarkierungen anstelle der ursprünglichen Punkte hinzugefügt, das Finish modifiziert und der Kopfplatte ein Binding verpasst. Marc Bolan hatte die Gitarre kürzlich zurückgegeben: Er hatte seine Meinung geändert und sie gegen eine Les Paul mit Humbuckern eingetauscht.
Bob kaufte die Special und setzte sie direkt bei den restlichen England-Shows der Wailers im Mai 1973 ein. Für den Rest seiner Karriere sollte sie seine wichtigste Bühnen- und Studiogitarre bleiben - allerdings nicht ohne ein paar weitere Modifikationen.
Bob und die Band waren gegen Ende '73 zurück in Großbritannien, als seine Les Paul einen Unfall hatte. Sid Bishop war Manager bei Top Gear und hatte die Gitarre ursprünglich an Bob verkauft. "Er kam mit ihr zurück und sagte: 'Sieh nur, was ich angerichtet habe.'" Die Les Paul war nach vorne von einem Gitarrenständer gefallen und der Aufprall hatte den Pickup-Schalter zusammen mit einem ziemlich großen Stück Holz durch den Korpus gedrückt. Sid sah sich die Gitarre an und wandte sich an ihren Besitzer. "Ich sagte nur: 'Oh, Bob, du Tollpatsch.'"
Mark Moffatt arbeitete damals ebenfalls bei Top Gear und sagt, Bob habe Glück gehabt, dass die Kopfplatte nicht gebrochen war. "Das ist normalerweise das Erste, was bei so einem Sturz kaputt geht. Er sagte uns, dass er die Gitarre nicht bei uns lassen könnte, da sie Shows hatten", erinnert sich Mark, "könnten wir also irgendetwas tun, um sie direkt wieder auf die Beine zu bringen?"
Bob wurde in das Hinterzimmer von Top Gear geführt, wo Roger Giffin an Reparaturen arbeitete. Stan Smith war Verkaufsassistent, aber manchmal half er Roger. "Bob erschien an der Tür der Werkstatt", erinnert sich Stan. "Er war ziemlich verzweifelt über den Schaden an seiner Gitarre, aber Roger und ich schlugen vor, eine größere Platte auf der Vorderseite der Gitarre und eine dünnere Unterlegscheibe auf der Innenseite einzusetzen, und hofften, dass wir genug Platz haben würden, um den Sicherungsring wieder anzubringen, dann wäre alles wieder gut."
Bob gefiel die Idee. "Wir schnitten einen großen Kreis aus einem Reststück dicken cremefarbenen Kunststoffs vom Schlagbrett einer Les Paul Standard und bohrten ein Loch hinein", sagt Stan. "Ich glaube wir benutzten noch ein Reststück, um die Innenseite zu sichern. Wir bauten also den Schalter wieder ein und testeten dann die Gitarre, um sicherzustellen, dass alles funktionierte. Mir war kurz bewusst, dass ich hier saß und Bobs Gitarre spielte - und er stand neben mir. Aber er war wirklich ein durch und durch netter Mann."
Sid erinnert sich, wie er die Gitarre ihrem Besitzer zurückgab. "Ich sagte: 'Hier, bitte sehr - und mach das nie wieder.' Bob war überglücklich." Diese eigentlich provisorische Reparatur, die an einer deutlich größeren Schalterplatte als normal zu erkennen war, blieb für die nächsten Jahre bestehen, und irgendwann wurden eine Tune-o-matic-Brücke mit Saitenhalter anstelle der ursprünglichen einteiligen Wrapover-Brücke der Gitarre eingebaut. Bob Marley & The Wailers wurden immer erfolgreicher, und die Special leistete Bob weiterhin als Hauptinstrument gute Dienste.
Zeitsprung ins Frühjahr 1978: Roger Mayer flog von seiner Heimat England nach Jamaika, um Bob Marley zu treffen. Roger ist vor allem für seine Arbeit mit Jimi Hendrix bekannt, er baute Effektpedale wie das Octavia, das Jimi mit Begeisterung benutzte. Rogers Reise, etwa zur Zeit des One Love-Konzerts im April 1978, kam durch seine Bekanntschaft mit Junior Marvin, dem neuen Gitarristen der Wailers zustande, der mit Roger an Solomaterial gearbeitet hatte.
Roger fragte Bob, was er gerne von ihm hätte. "Er erzählte mir, wie sehr er Jimi Hendrix mochte," erinnert sich Roger, "und dann sagte er: 'Kannst du mir helfen, international zu klingen?' Ich sagte: 'Klar.'" Was er damit meinte? "Jeder konnte das Potenzial der Band sehen. Aber sie hatten keinen internationalen Sound - er war nicht richtig Übergreifend. Sie klangen immer wie eine zwar sehr gute, aber irgendwo holprige, karibische Band. Im Grunde sagte ich ihnen dann, dass ihre Instrumente verstimmt waren."
Rogers erste Aufgabe bestand also darin, alle Gitarren zu untersuchen und ihnen die notwendigen Überholungen und Setups zu verpassen. Die Lagerung in der jamaikanischen Luftfeuchtigkeit und die regelmäßigen Auftritte hatten ihr übriges für den Zustand der Instrumente der Wailers getan. Roger sagt, er habe zuerst an Bobs Les Paul gearbeitet, die Mechaniken und einige Potis erneuert, die Halskrümmung und die Intonation der Brücke überprüft, der Gitarre eine neue Bundierung verpasst und die generelle Spielbarkeit korrigiert und verbessert.
"Das alles verbesserte das Sustain von Bobs Gitarre und hielt sie perfekt gestimmt", erinnert sich Roger. "Ich machte das Gleiche mit den anderen Gitarren und sagte ihnen, dass sie ein elektronisches Stimmgerät benutzen sollten, nach dem jeder stimmt. So klang die Band beim One Love-Auftritt zum ersten Mal einwandfrei gestimmt. Die Leute kamen danach zu Bob und sagten, dass sie den Unterschied im Sound der Band nicht glauben konnten, dass sie ihn noch nie so gut klingen gehört hatten."

Später im Jahr '78 fragte Bob Roger, ob er etwas an seiner Les Paul machen könnte, was sonst niemand hatte, damit jeder weiß, dass es Bob Marleys Gitarre ist. Roger schlug eine neue Platte für den Pickup-Schalter vor, um die "provisorische" Reparatur zu ersetzen, die fünf Jahre zuvor bei Top Gear durchgeführt wurde. "Ich schlug eine elliptische Platte aus harteloxiertem Aluminium unter dem Schalter vor, die wie ein drittes Auge aus der Gitarre herausschauen würde", sagt Roger. Das war auf jeden Fall anders.
Bob gefiel diese Idee. "Also habe ich die Position beibehalten, aber die Platte modifiziert", so Roger, "wodurch sie auch viel stabiler wurde. Außerdem hat es die Abschirmung etwas verbessert, weil ich ein zusätzliches Stück Aluminium drum herum hatte." Roger fügte ein passendes Aluminium-Pickguard hinzu, um das Original zu ersetzen, und schon war der neue Look da und erfüllte den Wunsch nach einer sofort identifizierbaren Gitarre. Die Les Paul Special sollte bis zu Bobs zu frühem Tod drei Jahre später in diesem Zustand bleiben.
Als Gibsons Custom Shop 2002 eine limitierte Auflage einer Bob Marley Les Paul Special ankündigte, hieß es in der Pressemitteilung, sie sei durch "sorgfältige Recherche und Detailarbeit unter Verwendung von Bobs originaler Les Paul Special entstanden." Pat Foley war zu dieser Zeit Gibsons Entertainment Relations Director und reiste nach Jamaika, um sich diese Originalgitarre anzuschauen. Pat war der richtige Mann für den Job, ein Marley-Fan, der Jamaika zum ersten Mal als neugieriger Teenager besucht hatte und später fünf Jahre lang auf der Karibikinsel Montserrat lebte.
Die Reise begann gut und wurde noch besser. "Rita Marley ließ ihren Assistenten kommen, um mich am Flughafen abzuholen", erinnert sich Pat, "und es war verrückt, denn wenn Rita Marley auf dich wartet, überspringen sie einfach den Zoll. 'Ich bin hier, um Rita zu sehen.' Ah - und man geht einfach durch. Wir hatten eine tolle Woche dort. Rita nahm uns mit zu dem, was jetzt das Bob-Marley-Museum ist, ein großes altes Haus, in dem Bob gelebt hatte, mit dem Museum auf der Rückseite. Also ging ich los, um es mir anzuschauen."

Dort in der Mitte des Raumes befand sich das Glanzstück in einer Art Glasvitrine: Die von den vielen Touren gezeichnete Special, komplett mit ihrer nicht standardmäßigen Kopfplatteneinfassung, den Aluminium-Korpusplatten und den Blockmarkern. Pat machte sich bereit, Fotos zu machen und Diagramme und Schablonen von all ihren Eigenheiten und Abnutzungen anzufertigen, um sie dem Custom Shop-Team von Gibson zu übergeben. Zuerst musste er jedoch an die Gitarre herankommen.
"Rita kam wieder herein, als ich mir die Gitarre in ihrem Koffer ansah", erinnert sich Pat. "Ich fragte: 'Kann ich Zugang zu ihr bekommen?' Sie sagte, natürlich, und dass sie jemanden holen würde, der sie für mich öffnet. Also dachte ich, dass jemand mit einem Schlüssel oder so rauskommen würde. Aber der Typ kommt rüber und hebt einfach diese Plexiglasabdeckung ab - hebt sie einfach hoch, setzt sie ab und gibt mir die Gitarre. Ich muss wohl überrascht gewirkt haben, denn Rita sagte: "Oh, ich glaube nicht, dass sie jemand klauen würde. Weißt du, ich glaube, die Leute erkennen manchmal nicht den Wert dieser Dinge. Sie sehen es nur als ein Werkzeug oder so. Der eigentliche Wert von Bobs Gitarre als eine stark modifizierte Les Paul Special wäre nicht so groß, weil sie ein Kuriosum ist. Aber es ist Bob Marleys Les Paul Special. Das ändert alles."
Zurück im Custom Shop begann die Arbeit an der auf 200 Exemplare limitierten Replik, die 2002 zum ersten Mal verkauft wurde, mit einem Cherry Aged-Finish von Tom Murphy versehen war und alle von Pat aufgezeichneten Modifikationen und jahrelangen Gebrauchsspuren enthielt. Jedes Exemplar wurde mit einem wandmontierbaren Schaukasten geliefert, der mit einem Gibson-Logo, Bobs Unterschrift und einem Löwe von Juda-Motiv versehen war, was offensichtlich darauf hindeutet, dass sich dieses Objekt eher an Marley-Fans als an angehende Reggae-Gitarristen richtete.
Trotz des weit verbreiteten Gerüchts, dass die Originalgitarre mit Bob begraben wurde, befindet sich seine einzige Les Paul Special seit langem im Museum in Jamaika. Eine seltene Abwesenheit gab es 2011 anlässlich des 30. Jahrestages seines Todes. Dem Grammy-Museum in Los Angeles gelang es, das Instrument als wichtigen Teil seiner Ausstellung "Bob Marley, Messenger" zu sichern, und sein Sohn Ziggy Marley war vor Ort, um die Veranstaltung zu unterstützen. "Es gibt einen Rest seiner Energie in dieser Gitarre, der immer da sein wird", sagte Ziggy der Los Angeles Daily News, als er die ausgestellte Les Paul betrachtete. "Ich würde liebend gern die Geschichten dieser Gitarre hören."
Über den Autor: Tony Bacon schreibt über Musikinstrumente, Musiker*innen und Musik. Zu seinen Büchern gehören The Les Paul Guitar Book, Legendary Guitars: An Illustrated Guide, und Fuzz & Feedback. Tony lebt in Bristol, England. Mehr Infos unter tonybacon.co.uk.