Bei Musikaufnahmen läuft nicht immer alles glatt. Selbst in einem Studio voller Profis schleichen sich während einer Session Fehler ein.
Die meisten Fehler werden im Studio direkt korrigiert, aber in einigen Fällen war ihr Effekt so perfekt, dass sie einfach im Song gelassen wurden. Manche wurden später sogar in unzähligen anderen Aufnahmen nachgebildet und definierten ganze Jahrzehnte der Popmusik.
In diesem Artikel beleuchten wir sowohl bekannte als auch obskure Studio-Fehler, die es nicht nur aufs Band geschafft, sondern ihre jeweiligen Aufnahmen bereichert und andere Künstler beeinflusst haben.
Nicht berücksichtigt werden wir Beispiele, bei denen man sich nicht sicher ist, ob es sich tatsächlich um einen Fehler handelt, wie z.B. der Metrumwechsel in Blondies "Heart of Glass", der nicht synchrone Bass von Grimes in "Oblivion" oder die künstlerische Entscheidung, den Gesang von Neutral Milk Hotel zerren zu lassen.
Auch Hintergrundgeräusche, wie Gespräche ("Sweet Home Alabama"), unsaubere Schnitte ("Paper Planes" von MIA) oder Husten ("Wish You Were Here"), werden ausgeklammert.
"Forever In My Life" ist zwar keine von der Hit-Singles von Prince, dennoch aber ein Fan-Favorit, der weithin als einer seiner persönlichsten Songs gilt. Außerdem enthält er einen ziemlich großen Fehler für einen Künstler, der oft als Perfektionist bezeichnet wird.
Prince war bekannt dafür, bei vielen seiner Songs alle Parts alleine in seinem Heimstudio aufzunehmen, nur mit einer Toningenieurin an seiner Seite. Bei den Aufnahmen zu "Forever In My Life", begleitete ihn Susan Rogers. In Eile synchronisierte sie versehentlich die Hintergrundgesänge falsch, so dass sie jetzt vor der Hauptgesangslinie lagen, die sie eigentlich spiegeln sollten.
Das Ergebnis ist eine Background-Vocal-Performance, die den Song vorantreibt, statt ihn nur zu unterstützen. Rogers bot an, den Fehler zu beheben, aber Prince liebte ihn und beschloss, den Song so zu veröffentlichen.
Radioheads Durchbruchshit "Creep" ist der wohl bekannteste Song der Band, aber einige Mitglieder wollten ihn gar nicht erst auf dem Album haben: dem Gitarristen Jonny Greenwood gefiel nicht, dass der Song so leise war. Während eines Takes, im ruhigen Moment, in dem das Lied von der Strophe zum Refrain übergeht, schlug er "hart — richtig hart in die Gitarre", um die Aufnahme zu sabotieren.
Greenwoods Sabotageakt verlieh dem Song letztendlich jedoch eine intensive Energie und hebt sich als einer der besten Momente auf "Creep" hervor.
Gated Reverb ist der Sound der '80er, aber wie kam es überhaupt dazu? Völlig unbeabsichtigt!
Während der Aufnahmen von Peter Gabriels drittem Soloalbum im Jahr 1979 nahm ein Raummikrofon während der Aufnahme von "Intruder" den unbeabsichtigt den Sound von Phil Collins' Schlagzeug auf. Der Toningenieur Hugh Padgham hatte ein stark komprimiertes Talkback-Mikrofon in den Raum gestellt, das in Kombination mit dem Noise Gate des Pults zu dem führte, was wir heute als Gated Reverb kennen.
Seit der Geburt dieses Fehlers, haben Künstlern von Prince über Kate Bush bis hin zu Lorde den Effekt verwendet.
Bei Fuzz denkt ihr wahrscheinlich nicht an Country-Musik. Solltet ihr aber.
Während der Aufnahme des sechssaitigen Basssolos für Marty Robbins' "Don't Worry" im Jahr 1960 stolperte der beliebte Session-Gitarrist Grady Martin über einen fehlerhaften Kanal im Mischpult — einer der Röhrenvorverstärker versagte und führte zu einem stark verzerrten Basssound. Verständlicherweise war Martin verärgert, dass seine Aufnahme ruiniert war.
Produzent Don Law sah den Take aber nicht als ruiniert an. Ihm gefiel der neuartige Effekt, er ließ den Sound in der Endfassung des Songs, und so wurde Geschichte geschrieben. Der Song wurde ein Crossover-Hit, mit dem Robbins seine siebte Nummer eins der Country-Charts und die Nummer drei der Pop-Charts erreichte.
Statt den fehlerhaften Kanal zu reparieren, stellte Session-Ingenieur Glen Snoddy ihn anderen Musikern zur Verfügung, die den Sound liebten. Die Nachfrage danach war so groß, dass Snoddy den fehlerhaften Kanal im Fuzz-Tone nachbaute — einem Schaltkreis, der den verzerrten Klang nachbilden konnte — und ihn schließlich Gibson übergab, die den FZ-1 Fuzz-Tone unter ihrer Maestro-Tochtergesellschaft herstellten.
Es ist nichts neues, dass Bands ihre Instrumentierung an den Text anpassen, man denke zum Beispiel an die sechs Triolen während der Zeile "Robbing people with a six gun" in "I Fought The Law", die die sechs Schüsse eines Revolvers nachahmen.
The Cars dachten allerdings gar nicht daran, das Schlagzeug zur Veranschaulichung des Textes einzusetzen, als Schlagzeuger David Robinson versehentlich anfing, seine Snare auf die Eins und Drei zu schlagen, anstatt auf die Zwei und Vier, die er direkt vor der Zeile "I kinda lose my mind" in der zweiten Strophe betont hatte.
Das Ergebnis unterbricht das Metrum für ein paar Zeilen komplett, bevor es wieder synchron ist. Der Fehler passte so perfekt zur "I kinda lose my mind"-Zeile, dass die Band beschloss, ihn beizubehalten und ihn kurz vor dem nächsten Refrain zu wiederholen.
"Louie, Louie" in der Version von The Kingsmen, wurde bei der Veröffentlichung direkt berühmt berüchtigt. Nicht nur, weil es so eingängig ist, sondern auch aufgrund des fast völlig unverständlichen Textes, was sogar zu 31-monatigen Ermittlungen führte, da viele glaubten, dass er mit Sicherheit obszön sei.
Warum können wir also kein Wort von dem, das Sänger Jack Ely da gesungen hat, verstehen? War er betrunken oder sogar high?
Wie sich herausstellte, war die Ursache weit aus weniger ruchlos. Jack Ely war erst 19 Jahre alt, als er "Louie, Louie" aufnahm, das in einem einzigen Take von Ken Chase, DJ aus Portland, Oregon, festgehalten wurde. Die einzigartige stimmliche Leistung ist auf eine Kombination von zwei Dingen zurückzuführen: Sein Mund war von seiner Zahnspange eingeschnitten und er sang in ein unnatürlich hohes Galgenmikrofon, wofür er seinen Hals verbiegen und hoch in die Luft singen musste. Es hat schon seinen Grund, dass einem diese Technik im Gesangsunterricht nicht beigebracht wird.
Der überanstrengte Nacken und die nicht zu unterschätzenden Schmerzen im Mund verwandelten den Text in ein verzerrtes Durcheinander. Man könnte sich vorstellen, dass so ein Aufnahmefehler den Plattenverkäufen schaden würde, aber das Geheimnis des Textes wurde ein PR-Boom für die Band — auch wenn das FBI jetzt gegen sie ermittelte.
Das ist übrigens nicht der einzige Fehler der "Louie, Louie"-Aufnahmesession. Kurz nach dem Gitarrensolo schoss Ely über das Ziel hinaus und setzte zu früh ein, was Schlagzeuger Lynn Easton schnell mit einem Fill überspielte. Dieser Fehler wurde so populär, dass er von vielen anderen Gruppen, die den von Richard Berry geschriebenen Klassiker seitdem gecovert haben, reproduziert wurde.
Die Breeders hatten 1993 mit ihrem Song "Cannonball" einen Crossover-Hit. Das Intro von "Cannonball" ist für sich genommen schon ikonisch, beginnend mit den verzerrten Harmonien der Deal-Zwillinge, dem klickenden Snare-Rand und Beckenständer und schließlich dem Slide-Bass-Riff der Bassistin Josephine Wiggs.
Aber moment mal, warum slidet sie im Intro aufs A, aber überall sonst zum B?
Während der Proben für den Song kämpfte Wiggs zunächst damit, zum B zu sliden, und landete stattdessen immer wieder auf dem A. Wiggs hielt also an und versuchte dann, die richtige Note zu finden. Schließlich entschied sich die Band, den Slide bis zum A im Intro zu belassen, was dem kraftvollen Track zusätzliche Spannung verleiht.
Der Titelsong vom Master of Puppets-Album war 1986 ein enormer Hit für Metallica und enthält eines der berühmtesten Soli von Kirk Hammett. Er enthält aber auch einen Fehler, der so perfekt war, dass Hammett jahrzehntelang mit unterschiedlichem Erfolg versucht hat, ihn zu rekreieren.
Beim finalen Solo rutschte Hammetts Finger vom Hals und riss die oberste Saite an, was ein hohes Quietschen erzeugte. Auch wenn es vielleicht nicht das war, was er beabsichtigte, wurde das Ergebnis von den Fans und der Band gleichermaßen geliebt und von Guitar World sogar auf Platz 51 der 100 besten Gitarrensoli gelistet.
"Tin roof, rusted!" ist eine geheimnisvolle Zeile, die zu vielen Vermutungen über ihre Bedeutung geführt hat, aber ursprünglich gar nicht Teil des größten B-52s-Hits "Love Shack" sein sollte.
Während der Aufnahme von "Love Shack" wählten The B-52s einen Live-Jam-Ansatz, besonders zum Ende des Stücks. Die Band kam zum Ende und alle stiegen zur gleichen Zeit aus, was Sängerin Cindy Wilson aber nicht bemerkte, als sie mit der "tin roof"-Zeile kam.
Wie man am Gelächter unmittelbar nach dem schüchternen "rusted" hören kann, liebte die Band den Moment und entschloss sich, ihn beizubehalten. Er landete in der Radioversion und wurde zu einer der meistzitierten Zeilen des Songs.
Vergessene und falsche Texte finden mit einer gewissen Regelmäßigkeit Eintritt in veröffentlichte Lieder, aber in manchen wenigen Fälle, gelang es manchen der berühmtesten Sänger*innen der Popmusik die Gelegenheit zu nutzen, um etwas zu schaffen, das noch einprägsamer als der Originaltext ist.
Bill Withers vergaß 1971 bekanntermaßen den Text zu "Ain't No Sunshine". Anstatt das Band anzuhalten, versuchte er, sich etwas Zeit zu verschaffen. Und wie machte er das? Indem er den Text "I know, I know, I know..." wiederholte, bis er die Stelle wieder gefunden hatte. Teil dessen, was den Song ausmacht, ist diese Darbietung; es klingt, als akzeptiere er eine zunehmend schwierige Tatsache.
Elf Jahre zuvor verriet Ella Fitzgerald auf "Mack the Knife" von ihrem Ella in Berlin Live-Album dem Publikum: "Wir hoffen, dass wir uns an alle Texte erinnern". Wie ihr euch wahrscheinlich denken könnt, hat das nicht geklappt. Aber für all das, woran sie sich nicht erinnerte, improvisierte sie einige charmante Zeilen und nahm dafür später während der 3. jährlichen Grammy Awards zwei Grammy Awards mit nach Hause.
Zu dieser illustren Runde gesellt sich auch Fontella Bass, die 1965 bei der Studioaufnahme von "Rescue Me" einige ihrer Zeilen vergaß. Wie Withers hielt aber auch sie die Session am Laufen. "Damals hat man nicht aufgehört, wenn das Band lief", sagte Bass später. "Ich erinnerte mich aus der Kirche daran, was zu tun ist, wenn man den Text vergisst. Ich sang: 'Ummm, ummm, ummm, ummm', und es klappte ganz gut."
Wenn man Musik aufnimmt, ist es verständlich, dass man am liebsten jede Performance und jeden Take makellos haben will. Die Magie des Studios liegt aber oft auch im Experimentieren, in Fehlern und in der Aufgeschlossenheit gegenüber dem, was wirklich zu einem Song passt.
Manchmal können Fehler oder Unfälle sogar andere dazu bringen, diesen Klang zu reproduzieren, wie in den Beispielen mit Phil Collins, Marty Robbins und Kirk Hammett. Manchmal machen sie einen Song unterhaltsamer und einprägsamer, wie bei den B-52s und Radiohead.
Startet noch heute eure Aufnahme-Experimenten — und macht euch nicht zu viele Gedanken über die Fehler.