Kraftwerk Sounds: Eine Legende und ihr Equipment

Sobald man sich nun dem Thema Synthesizer-Sounds nähert, sich mit den Anfängen von Techno und Hip Hop beschäftigt, wird kaum eine Band so oft genannt wie Kraftwerk. Eng verbunden mit Songs wie „Autobahn“, „Die Roboter“ oder „Das Modell“ sind die verschiedenen Synthesizer, die die Band live und im Studio einsetzte.

Begibt man sich auf die Suche nach Quellen, stößt man, wie so oft in der Welt von Kraftwerk, auf wenig offizielle Informationen. Am ehesten sind es Bücher und Interviews mit ehemaligen Mitgliedern (14 insgesamt seit der Gründung) der Liveband, die Aufschluss über die benutzten Synthesizer geben. Die Fanseite „Kraftwerkfaq.hu“ ist dafür eine echte Goldgrube. Betreiber Tibor Bennarik hat aus unzähligen Büchern, Artikeln und einer Fan-Mailing-List eine beachtliche Liste an Equipment zusammengetragen.

Kaum eine Band aus Deutschland ist international so einflussreich und bereits so lange unterwegs wie Kraftwerk. Seit fast 50 Jahren sind die Düsseldorfer – gegründet von Ralf Hütter und Florian Schneider – musikalische Wegbereiter und technologische Pioniere. Anfangs war man noch in der Nähe der experimentellen Krautrockszene unterwegs und lange, sehr ausufernde, manchmal monotone Jams und Klangkollagen prägten das Bild. Im eigenen Kling Klang Studio in der Nähe von Düsseldorf schraubten Schneider und Hütter am Sound der Zukunft.

Mitte der 70er wandten sich die selbstbetitelten Musikarbeiter zugänglicheren Melodien und Strukturen zu. Dieser Ansatz bewährte sich, die Band erlangte mit einer Mischung aus technischen aber dennoch sehr eingängigen Songs schnell internationale Bekanntheit. Man veröffentlichte zwischen 1974 und 1981 fünf Alben, die alle zu Klassikern wurden.

Kraftwerk performen Autobahn. (Bild: Wikipedia/Franz Schuier.

Zuerst Autobahn. Synthesizer kamen Anfang der 70er gerade erst in den Studios der Musikwelt an und wurden oft eher spärlich und als atmosphärische Hintergrundinstrumente eingesetzt. Dass Kraftwerk 1974 ein komplettes Album mit Popsongs nur aus Synthesizern veröffentlichten, war revolutionär.

Auf dem Album wurde unter anderem ein Moog Minimoog, ein weißer Odyssey von Arp und von Farfisa eine Rhythm Unit 10 und das Professional Piano eingesetzt. Die ersten Live- und Fernsehauftritte folgten, Hütter und Schneider holten sich noch zwei Mann Verstärkung dazu, der Kraftwerk-Vierer, wie man ihn auch heute noch von Bandfotos oder Auftritten kennt, war geboren. Bei diesen Fernsehauftritten setzte die Band ein selbstgebautes elektronisches Schlagzeug ein, welches auf einem Maestro Rhythm King basierte.

Ein Jahr später erschien Radio-Aktivität. Auf Songs wie „Radioland“ oder „Antenne“ nutzte Kraftwerk nun auch vermehrt Effekte auf dem Gesang, die die Stimme bis an die Grenze der Verständlichkeit verfremdeten. Unter anderem kam das legendäre Delay-Effekt-Gerät Space Echo von Roland zum Einsatz.

Der synthetische Chor im Titeltrack sorgte für Aufsehen, er stammte aus einem Orchestron. Dieses war neben dem Mellotron, das auf einigen späten Beatles-Platten prominent vertreten war, einer der ersten analogen Sampler. Die Band hatte von Hersteller Vako ein Vorserienmodell zur Verfügung gestellt bekommen und den Sound offensichtlich so lieb gewonnen, dass das Instrument auch auf den Folgealben Trans-Europa Express und Die Mensch-Maschine prominent vertreten war.

Nicht nur die Melodien kamen aus Maschinen, auch der Gesang wurde von Anfang an maschinell verfremdet. Auf Songs wie „Autobahn“ oder „Die Roboter“ zeigte weit vor Daft Punk eine Band, wie man mit Vocodern vollkommen neue Stimmeffekte erzeugte. Hier war man seiner Zeit weit voraus. Klassiker von Roland und die 2000-, 3000 und 5000-Vocoder-Reihen von EMS kamen in vielen Songs zu Einsatz. Der singende Synthesizer, der gleichzeitig nach Gesang und Synthesizer klang, wurde zum Markenzeichen für die Maschinen-Musik von Kraftwerk. Das ging soweit, dass sich Florian Schneider 1990 beim Europäischen Patentamt ein Vocoder-System patentieren ließ, als Robovox bekannt.

Dieses Interesse nicht nur an der Komposition, sondern auch an der Neuentwicklung von Instrumenten und Synthesizermodulen wuchs. So wandte sich Kraftwerk 1977 vor der Aufnahme ihres Albums Trans Europa Express an das auf Synthesizer spezialisierte Bonner Studio Matten & Wiechers, mit dem Anliegen einen speziellen analogen Sequencer zu bauen. Resultat: Der Synthanorma Sequencer.

Auch auf der Folgeplatte Die Mensch-Maschine von 1978 wurde der Sequencer häufig eingesetzt. „Das Modell“ vom Album ist bis heute einer der bekanntesten Songs der Band und war (zwar erst 1982) ihr erster Nummer-Eins-Hit in UK.

Die Band bei einem Konzert 2004 in Stockholm. (Bild: Wikipedia/Andréas Hagström.)

Und dann Computerwelt (1981). Zwar waren Minimoog, Vocoder und Arp noch präsent und mit dem Prophet 5 von Sequential Circuits eine weitere Synthesizer-Legende mit an Bord, man griff jedoch wieder zunehmend auf ungewöhnliche Klangerzeuger zurück. Teile der Melodien und Geräusche stammten aus elektronischem Kinderspielzeug (Mattel Bee Gees Rhythm Machine und Mini Keyboard) und einem Taschenrechner (Casio FX-501b). Ein Synthesizer, der mit einem Stylus-Stift bedient wurde, das Stylophone von Dubreq, wurde eingesetzt, und die Stimme wurde nun teilweise komplett von einer Maschine gesprochen. Der Texas Instruments Pocket Translator machte im Titeltrack seine Aufwartung. In den Folgejahren verlangsamte sich das Veröffentlichungstempo etwas. Außerdem musste Anfang der 80er aufgrund eines schweren Fahrradunfalls von Hütter länger pausiert werden.

Auf Electric Café (1989; 2009 als Techno Pop neu veröffentlicht), dem Remix-Album The Mix (1991) und Tour de France (2003) blieb es experimentell und in der eigenen Soundwelt verhaftet. Außerdem lag der Fokus vermehrt darauf, auf technologischer Ebene das zu entwickeln, was zur Komposition und Aufführung der eigenen Musik noch fehlte.

So wandte sich Florian Schneider Anfang der 90er an Dieter Döpfer, Firmeninhaber von Doepfer, mit dem Anliegen, eine Phonem-Tastatur so zu modifizieren, dass ein MIDI-Interface mit eingebaut werden konnte. Damit konnte Schneider sein Robovox-System ansteuern. Phoneme (z.B. stimmhafte und stimmlose Varianten von Vokalen, verschiedene „s“ Varianten) erzeugten ein natürlicheres Sprachempfinden in der Robovox. Wichtig war in Verbindung mit dem Interface ein Sequencer, der fertige Worte auf Knopfdruck abfeuerte.

Laut Döpfer war dieses nicht die einzige Spezialanfertigung, der er für und mit Kraftwerk anfertigte. Unter anderem wurde der EMS-Vocoder ebenfalls MIDI-fiziert und damit direkt ansteuerbar gemacht, und ein Interface entwickelt, das die Roboterpuppen, die live beim Stück „Roboter“ zum Einsatz kamen, per MIDI ansteuerbar machte. Auch ein Supermini-Keyboard für den Live-Einsatz wurde entwickelt, das bei Konzerten manchmal ins Publikum gereicht wurde, damit sich die Fans durch Tastendruck überzeugen konnten, dass die Melodien echt waren und live eingespielt wurden.

(Bild: doepfer.de)

Neben diesen Einzelstücken war ein bleibendes Resultat der Zusammenarbeit der analoge Sequencer MAQ16/3, den die Firma Doepfer einige Jahre im Programm hatte. Florian Schneider hatte Döpfer um einen Sequencer gebeten, der sich wie ein Analogsequenzer verhielt, aber MIDI-Daten ausgab. Auch die Vocodermodule des Doepfer A-100-Modularsystems (die A-129-X Reihe) resultierten aus der Kooperation.

Eine gemeinsame Entwicklung, die Aufsehen erregte, war MOGLI. Dieter Döpfer gelang es einen Nintendo Powerglove (ein Gesten-Controller von 1989, kommerziell ein Flop) so zu modifizieren und an ein MIDI-Interface zu koppeln, dass es der Band möglich war, diesen live einzusetzen. Das MOGLI war – lange bevor Hacking-Communities den Microsoft-Kinect oder den Nintendo Wii Controller modifizierten – eine der ersten Möglichkeiten, mit Gesten MIDI-Befehle zu erzeugen. Da Nintendo die Produktion des Gloves jedoch bald einstellte, wurden insgesamt nur etwa 350 Exemplare des MOGLI hergestellt.

Zum Set gehören der Handschuh, ein MIDI-Interface und die drei Messpunkte. (Bild: crazy-midi.de (c) 2015)

Auch das MAQ16/3 wird nicht mehr produziert. Laut Webseite seien einige der Bauteile mittlerweile schwer zu bekommen. Eine Neuauflage des Sequencers mit vielen neuen Funktionen sei laut Dieter Döpfer angedacht gewesen, aber wie bei einem möglichen MOGLI II auf Grund eines hohen zu erwartenden Endpreises und langer Entwicklungszeit nie realisiert worden.

Von Kraftwerk sind Neuveröffentlichungen seit 2003 ausgeblieben, die Band ist aber, was Auftritte und das Aufpolieren des eigenen Katalogs betrifft immer noch hochaktiv. 2017 veröffentlichte sie „3-D (Der Katalog)“, eine üppige Werkschau über ihre acht Studioalben, alle soundtechnisch überarbeitet, zusätzlich in verschiedenen räumlichen Soundformaten wie Dolby Atmos 3D Sound und verschiedenen Dolby-Surround-Formaten verfügbar.

Und so sind Kraftwerk immer die Summe aus Mensch und Maschine, aus Technologie und Melodie, geblieben, waren Vorreiter und Wegbereiter für fast alles, was in der elektronischen Musik in den letzten 40 Jahren entwickelt wurde. Immer auf der Autobahn.

comments powered by Disqus

Reverb Gives

Your purchases help youth music programs get the gear they need to make music.

Oops, looks like you forgot something. Please check the fields highlighted in red.